Pflegeheim
Zu viele Betten geplant - finanzielle Probleme drohen

Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal (VAOF) und CVP-Grossrat, warnt vor Überkapazitäten in den Pflegeheimen. Er schliesst auch Konkurse nicht aus.

Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
Mehr und stärker pflegebedürftige Menschen lassen die Kosten für die Gemeinden steigen. Symbolbild: Hanspeter BÄrtschi

Mehr und stärker pflegebedürftige Menschen lassen die Kosten für die Gemeinden steigen. Symbolbild: Hanspeter BÄrtschi

Herr Rotzetter, der Kanton hat das Projekt «Zeitvorsorge» gestoppt. Hat Sie dieser Entscheid überrascht?

Andre Rotzetter: Überhaupt nicht. Der Entscheid passt zur aktuellen politischen Situation im Kanton: Sobald ein Projekt etwas Geld kostet, wird es gestoppt oder gar nicht erst gestartet. Selbst die sinnvollsten Aktionen fallen der Sparwut zum Opfer. Das gilt insbesondere für den Palliativbereich. Hier besteht grosser Handlungsbedarf – doch man lässt ihn einfach liegen. Weil es kostet.

Da spricht der CVP-Grossrat in Ihnen. Als Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal (VAOF) könnten Sie sich doch eigentlich über den Projektstopp freuen: Ein «Konkurrent» weniger, der im Altersmarkt mitmischt.

Mitnichten, denn jede Massnahme, die mithilft, dass die Senioren länger zu Hause leben können, ist für uns positiv.

Mit Verlaub: Das tönt nun so, wie wenn ein Koch seine Gäste davon abhalten wollte, in seinem Restaurant zu essen.

(Lacht.) Das wäre vielleicht so, wenn ich ein privates Pflegeheim leiten würde. Der VAOF aber gehört den Gemeinden und diese wollen, dass die Kosten so tief wie möglich bleiben. Ein neues Pflegeheim zu bauen, würde rund 45 Millionen Franken kosten. Das ist viel Geld, das wir lieber nicht ausgeben, wenn es nicht zwingend nötig ist. Daher sind wir froh um jeden Senior, der zu Hause alt werden kann. Wir unterstützen deshalb auch aktiv Bestrebungen, die das Altwerden in den eigenen vier Wänden ermöglichen.

Das ist löblich, aber das Zuhause-alt-Werden setzt auch voraus, dass es genügend Freiwillige gibt, die sich um andere Menschen kümmern. Heute heisst es indes sofort: Wo ist mein Profit? Auch das Projekt «Zeitvorsorge» operierte mit einem Gegenwert, nämlich einer Zeitgutschrift.

Das mag für die Städte stimmen. Im Fricktal haben wir kein Problem damit, genügend Freiwillige zu finden. Insofern wäre das Projekt «Zeitvorsorge» bei uns kontraproduktiv gewesen. Im Fricktal ist die Nachbarschaftshilfe noch die Normalität. Man gibt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und baut darauf, dass die nächste Generation ebenfalls geben wird.

Projekt gestoppt: Es ist nicht die Zeit der Zeitvorsorge

Die Idee tönte verlockend: Rüstige Rentner helfen Senioren, die den Alltag nicht mehr alleine meistern können. Dafür erhalten sie Zeitgutschriften, die sie einlösen können, sobald sie selber auf Hilfe angewiesen sind. Doch daraus wird (vorläufig) nichts: Der Kanton hat das Pilotprojekt «Zeitvorsorge», das durch einen Vorstoss von CVP-Grossrätin Theres Lepori initiiert wurde, in dieser Woche aus finanziellen Gründen gestoppt. Das Problem sind dabei weniger die Projektkosten von 690 000 Franken für den fünfjährigen Testlauf, als vielmehr allfällige Folgekosten. Denn für den Fall, dass keine Rentner nachkommen, welche die bereits erwirtschafteten Zeitguthaben abarbeiten, müsste der Kanton einen Garantiefonds in Millionenhöhe einrichten. (twe)

Und das funktioniert heute noch? Kann man in einer Zeit der zunehmenden Egomanisierung wirklich noch auf die anderen bauen?

