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«Ungehemmte Schau auf das Flugleben»

Vor hundert Jahren, am 17. Juli 1921, findet am Hallwilersee der erste Flugtag statt. Vor Ort ist auch ein Journalist des «Aargauer Tagblatts». Seine Reportage ist ein eindrückliches Zeitdokument.

Erstellt durch die Verlagsredaktion für die Region Seetal
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Blick vom «Delphin» auf den Hallwilersee.

Blick vom «Delphin» auf den Hallwilersee.

Bild: Gemeinde Meisterschwanden

Der 17. Juli 1921 ist ein sonniger Tag. Am Hallwilersee, oberhalb der «Pension Delphin» in Meisterschwanden, ist die Festwirtschaft bereit für das Publikum, das man in Scharen erwartet. Extra für den Anlass wurde eine Tanz­diele gezimmert. Dies ist der würdige Rahmen für den besonderen Event dieses Sonntags: Am Hallwilersee findet erstmals ein Flugtag statt. Im Vorfeld haben die Verkehrsvereine Fahrwangen, Meisterschwanden und Bünztal-Seetal ordentlich Werbung gemacht. Angebote für die Wohlen-Meisterschwanden-Bahn und für das Dampfschiff sollen das Publikum ins Seetal locken.

Wasserflugzeuge und die Schweizer Seenlandschaft

Hauptattraktion sind zwei Wasserflugzeuge der Zürcher Fluggesellschaft Ad Astra Aero – 250 PS stark das eine, 185 PS stark das andere. Bis zum Einbruch der Dunkelheit werden die zwei Flieger mit je drei Passagieren an Bord auf dem Hallwilersee immer wieder zum Rundflug abheben und wieder auf dem See landen. Ad Astra Aero ist ein Zürcher Start-up-Unternehmen. Nicht Linienflüge bilden zu jener Zeit sein Kerngeschäft, sondern eine «rege Lufttouristik», wie das «Aargauer Tagblatt» im Vorfeld des Flugtags erklärt. Die Gesellschaft bietet mit ihren Wasserflugzeugen Vergnügungs- und kürzere Geschäftsflüge an; die Schweizer Seenlandschaft ist dafür wie gemacht. Damit will Ad Astra Aero unter anderem Goodwill für das neuartige, zukunftsträchtige Transportmittel schaffen. Dass Ad Astra «bis dato unfallfrei» ist, wertet das «Aargauer Tagblatt» denn auch als wichtig, um das «Zutrauen zum neuen Verkehrsmittel in der Schweiz zu heben und zu festigen».

Das für den Anlass gestaltete Werbeplakat.

Das für den Anlass gestaltete Werbeplakat.

Verkehrshaus der Schweiz, Luzern

Mit dem «Dämpferchen»

Auch die Medien interessieren sich für den Flugtag, so auch das «Aargauer Tagblatt». Der Journalist schreibt, wie er also am Sonntag in der Früh «mit dem Dämpferchen über den wundersam lieblichen Hallwilersee» nach Meisterschwanden reist. An Bord schon sieht er fasziniert den beiden Fliegern nach, die mit «wichtigem Lärm und Radau» schwungvolle Zirkel fliegen. Das ist erst der Vorgeschmack auf den ereignisreichen Sonntag. Am Ende des Tages wird er begeistert festhalten, dass dies nicht ein Flugtag, sondern ein «zeitgemässes Volksfest» war. Tatsächlich reisen die Leute in Strömen an, was der Chronist bildstark festhält: «Eng umschlungen stand Fahrrad an Fahrrad in einem gewaltigen Velopark: eine Riesenauswahl für Velo­diebe. Doch die Polizeikommission passte auf.» Der ganze Hang oberhalb des «Delphins» ist «weiss und schwarz betupft»: Ein Verweis auf die Damen in weissen Kleidern und die Herren in Schwarz. Es gibt Wurst und Bier, dazu Unterhaltung durch die Musikvereine Meisterschwanden, Fahrwangen und Sarmenstorf. So geniesst die Menge «eine ungehemmte Schau auf das Flugleben drunten am Strande und droben in den Lüften». Wenn sich «der Apparat von der Wasserfläche hebt», so der Journalist, weht es den Zuschauern in Ufernähe die Hüte vom Kopf, und es geht «ein verhaltenes Ah und Oh durch die Menge». Die Piloten Balthasar Zimmermann und Henry Pillichody sind Helden der Lüfte und auch am Hallwilersee die Stars der Stunde: «Männer mit scharfen Zügen, denen Geistesgegenwart und Verantwortlichkeits­gefühl die Form gegeben haben.»

«Aufwärts, himmelwärts!»

