Kolumne
Zwischen Dinosauriern und Wolkenkratzern: Schiere Grösse ist überwältigend

In ihrer Kolumne schreibt Annemarie Pieper über Dinosaurier, Wolkenkratzer und Grosskotze.

Annemarie Pieper
Annemarie Pieper
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Überwältigende Grösse: Wolkenkratzer in New York.

Überwältigende Grösse: Wolkenkratzer in New York.

Keystone

Schiere Grösse ist überwältigend. Zutiefst beeindruckt beginnt die Fantasie zu schweifen, so etwa beim Anblick der Überreste eines über 200 Millionen Jahre alten Plateosauriers, die in der Fricker Tongrube entdeckt wurden. Acht Meter lang und tonnenschwer übertrifft er alle heute auf dem Festland lebenden Tierarten. Kaum vorzustellen, wie wir uns schützen könnten, gäbe es noch solche kolossalen Kreaturen, mit deren Raum- und Nahrungsbedürfnissen wir uns arrangieren müssten, um nicht erdrückt oder zermalmt zu werden.

Die Dinosaurier sind ausgestorben, und wir bestaunen ohne Angst ihre gigantischen Ausmasse. Dass die Natur Dinge im Verlauf der Evolution hervorgebracht hat, deren Dimensionen alles von Menschen Gemachte in den Schatten stellen – Gebirge, Wasserfälle, Ozeane, Sterne –, weckt immer wieder Bewunderung und inspiriert zur Nachahmung. Die Pyramiden, die Chinesische Mauer, Kathedralen und Wolkenkratzer sind Monumente, die von der Lust am Erschaffen grossformatiger Kunstprodukte zeugen.

Doch nicht alles körperlich Grosse gefällt. Wer XXL-Kleider benötigt, geniesst wenig Ansehen. «Sie sind ein Elefant, Madame» wird im Modegeschäft einer korpulenten Dame uncharmant beschieden. Überall, wo etwas Grosses der Form entbehrt, als massig, plump oder schwammig empfunden wird, geht das Staunen in Abneigung über. Selbst die gutmütigen Riesen, mit denen Jonathan Swift seinen Helden Gulliver auf einer seiner Reisen konfrontiert, entpuppen sich wegen ihrer fehlenden Feinmotorik als schreckliche Tollpatsche, die mit ihrer Unachtsamkeit alles Kleine zerquetschen.

Ein wahrhaft grosser Mensch hat Qualitäten, die nicht an seiner Figur festgemacht sind, sondern die Grossartigkeit seines Denkens und Handelns hervorheben. «In einer grossen Seele ist alles gross.» (Pascal) Sie ist grossmütig, grosszügig und grossgesinnt. Beflügelt von «Lust und Liebe» bricht sie auf zu «grossen Taten». (Goethe) Die grosse Seele ruht in sich selbst, sie kennt ihr Mass und ihre Identität, wie es das Bild vom «grossen Mittag» (Nietzsche) veranschaulicht. Wenn die Sonne im Zenit steht, verschwinden die Schatten, und die Dinge zeigen sich in ihrer ungeteilten Einheit.

Ganz anders der Grosskotz. Er legt es auf einen möglichst grossen Schattenwurf an, in dem er die Schar seiner Anhänger als konturlose Masse für sich zu vereinnahmen trachtet. Grossmannsucht mündet in Grössenwahn, von dem vorwiegend das männliche Geschlecht befallen ist. Das Grosse allein genügt ihm nicht, es muss schon das Allergrösste sein, dessen Besitz unüberbietbare Machtfülle verheisst. Frauen hat man nur eine schöne, aber keine grosse Seele zuerkannt, allenfalls noch eine mit stiller Einfalt gepaarte edle Grösse, wie Winckelmann sie der griechischen Kunst attestierte. Frauen lachen deshalb, wenn Potentaten mit Kastratenstimmen ihre Machtgelüste auf den Fittichen von Wut und Aggression in die Welt geifern.

Zur Autorin: Annemarie Pieper war von 1981–2001 Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Sie lebt seit 1988 in Rheinfelden. Letztes Buch: «Nachgedacht. Philosophische Streifzüge durch unseren Alltag» (Basel 2014)