Ja, und es funktioniert sogar bestens. Wir haben in jedem unserer beiden Heime über 100 Personen, die ehrenamtlich mitarbeiten. Eine Gegenleistung hat noch nie jemand erwartet. Ihre Motivation ist, zu helfen, eine Aufgabe zu übernehmen, für andere da zu sein. Ich kann mit den Schwarzmalern wenig anfangen, die unablässig verkünden, die Zeit der ehrenamtlichen Arbeit sei abgelaufen.

Ist es nicht fünf vor zwölf?

Nein, es wird in der Schweiz nach wie vor sehr viel ehrenamtlich geleistet – und das wird in Zukunft nicht anders sein. Richtig ist: Die Freiwilligenarbeit hat sich verändert. Früher verpflichteten sich die Leute für eine recht lange Zeit, liessen sich beispielsweise für vier Jahre in einen Vorstand wählen. Eine derartige Verbindlichkeit wollen heute immer weniger Leute, gerade auch immer weniger ältere Personen. Sie wollen ungebunden sein und auch mal, wenn es sie juckt, spontan auf eine längere Reise gehen. Das heisst nun aber nicht, dass diese Menschen keinen Einsatz mehr für die Gesellschaft leisten wollen. Sie wollen ihn einfach zeitnaher leisten. Für projektbezogene und damit eher kurzzeitige Einsätze wird man immer genügend Freiwillige finden.

Was heisst das nun für die ehrenamtliche Altersarbeit in der Region?

Wir überarbeiten aktuell unseren Strategiebericht und lassen diese gesellschaftlichen Veränderungen darin einfliessen. Konkret heisst das: Das ehrenamtliche Moment wird zwar weiterhin kostenlos sein, aber die Verbindlichkeit muss in irgendeiner Form abgegolten werden. Ein Beispiel: Wenn jemand den ganzen Samstag über zu Hause bleiben muss, weil er einen Pikettdienst übernimmt, schränkt das seinen Bewegungsradius massiv ein. Das kann man nicht unter dem Begriff Ehrenamtlichkeit subsumieren, sondern das muss man spezifisch honorieren.

In der Quintessenz läuft das aber auch darauf hinaus: Präsenz gegen Geld.

Es geht um Verlässlichkeit. Wenn jemand in einem Betrieb auf Pikett ist, wird ihm das auch entschädigt. Und anders kann das auch nicht sein, wenn jemand freiwillig und ehrenamtlich auf Pikett zu Hause bleibt – für den Fall, dass beispielsweise ein Senior in einer Alterswohnung ein Problem hat und Hilfe braucht.

Die Alterswohnungen stehen für einen anderen Trend: Wir schieben den Gang ins Heim möglichst lange hinaus.

Wenn wir ehrlich sind: Jeder von uns will zu Hause alt werden. Die wenigsten sagen: Juhui, jetzt gehe ich ins Pflegeheim. Die meisten sind Zwangsumzieher, sie gehen ins Heim, weil es nicht mehr anders geht. Ich werde ebenfalls so gehen. Diesem Wunsch müssen wir als Leistungserbringer Rechnung tragen, wenn wir die Altersvorsorge in der Region planen. Das heisst: Wir müssen Strukturen schaffen, damit die Menschen möglichst lange zu Hause bleiben können. Eines der Hauptprobleme, das ältere Leute zu Hause haben, ist die Sicherheit. Dort müssen wir ansetzen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir den Senioren in den Dörfern das Gefühl von mehr Sicherheit geben können. Das hilft, dass sie nicht, nur weil sie sich nicht sicher fühlen, zu früh ins Heim gehen müssen.

Wie kann man dieses Gefühl geben?

Wir haben ein technisches Hilfsmittel entwickelt, eine Notruf-App für das Handy. Die App haben wir in den Alterswohnungen in Frick erfolgreich eingeführt. Angedacht ist, diese App auch in den Dörfern einzusetzen. Das heisst: Jeder Senior, der noch zu Hause wohnt, kann den Dienst buchen; fühlt er sich in Not, kann er auf «Notruf» drücken und das Telefon geht an den jeweiligen Pikettdienst. Der Vorstand wird demnächst über die Ausweitung des Projektes entscheiden.

Wie sind die Erfahrungen mit der App? Fühlen sich die Senioren sicherer?

