Frick
Zurück in die Zukunft: So wurde in Frick vor Ankunft der Migros eingekauft

Heute wird die «geliftete» Migros eröffnet. Zeit, einen Gang zurückzuschalten. Eine Spurensuche, wie früher in Frick eingekauft wurde. Noch ohne Migros.

Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
Die Migros ist da: Am 28. August 1952 eröffnete der Grossverteiler seinen ersten Laden an der Hauptstrasse neben dem «Rebstock». Er war gerade einmal 120 Quadratmeter gross.

Die Migros ist da: Am 28. August 1952 eröffnete der Grossverteiler seinen ersten Laden an der Hauptstrasse neben dem «Rebstock». Er war gerade einmal 120 Quadratmeter gross.

Zur Verfügung gestellt

Der Umbau ist Geschichte. Heute wird die Fricker Migros-Filiale nach einem sechsmonatigen Um- und Ausbau wiedereröffnet. Schöner, heller, grösser.

Die Geschichte ist ein steter Umbau. In den letzten 70 Jahren hat sich die Fricker Dorfstrasse und das Leben an und mit ihr grundlegend verändert. Es ist lärmiger geworden, schneller, volatiler, hektischer. Der Schwatz beim Metzger ist der virtuellen Wischbewegung auf dem Handy gewichen, Ross und Wagen haben an PS zugelegt – man kann auch sagen: Das Ross fährt heute im Wagen mit. Die tannigen Hosen, die so unsäglich juckten, sind bequemen Jeans gewichen und statt Miststöcke an der Strasse finden sich Zigarettenstummel und Bremsspuren auf der Strasse.

Massgeblich mitgeprägt haben diese bis heute andauernde Veränderung, dieses Facelifting im Dauerabo, die Läden und Beizen entlang der Hauptstrasse. Sie sind gekommen, gegangen, geblieben. Sie sind die Seele der Dorfstrasse und in manch einem Haus verlor man zwar nicht seine Seele, aber zumindest doch (temporär) die Standfestigkeit.

Der stete Umbau schreibt Geschichte, schreibt Geschichten.

Eine Frage der Perspektive

Frick, 1947. Nachkriegszeit. Peter, 15, hilft wie alle Kinder im elterlichen Betrieb mit. «Die Zeit war ärmlich», sagt er heute. Doch das habe er in diesem Moment nicht so wahrgenommen. «Alle waren ja in der gleichen Situation.» Wer in der Zeit lebt, lebt die Zeit, wie sie ist. Erst der Rückblick ordnet ein.

Die Zeit, das waren: elf Beizen, drei Metzger, drei Bäcker, drei Lebensmittelgeschäfte. Der Coop, der damals noch Konsumgenossenschaft hiess, war 1920 nach Frick gekommen. 1932 bezog er ein grösseres Geschäft an der Hauptstrasse, gleich neben der Metzgerei Blaser, dort, wo heute ein Reisebüro Ferienträume wahr werden lässt. Damals träumte man einfacher.

Wobei: Gross war auch der neue Laden nicht wirklich, wozu auch, vieles gab es noch gar nicht und anderes holte man direkt bei den Erzeugern. Anken, Milch, Eier etwa. Peter rümpft die Nase, wie er sich an die «Eierflut» zu Hause erinnert. Die Bauern hätten in den Geschäften gerne mit Anken oder Eiern bezahlt. «Und so gab es bei uns oft Omeletten und andere Eierspeisen.»

Wie gerne hätte Peter stattdessen ein Täfeli Schokolade gehabt oder auch zwei, doch die Mutter sagt dann meist: «Im Schrank hat es Kekse.» Als sie ihn einmal, als er nicht in die Handorgelstunde gehen wollte, fragte, was er denn gerne spielen möchte, und er sagt: Klavier, lachte sie nur und entgegnete: «Das ist nichts für unserein.»

Unserein, das war fast ganz Frick, und unserein musste sich nach der Decke strecken, auch bei den Lebensmitteln. Das Gemüse pflanzte man selber an, Bohnen etwa, die man dörrte und die einen den ganzen Winter über verfolgten. «Tiefkühltruhen und Kühlschränke gab es eben noch nicht», sagt Peter achselzuckend. Kaum vorstellbar, heute, im Zeitalter der «Ich werfe noch schnell eine Tiefkühlpizza in den Ofen»-Generation.

Der Einheits-Käse

Wurstwaren gab es nur zu besonderen Anlässen und die Käsevielfalt war eher eine Einfalt. Der Benz Gusti, einer der Lebensmittelhändler, führte einzig Emmentaler. Und Schachtel-Käse, den Hit jener Zeit. Der Schuhmacher Päuli an der Bahnhofstrasse hatte zusätzlich Tilsiter im Sortiment, den er stets selber in Basel holte. Die Auslagen beim Metzger waren noch unmariniert und beim Beck holte man Halbweiss- oder dunkles Brot. Und am Sonntag Gipfeli. Zehn gab es für einen Franken – «und bei zehn erst noch zwei gratis dazu».

Frick, 1952. Ein Neuer kündigt sich an. Die Migros. «Die Geschäftsleute hatten überhaupt keine Freude», erinnert sich Peter. Auch wenn sie auf Reisen selber schon mal in der Migros einkauften. Reden und Handeln waren schon damals zweierlei.

An einem sonnigen Tag, es muss im Mai 1952 gewesen sein, spaziert, nein, stolziert Pfarrer Otto Knecht durchs Dorf, bleibt bei der Baustelle neben dem «Rebstock» stehen, seufzt tief. «Ich sage euch, die fressen die Kleinen auf.»

Die, das sind die Grossen, das sind Coop und Migros. Wenige Wochen später, am 28. August 1952, eröffnet die Migros an dieser Stelle ihre erste Fricker Filiale. Auf 120 Quadratmetern, mit einigen hundert Produkten. 1982 baut sie ihre neue Filiale im Unterdorf, dort, wo früher der «Löwen» stand. Die geliftete Migros, wie sie sich ab heute präsentiert, führt 18 000 Artikel mit einer Verkaufsfläche von 2000 Quadratmetern. Coop, schräg vis-à-vis, bringt es auf 2600 Quadratmeter und 25 000 Artikel.

«Das Food-Sortiment wird nochmals ausgebaut», sagt Patrick Häfliger, Teamleiter Presse bei Coop, auf Anfrage. Neu sind zudem «zeitsparende Self-Checkout-Kassen» in Betrieb gegangen. Bei der Migros heissen diese «Subito»-Kassen und, ganz klar, sie sorgen ab heute auch in Frick für einen noch schnelleren Einkauf.

Frick, 2015. Der Umbau ist Geschichte. Bis er selbst wieder Geschichte ist.