Insgesamt 108 Fluggäste kommen an diesem Tag in den Genuss eines Rundflugs. Ein Rekord für Ad Astra Aero. Der bisherige Rekord-Flugtag von Rorschach (84 Flugpassagiere) wird damit auf den zweiten Platz verwiesen. Der Reporter: «Männlein wie Weiblein, Alt und Jung wollte fliegen. Besondere Hochachtung verdienen die älteren Damen, die sich über alle Vorurteile hinweg- und in die Kabinenfauteuils setzten. Das heisst: mit der Zeit gehen!» Auch der Chronist fasst sich ein Herz und erlebt magische Momente: «Aufwärts, himmelwärts! (…) Die beiden einzig schönen Seen, Hallwiler- und Baldeggersee, liegen in ihrer schimmernden Bläue tief unten. Aarau grüsst aus der Ferne. Über Dörfer, Fluren und Wälder geht’s, in alle Gassen und Dorfplätze hinein gehen wir (…). Man gerät ins Philosophieren: Der Blick ins Weite, der Überblick ist’s, der vielen nottut.»

Flugtag am Hallwilersee.

Flugtag am Hallwilersee.

Bild: Gemeinde Meisterschwanden

Die Historiker Patrick Zehnder und Simon Steiner verfassen eine digitale Dorfchronik. Welche historische Bedeutung hat der Flugtag?

Die Reportage im «Aargauer Tagblatt» erweckt den Eindruck, dass der Flugtag ein Megaevent war. War das übertrieben?

Patrick Zehnder: Nein, es war tatsächlich ein Grossanlass. Es mussten Tausende Menschen angereist sein. Auf der Bahnstrecke von Wohlen nach Meisterschwanden verkehrten Extrazüge. Es war der Beginn der «Roaring Twenties» mit ihrem unbestrittenen Helden Charles Lindbergh, der später als erster Pilot in einem Nonstopflug den Atlantik überquerte. Das Schweizer Pendant dazu bildete Walter Mittelholzer. Als Flugpionier setzte er Massstäbe mit Flügen nach Afrika, Spitzbergen und nach Persien. Ins Seetal kamen die Flugpioniere übrigens, weil es erst wenige Flughäfen und Flugfelder gab. Auf den vielen Seen der Schweiz liess sich aber mit Wasserflugzeugen leicht landen und starten. Von Gewässer- und Uferschutz sprach noch niemand.

Weiss man, was ein Flug am Hallwilersee kostete?

108 Fluggäste aus Tausenden Zuschauern lassen auf einen hohen Preis schliessen. Auch der Eintrittspreis von einem Franken für Erwachsene und der Hälfte für Kinder war beträchtlich. Trotzdem wollte man die Flugschau unbedingt sehen. Die Schrecken des Ersten Weltkriegs lagen nur wenige Jahre zurück. Es herrschte Aufbruchstimmung. Da passten die Doppel­deckerflugzeuge bestens als Botschafter einer besseren Zeit.

Werbung im «Aargauer Tagblatt».

Werbung im «Aargauer Tagblatt».

Archiv / Aargauer Tagblatt vom 16. Juli 1921

Gab es danach weitere Flugtage?

lässe. Am bekanntesten ist der Flugtag von 1931 mit Segelflügen ab Schloss Hilfikon, Depeschenabwürfen, Wettschwimmen und Fallschirmabsprüngen in den See. Einen tiefen Eindruck hinterliess dabei die Fallschirmpionierin Käthe Schulthess.

Was blieb langfristig im Bewusstsein zurück?

Welle der touristischen Erschliessung des Hallwilersees. Die erste Tourismuswelle im 19. Jahrhundert bestand ja aus gut betuchten Leuten, die etwa im «Brestenberg» Bade- und Trinkkuren machten. Nun reduzierten die Industriebetriebe die Arbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche. So konnten sich auch einfache Leute Ausflüge in die nähere Umgebung leisten. Gleichzeitig wuchs das Bewusstsein, frische Luft und Sonnenbäder seien gesund. Deshalb entstand 1928 das Strandbad Seerose in Meisterschwanden und 1935 das Arbeiterstrandbad in Tennwil.

Bitte nicht wegwerfen!

Die Gemeinde Meisterschwanden ­publiziert in regelmässiger Folge his­torische Recherchen als digitale Dorfchronik. Kommendes Thema: «Wo steht eigentlich das Schloss Meisterschwanden?» Wer im Estrich alte Fotos und Dokumente über das Seetal findet, kann sich melden.

www.meisterschwanden.ch Stichwort: Geschichte

Was blieb langfristig im Bewusstsein zurück?

Mit dem Flugtag begann die zweite Welle der touristischen Erschliessung des Hallwilersees. Die erste Tourismuswelle im 19. Jahrhundert bestand ja aus gut betuchten Leuten, die etwa im «Brestenberg» Bade- und Trinkkuren machten. Nun reduzierten die Industriebetriebe die Arbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche. So konnten sich auch einfache Leute Ausflüge in die nähere Umgebung leisten. Gleichzeitig wuchs das Bewusstsein, frische Luft und Sonnenbäder seien gesund. Deshalb entstand 1928 das Strandbad Seerose in Meisterschwanden und 1935 das Arbeiterstrandbad in Tennwil.

Was haben die Flugtage dem Unternehmen Ad Astra Aero letztlich gebracht?

Die Gesellschaft war damals, also um 1921, erst zwei Jahre alt, aber langfristig so erfolgreich, dass sie 1931 mit der Balair zur Swissair fusionieren konnte.