Wir haben die App zusammen mit den Senioren entwickelt. Die Resonanz ist gut und dank der App, das ist ein angenehmer Nebeneffekt, sind unter den Bewohnern auch neue Kontakte entstanden. Eine Funktion der App ist der Sicherheitscheck. Jeder Benutzer gibt zu einer festgelegten Zeit ein Lebenszeichen. Vergisst er es, fragt die Zentrale nach. Das gibt den Bewohnern schon ein Sicherheitsgefühl. Klar ist aber auch: Die Technik kann den Menschen nie ersetzen.

So wenig, wie Apps und Co. vielen den Gang ins Heim ersparen können. Er kommt zwar später, aber er kommt. Angesichts der zunehmenden Alterung der Gesellschaft warnen viele bereits vor einem Pflegebettennotstand.

Das wird schwarzgemalt. Denn die Menschen werden nicht nur älter, sondern sie werden auch viel gesünder älter. Das heisst: Die Zeit, die sie in einem Heim verbringen müssen, wird kürzer. Die demografische Veränderung führt deshalb nicht zwingend dazu, dass wir mehr Pflegebetten benötigen. Bei uns gehen sogar bereits Anfragen von anderen Heimen ein, ob wir Leute auf der Warteliste haben, die dringend einen Platz benötigen, denn sie hätten noch leere Betten. Das sind Anzeichen, dass in verschiedenen Regionen Überkapazitäten geschaffen wurden.

Und im Fricktal?

Ein guter Gradmesser wird sein, wenn im Herbst der Salmenpark in Rheinfelden eröffnet wird. Ich denke, dass wir ab 2025, wenn die Babyboomer in die Heime kommen, zusätzliche Plätze benötigen – aber nie in dem Umfang, mit dem der Kanton gerechnet hat. Die Richtwerte, mit denen der Kanton operiert hat, waren zu hoch; man stützte sich bei der Berechnung auf eine Schweizer Studie ab, die aber auf Daten aus Deutschland fusste – und diese lassen sich nicht eins zu eins auf die Schweizer Gegebenheiten adaptieren. Als einzige Region rechneten wir von Anfang an mit tieferen Kennwerten. Deshalb laufen wir nun auch nicht in eine Überkapazität hinein.

Überkapazitäten kommen teuer zu stehen. Hat der Kanton da versagt?

Der Kanton gibt Richtwerte heraus, zuständig sind jedoch die Gemeinden. Jene Kommunen, die ihre Situation nicht selber analysiert haben, sondern sich voll auf die Daten des Kantons abgestützt haben, laufen auf ein gröberes Problem zu. Sie können ihr Haus nicht auslasten und müssen die Kosten auf die Bewohner abwälzen, die sie haben. Diese müssen dadurch derart viel mehr zahlen, dass sie in ein Heim gehen, in dem es günstiger ist.

Wohin führt diese Spirale?

In den Konkurs.

Wird es soweit kommen?

Davon bin ich überzeugt. Aktuell werden im Kanton mehrere hundert Betten geplant. Es wird nicht alle brauchen.

Die Heime in Frick und Laufenburg gehören aber nicht zu den Konkurskandidaten?

Nein. Dafür kann ich garantieren.

Was raten Sie anderen Regionen?

Die Daten genau zu analysieren und nichts zu überstürzen. Wichtig ist, dass eine Institution, die investieren will, eine Planungssicherheit bekommt. Sie muss Gewähr haben, dass sie ihre Betten füllen kann. Dazu braucht es ein regionales Denken. Ich werde derzeit von vielen Institutionen für Vorträge angefragt, da wir von der Age-Stiftung als Vorzeigeregion gekürt wurden. (Lacht.) Ich komme mir derzeit etwas wie ein Wanderprediger in Altersfragen vor.

Stichwort Planungssicherheit: Wie planen Sie Ihr eigenes Alter? Haben Sie sich in einem Ihrer Heime bereits einen Platz gesichert?

Sicher nicht. Es ist längst nicht gesagt, dass ich überhaupt in ein Pflegeheim gehen werde. Diesen Schritt mache ich nur dann, wenn es mein Gesundheitszustand erfordert und wenn ich durch einen Heimeintritt mehr Lebensqualität bekomme. Wenn dies nicht der Fall ist, gibt es keinen Grund, in ein Pflegeheim zu gehen.