Pandemie
Zurück in die Normalität? Das wird für die Altersheime Frick und Laufenburg ein langer Weg

Ein Coronaausbruch schüttelte die Altersheime Frick und Laufenburg durch. Inzwischen sind die Zimmer wieder belegt. Eine Nachbetrachtung.

Thomas Wehrli
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Andre Rotzetter: «Die Angestellten haben einen Super-Job gemacht.»

Andre Rotzetter: «Die Angestellten haben einen Super-Job gemacht.»

Bild: Alex Spichale

Eine solche Ausnahmesituation möchte Andre Rotzetter «nie, aber gar nie» mehr erleben. Rotzetter ist Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal (VAOF). Innert weniger Tage starben Ende letzten Jahres 42 Bewohner in den beiden Altersheimen, die der Verein in Frick und Laufenburg betreibt, an den Folgen von Corona. Das ist jeder vierte Bewohner.

Den Massenausbruch konnte auch das hauseigene Contact-Tracing-System nicht verhindern, das der VAOF kurz zuvor in Betrieb genommen hatte. «Es traten mehrere asymptomatische Infektionsketten gleichzeitig auf. Dagegen war das Contact-Tracing chancenlos.»

Ein halbes Jahr später. Die Lage in den beiden Alterszentren hat sich längst wieder normalisiert. Coronabedingte Todesfälle gab es seit Dezember keine mehr, und die Bewohner sind seit Februar geimpft.

«98 Prozent liessen sich impfen», sagt Rotzetter. Bei den Angestellten hat er keine genauen Zahlen. Er schätzt aber, dass rund 70 Prozent der Angestellten geimpft oder genesen sind. Beim Massenausbruch im Dezember wurde rund ein Drittel der Angestellten positiv auf Corona getestet.

Bewohner müssen keine Maske tragen

Einschränkungen gibt es in den beiden Alterszentren nur noch wenige. Die Aktivitäten und Aktivierungsprogramme sind wieder hochgefahren, es wurden sogar neue Angebote lanciert. Die Bewohner essen wieder gemeinsam in den Speisesälen und Masken müssen sie keine tragen. Auch die Nichtgeimpften nicht. «Wir behandeln alle Bewohner gleich. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen, ob und wie er sich vor einer Infektion schützt.»

Anders die Angestellten und Besucher; für sie gilt nach wie vor eine strikte Maskenpflicht im Haus. Das ist nicht angenehm, so Rotzetter, «aber vom Bund so vorgegeben». Wobei er keinen Hehl daraus macht, dass er mit dieser Regelung nicht glücklich ist.

«Die Bewohner sind ja geimpft. Deshalb macht eine generelle Maskenpflicht für Besucher und Angestellte keinen Sinn mehr.»

Seine Forderung: «Wer als Besucher oder Angestellter geimpft, getestet oder genesen ist, sollte von der Maskenpflicht befreit werden.» Natürlich sorge die Impfung nicht für einen 100-prozentigen Schutz, räumt Rotzetter ein, «aber den gibt es nirgends».

Er vermutet hinter der Aufrechterhaltung der Maskenpflicht weniger eine medizinische als vielmehr eine gesellschaftliche Problemstellung: Wenn die Maskenpflicht fällt, weiss jeder, wer sich impfen liess und wer nicht. «Das kommt einem Pranger gleich.»

Besuchszeiten wieder wie in Vor-Corona-Zeiten

Einfach ins Alterszentrum hineinspazieren können Besucher aber nicht. Sie müssen sich im Vorfeld registrieren und erhalten einen Besucherpass und einen Hausschlüssel. Beim Betreten loggen sie sich damit an einer Smartwatch ein, dem Contact-Tracing-System der Heime, und beim Verlassen geben sie die Uhr wieder ab. «So können wir alle Kontakte einer Person im Falle einer Coronainfektion zurückverfolgen.» Das funktioniere bestens und erleichtere die Arbeit erheblich, sagt Rotzetter.

