Einkaufstourismus
Zwei Stunden für das Päckli-Holen – aber nur noch heute Donnerstag

Zuerst der Schock, dann die Erleichterung: Bestellte Waren dürfen noch bis am Donnerstag in Deutschland abgeholt werden.

Horatio Gollin, Melanie Völk, Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
Maik Gregl vom Paketshop PaketStopGo bei Annahme einer neuen Anlieferung.

Maik Gregl vom Paketshop PaketStopGo bei Annahme einer neuen Anlieferung.

Horatio Gollin (23.12.2020

Baden-Württemberg stoppt den Einkaufstourismus: Seit Mittwoch profitieren auch Schweizer aus den Grenzkantonen nicht mehr von der 24-Stunden-Regel und müssen in Quarantäne. Als die neue Verordnung am Dienstagnachmittag publik wurde, stürmten Schweizer die Paketshops und Läden; sie wollten ihre bestellten Waren noch abholen. Entsprechend staute sich am Abend der Verkehr in der Region. Er habe zwei Stunden von Frick nach Bad Säckingen und zurück gebraucht, berichtet ein Paketabholer der AZ.

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste: Das Bundesland sah in der Verordnung eine Ausnahmeklausel vor: All jene, die ihre Waren vor dem 22. Dezember bestellt hatten, durften sie gestern und dürfen sie heute noch abholen.

«Den Chef können Sie nicht sprechen. Bei uns ist die Hölle los», erklärte die Mitarbeiterin der Metzgerei Schneider, die in badisch Rheinfelden und Schwörstadt drei Filialen betreibt, am Telefon. Die Mitarbeiterin fand, dass die Verordnung irreführend gewesen sei und in der Metzgerei alle erleichtert seien, dass Kunden aus der Schweiz ihre Bestellungen nun doch noch abholen können. Allerdings gingen auch am 23. Dezember noch Stornierungen von Bestellungen ein.

Überrascht, dass die Verordnung so schnell in Kraft trat, war Maik Gregl vom Rheinfelder Paketshop PaketStopGo. Die Ausnahme war ihm zunächst nicht klar und deshalb wurden am 22. Dezember alle Schweizer Kunden abtelefoniert. In der Folge wurde der Laden überrannt, manche Kunden kamen aber auch erst am Mittwoch. Gregl erzählt, dass viele Kunden wütend über die Verordnung waren, manche sogar Tränen in den Augen hatten. «Natürlich muss man Corona ernstnehmen, aber durch dieses Hin und Her macht man die Leute doch psychisch krank», kritisiert er die deutsche Politik.

Auch Martin Schmidt, Geschäftsführer der Schmidt’s Märkte, ist erleichtert über die Ausnahmeregelung. Der Handelsverband habe ihn gleich am Morgen informiert. Und seither übergeben die Mitarbeiter der Schmidt’s Märkte die bestellten Waren an die Kunden.

Ordnungsamt kontrollierte die Kunden

Dass die Ausnahmeregelung als Freifahrtschein für den Einkaufstourismus genutzt wurde, glaubt Schmidt nicht. Denn: Schon seit dem frühen Morgen kontrollierten Mitarbeiter des Bad Säckinger Ordnungsamtes auf dem Parkplatz des Marktes die Kunden. Was hält der Kaufmann generell von den neuen Quarantäneregeln? «Natürlich ist es schwierig, wenn die Schweizer Kundschaft fehlt, aber wir verstehen es und wollen zum allgemeinen Wohl beitragen», sagt Martin Schmidt. Im Schnitt kommen 30 Prozent seiner Kunden aus der Schweiz.

Schwer mache es die Kurzfristigkeit, so Schmidt. Denn in den Bad Säckinger Märkten sei auch von allen nicht bestellten Waren zu viel im Lager. Und so musste eine Menge an die anderen Standorte verteilt werden, sodass diese ihre Bestellungen ausgesetzt haben und die Ware aus Bad Säckingen nutzen. «Wir wollen ja nichts wegschmeissen.»

Metzgermeister Wolfgang Ebner aus Waldshut-Tiengen bezeichnet die aktuellen Entwicklungen schlicht als «katastrophal». Kaum sei am Dienstag die Nachricht des faktischen Einreiseverbots bekannt geworden, hätten viele Kunden von jenseits des Rheins ihre Vorbestellungen für die Weihnachtstage storniert. Ebner: «Für uns bedeutet dies grosse Verluste.» Denn das Fleisch könne er so nicht eins zu eins weiterverkaufen. Wenn überhaupt, dann oft nur zu deutlich günstigeren Preisen.