Su Freytag sieht sich als Mittlerin zwischen den Kulturen. Trotz ihrer Erkrankung initiierte die soziokulturelle Animatorin 2016 in Frick ein Gartenprojekt für Migranten sowie eine ReparierBar. Ihr ehrenamtliches Engagement ist jedoch nicht völlig selbstlos, sondern auch getrieben von der Suche nach ihren eigenen Wurzeln, dem Wunsch nach Gemeinschaft und einer nachhaltigen Lebensweise.

Die dunklen Haare und Augen von Su Freytag lassen eine ausländische Herkunft vermuten. Die 52-Jährige ist jedoch in Chur aufgewachsen und besitzt einen Schweizer Pass. Ihr Äusseres verdankt sie den italienischen Wurzeln ihrer Mutter sowie ihrem dunkelhaarigen, deutschen Vater. Durch ihr Aussehen wirkten die Freytags wie eine südländische Migrantenfamilie und hatten häufig mit Vorurteilen zu kämpfen.

Als einzige «deutsche» Familie, die noch dazu anonym in einem Hochhaus wohnte, fühlte sich Su Freytag mit ihrem Bruder und ihren Eltern isoliert. Auf dem Schulhof wurde sie ausgegrenzt – wie andere Migrantenkinder auch – und solidarisierte sich daher mit ihren ausländischen Mitschülern. Anstatt üblicher Freizeitaktivitäten spielte sie Gitarre in einer italienischen Schülerband und engagierte sich beim Aufbau des Jugendhauses Chur. «Eine Flucht aus meinem Migrationsdilemma», wie sie heute feststellt.

«Jeder hat seinen Rucksack»

Am Jugendhaus reizte sie das multikulturelle Umfeld sowie das gemeinschaftliche Schaffen. Sie erhielt einen Einblick in das sozialpädagogische Aufgabengebiet, hängte ihren Zahntechnikerberuf an den Nagel und absolvierte eine Ausbildung als soziokulturelle Animatorin (FH). Seitdem hat sie bewusst in unterschiedlichsten Institutionen gearbeitet. Su Freytag liebt die Herausforderung, ob bei der Arbeit mit Drogensüchtigen, geistig behinderten Menschen oder schwer erziehbaren Kindern. «Ich konzentriere mich auf die Stärken eines Menschen. Diese aus ihm herauszulocken, ist das grösste Erfolgserlebnis für mich.» Berührungsängste verspürte sie nie. Durch die gemeinsame Arbeit in einem Schreineratelier, Garten oder Musikraum fand sie den Zugang zu allen ihr anvertrauten Menschen. Ihr persönliches Motto lautet: «Jeder hat seinen eigenen Rucksack. Mitleid hilft nicht. Ich kann nur unterstützen.»

Brücken bauen durch Begegnung

Heute bietet die leidenschaftliche Hobbygärtnerin für Migranten und einheimische Arbeitslose Kurse im biologischen Gemüseanbau an. Die gemeinsame Arbeit in ihrem «Soziokulturellen (SoKu) Garten» soll den ausländischen Teilnehmern helfen, in einem geschützten Umfeld Deutsch zu lernen und mit der Schweizer Arbeitskultur vertraut zu werden. «Keine Aufgabe zu haben, macht Menschen krank», so Freytag. Daher findet sie es wichtig, dass Migranten möglichst schnell eine Arbeit erhalten. 2017 sollen einige Teilnehmer des letztjährigen Kurses als Helfer eingebunden werden. Gibt sie ihren Kursteilnehmern eine Hacke in die Hand, denkt sie jedoch nicht nur an deren Beschäftigung. Sie will ihnen vermitteln, wie sie mit wenig Geld haushalten und aktiv zu einer nachhaltigen Lebensweise beitragen können.

Auch im Umweltschutz möchte Su Freytag neue Prozesse anstossen: 2016 hat sie in Frick erstmalig eine ReparierBar organisiert. Dort flicken Handwerker gegen Spenden «alte Lieblingsstücke», um ihnen wieder neues Leben einzuhauchen. «Ich bin es gewohnt, Sachen selbst zu reparieren, und möchte mithelfen, dass die Müllberge im Fricktal kleiner werden», erläutert sie ihre Motivation für das Projekt. Ihre Kreativität und ihr handwerkliches Geschick verdankt sie der Mithilfe im Orgelbaubetrieb des Vaters sowie dem Ausbau ihres eigenen Hauses. Auch ihre Teilnehmer aus dem Gartenkurs sind in die ReparierBar eingebunden. Sie bringen den Besuchern ihre Kultur näher, indem sie ihnen Speisen aus ihrem Herkunftsland anbieten. Auf diese Weise haben beide Seiten die Möglichkeit, sich «auf neutralem Boden» kennen zu lernen.

Taten statt Worte

Die energiegeladene Frau sprudelt nur so von neuen Ideen und Visionen. Und das, obwohl ihr der eigene Körper seit zehn Jahren deutliche Grenzen aufzeigt: Su Freytag leidet unter chronischen Erschöpfungszuständen. Länger als eine bis zwei Stunden am Stück kann sie nicht arbeiten, dann muss sie sich zunächst ausruhen. Doch sie lehnt sich nicht zurück. Im Gegenteil, durch ihre Projekte versucht sie, sich selbst wieder ins Berufsleben zu integrieren. In den Wintermonaten unterstützt sie ihre Kursteilnehmer bei der Arbeits- und Wohnungssuche. «Ich möchte mit Taten helfen anstatt mit Worten.» Ihre Projekte sind jedoch ein Geben und Nehmen: Durch den SoKu-Garten hat sie viel über die unterschiedlichen Kulturen der Migranten gelernt. Vor allem aber geniesst sie die Gemeinschaft mit ihnen, denn durch ihre Erkrankung ist sie tagsüber oft auf sich gestellt.

Zu Hause fühlte sich Su Freytag bisher eigentlich nirgends. Erst durch eine Südamerika-Reise hat sie wieder «eine Heimat» in sich selbst gefunden. Jetzt ist sie «angekommen» in der Schweiz. Sie wohnt in einem alten Bauernhaus mit Holzatelier und Garten auf dem Bözberg. «Gefühlsmässig liegen meine Wurzeln jedoch in Kuba», schwärmt sie und greift nach der Gitarre, um den Klängen des Salsa Cubana zu lauschen.