Seit dieser Woche gelten in den beiden Alterszentren auch wieder die gleichen Besuchszeiten wie vor der Pandemie. Allerdings: «Wir bitten die Angehörigen, nicht vor 10 Uhr zu kommen», sagt Rotzetter. Denn, das hat die pandemiebedingte Komplettschliessung gezeigt: «Angehörige bringen immer auch Unruhe ins Heim.» Der Geschäftsführer meint dies nicht negativ. «Wir haben einfach festgestellt, dass es viele Bewohner stresst, wenn die ersten Besucher bereits um 8 Uhr in der Türe stehen und sie den Tag nicht in Ruhe anlaufen lassen können.»

Die Ruhe. Sie war gespenstig in den Wochen nach dem Massenausbruch. Die Bewohner mussten in ihren Zimmern bleiben, konnten mit ihren Angehörigen nur noch per Telefon sprechen. Die Angestellten schoben unter Notrecht Schicht um Schicht, arbeiteten zum Teil fast bis zum Umfallen. Und immer sass die Unsicherheit im Nacken: Haben wir es hinter uns? Oder kommt eine zweite Welle?

Extremsituation auch ­emotional verarbeiten

Sie kam nicht. «Zum Glück», sagt Rotzetter. Die Angestell- ten hätten einen «Super-Job gemacht. Der VAOF hat deshalb unter anderem den Angestellten einen Bonus ausbezahlt. Als Spartenpräsident Pflegeinstitutionen beim Verband der Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen im Kanton Aargau weiss er:

«Nicht alle sahen das so, und viele Pflegeheime konnten sich einen Bonus nicht leisten.»

Mit einem Bonus allein sei es aber nicht getan, sagt Rotzetter. «Ebenso wichtig ist es, eine solche Extremsituation emotio- nal aufzuarbeiten.» Er verhehlt nicht, dass auch Fehler passiert sind. «Das ist menschlich. Wichtig ist, diese auszusprechen und daraus zu lernen.» Als Team wie als Einzelperson.

Der VAOF bot den Angestellten zur Verarbeitung auch Team- und Einzelcoachings an. «Das Angebot wurde aber nicht rege genutzt», sagt Rotzetter.

Diese Aufarbeitung ist nach wie vor im Gang. Nächste Woche findet ein weiteres Treffen zwischen einem Teil der Angestellten und der VAOF-Spitze statt. «Im Dialog zu sein, ist das A und O, um gemeinsam vorwärts zu gehen.»

Aufwärts ist es nach den vielen Todesfällen bei der Neu- vermietung der Zimmer schnell gegangen. «In Frick hatten wir schon nach wenigen Wochen wieder Vollbestand», sagt Rotzetter und fügt hinzu:

«Das Tempo hat selbst mich überrascht.»

In Laufenburg dauerte es deutlich länger. «Dies liegt auch an der Lage», sagt Rotzetter. Frick habe das deutlich grössere Einzugsgebiet, Laufenburg liege peripherer. «In Laufenburg fiel es uns schon vor der Pandemie schwerer, das Haus voll auszulasten.» Inzwischen sind aber auch in Laufenburg alle Zimmer belegt. «In Frick haben wir teilweise sogar wieder eine Warteliste.»

Dass andere Altersheime mehr Mühe bekunden, die Zimmer wieder zu besetzen, kann laut Rotzetter mehrere Ursachen haben. Eine ist die Lage, ein anderer der Ruf. «Je besser das Image, desto besser ist ein Haus ausgelastet.» Er weiss von Heimen, die bis zu 20 Prozent Leerstände haben.

Eine dritte Impfung? Rotzetter ist skeptisch

Corona. Wie geht es weiter? Die beiden VAOF-Heime gehörten ja zu den ersten im Aargau, in denen geimpft wurde. Das halbe Jahr, in dem die Impfung «garantiert» schützt, ist damit bald um. Folgt also im Spätsommer die dritte Impfung in den Pflegeheimen? Rotzetter mag nicht so recht daran glauben. «Man weiss einfach noch zu wenig über den Impfschutz.» Aktuell spreche man ja bereits davon, dass die Impfung neun bis zwölf Monate schütze. Rotzetter zuckt mit den Schultern. «Es kommt, wie es kommt – nur ein Massenausbruch darf nie mehr kommen.»