Aargau

Gefrässige Biber dürfen erst ab 10 000 Franken Schaden abgeschossen werden

Der Staat muss Schäden ab 2011 bezahlen.

Biber

Der Staat muss Schäden ab 2011 bezahlen.

Bei massiven Biberschäden erschallt bereits der Ruf nach Abschüssen der geschützten Tiere. Der Bund erlaubt das zum Glück nur in Ausnahmefällen und setzt hohe Hürden.

Nicht allein in Biberstein haben sich die mit Erfolg ausgesetzten Biber wieder angesiedelt. Entlang der grossen Flüsse leben immer mehr Familien, zunehmend weichen sie aus Platzgründen bei genug Futterangebot auch auf die Seitengewässer aus. Neben den Uferauen von Aare, Rhein, Limmat und Reuss «beobachten wir sie auch an der Wyna, Suhre, Uerke, Surb, Pfaffnern, Bünz und am Etzger- und Chrüzlibach», sagt der neue Biberverantwortliche Christian Sutter von der Sektion Jagd und Fischerei in der Abteilung Wald.

Der Aargauer Bestand wird nach wie vor auf rund 270 Tiere geschätzt, in der ganzen Schweiz ergab eine Bestandesaufnahme rund 1600 Biber. «Das nächste Monitoring machen wir erst 2012, bis dann wird es keine neuen Zahlen geben», betont Sutter.

Haben wir bereits zu viele Biber im Aargau und wie werden sich die vor 50 Jahren angesiedelten Tiere weiter ausbreiten? Diese und ähnliche biberernste Fragen stellte Grossrat Sämi Richner (EVP, Auenstein) dem Regierungsrat, auch zu einem Biberkonzept oder wenigstens einem Leitbild des Kantons, zu den Schäden der letzten Jahre und möglichen Abschüssen.

Man kann laut Antwort der Regierung auf die Interpellation beruhigt sein: Wie bei allen geschützten Wildtierarten liegt die Verantwortung beim Bund, der Kanton hat dennoch einen Massnahmenplan in Arbeit. Die weitere Entwicklung ist für den Fachmann schwierig abzuschätzen. Starke und gesund Kernpopulationen sind für die Ausbreitung wichtig. Biber markieren ihr Revier und verteidigen es auch gegen eindringende Artgenossen.

«Konflikte werden zunehmen»

Die Schäden werden steigen, wenn sich die Biber in den Auen an den grossen Flüssen und entlang der Seitengewässer weiter ausbreiten. «Konflikte zwischen Menschen und Bibern werden zunehmen», befürchtet die Regierung, denn der Spass hört spätestens dann auf, wenn die putzigen Tiere Obstbäume im Hausgarten oder in Plantagen fällen, Zuckerrüben verspeisen oder wertvolle Waldbäume umlegen.

Bis Ende dieses Jahres konnten keinerlei Schäden abgegolten werden. Auf der Basis des neuen Aargauer Jagdgesetzes, das seit Anfang Jahr in Kraft ist, ändert sich das jedoch ab Anfang 2011. Der Kanton kann Biberschäden in Landwirtschaft und Wald vergüten, «die Schadensumme ist überhaupt nicht absehbar», erklärt Sutter dazu. Und er schiebt gleich eine wesentliche Einschränkung nach: Ähnlich wie bei den Wildschweinen müssen Bauern und andere Betroffene zuerst einmal zumutbare Massnahmen für die Verhinderung der Schäden treffen.

Zwei versierte Biberbeauftragte hat der Kanton gemäss Regierung in seinen Diensten, den amtlichen Reservatsaufseher und eidgenössisch diplomierten Wildhüter Peter Hohler aus Gipf-Oberfrick und den externen Wildbiologen Andres Beck aus Wettingen. Sie helfen mit, den geistigen Boden vorzubereiten, denn die Zahl der möglichen Aargauer Biber wird «durch die Akzeptanz des Grossnagers in der Öffentlichkeit mitbestimmt», glaubt die Regierung und bezeichnet es als sinnlos, eine ideale oder maximale Bestandesgrösse vorgeben zu wollen.

Klar ist indessen, was die scheuen Wassertiere zum Leben benötigen. Auen sind ideal, «der Auenpark Aargau hat sicher eine positive Wirkung auf die Biber», versichert Sutter. Bäume, am liebsten weichholzige Weiden, fällen sie übrigens nicht aus Zerstörungswut. Die Äste dienen als Nahrung, bei dickeren Bäumen auch die Rinde. Falls nötig können die Biber mit dem Astmaterial Dämme errichten, denn der Eingang zum Biberbau ist immer unter Wasser. Damit schützen sich die Tiere vor unerwünschten Eindringlingen.

Abschuss: Gesuch ans Bundesamt für Umwelt

Der Abschuss von Wildtieren ist als allerletztes Mittel aufgeführt, wenn alle anderen Massnahmen nicht greifen. Die heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit und der Medien auf die Schüsse gegen fremde Vögel und eigene Schwäne wird die Sektion Jagd und Fischerei wohl zu zusätzlicher Vorsicht bringen. Zuerst einmal stützt sich jeder Eingriff in den Bestand auf das Konzept Biber Schweiz. Das heisst: Die Schäden müssen zwingend durch eine Fachperson ermittelt werden, welche auch abklärt, ob die zumutbaren Verhütungen getroffen worden sind. «Wir müssen ein Gesuch ans Bundesamt für Umwelt richten», erläutert Sutter.

Und nur wenn die Schadensumme innert zwei Monaten 10 000 Franken übersteigt, darf der fehlbare Biber entfernt werden. Wer den finalen Schuss befehlen darf, lässt die Regierung offen. «Der Entscheid liegt beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU)», heisst es dazu lapidar. Grossrat Sämi Richner hatte präzis wissen wollen, ob Sektionsleiter René Urs Altermatt allein zuständig sei. «Die Antwort der Regierung ist sehr dürftig ausgefallen», klagt Richner, der in Auenstein die Biber quasi vor der Haustüre hat.

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