Bildung
Zu teuer, zu viel Aufwand: Schulen wehren sich gegen Bewertungszwang

Möhlin muss 2015 seine Schulen einer externen Schulevaluation unterziehen. Doch es fehlen die Ressourcen. Die Schulpflege kämpft um eine Verschiebung und stellt den Nutzen der Evaulation generell in Frage. Damit steht sie nicht alleine da.

Marc Fischer
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Schulen im Aargau werden regelmässig geprüft – über den Nutzen scheiden sich die Geister. Symbolbild Keystone

Schulen im Aargau werden regelmässig geprüft – über den Nutzen scheiden sich die Geister. Symbolbild Keystone

Die externe Schulevaluation (ESE) sorgt nicht nur für rote und grüne Ampeln – sondern auch für rote Köpfe. In Möhlin ist für das Jahr 2015 eine nächste Evaluationsrunde angesetzt. «Die externe Schulevaluation ist obligatorisch und findet alle vier bis sechs Jahre statt», erklärte Mirjam Obrist, Sektionsleiterin Entwicklung der Abteilung Volksschule vom Kantonalen Departement für Bildung, Kultur und Sport (BKS). Seit dem Schuljahr 08/09 wird nach einer Pilotphase die ESE «im Vollausbau» an den Aargauer Schulen durchgeführt.

Möhlin sieht nun aber keine Möglichkeit, 2015 die Evaluation durchzuführen. Schulpflegepräsident Sukhwant Singh erläutert: «Wir haben in dieser Zeit zwei Bauprojekte und die Reform des Schulsystems umzusetzen, wir haben schlicht keine Ressourcen, um die externe Evaluation durchzuführen.» Er habe deshalb auch bereits ans BKS geschrieben und versucht die ESE zumindest zu verschieben – mit einem negativen Bescheid aus Aarau.

Kritik am hohen Aufwand

Singh äussert jedoch auch grundsätzliche Kritik an der externen Schulevaluation. «Persönlich stelle ich den Mehrwert infrage. Nach der ersten Erfahrung bin ich der Meinung, dass sie zwar Hinweise gibt, aber zu teuer und aufwendig ist.» Die Schulen müssten sehr viele Unterlagen bereitstellen und den externen Prüfern für Interviews zur Verfügung stehen. Singh schätzt, dass in Möhlin bei der ersten ESE ein halbes Jahr lang 150 Stellenprozente verteilt auf verschiedene Köpfe für die Evaluation gearbeitet hätten. Bei einer Wiederholung rechnet er noch immer mit 60 Stellenprozenten.

Ins gleiche Horn stösst Jascha Schneider, der Schulpflegepräsident von Zuzgen. Er nimmt «seine» Gemeinde als Beispiel: «Zuzgen hat nächstes Jahr eine 30-Prozent-Schulleitung. Dieses Pensum reicht nicht einmal für den Alltag», kritisiert er. Schneider rechnet mit 15 Stellenprozenten, die in Zuzgen aufs Jahr gerechnet für die ESE eingesetzt werden müssten, und fragt: «Wer soll da das Tagesgeschäft führen?»

Da auch in Zuzgen für das Schuljahr 2014/15 eine externe Schulevaluation ansteht, schliesst Schneider nicht aus, dass sich auch Zuzgen gegen die Durchführung wehrt.
Sukhwant Singh würde das begrüssen: «Es hätte sicherlich mehr Gewicht, wenn mehrere Schulen aus der Region gemeinsam beim BKS vorstellig würden. Er betont auch, dass Möhlin sich gegen die Ablehnung des Verschiebungsgesuches sehr wahrscheinlich wehren werde.

Das BKS widerspricht

Beim Bildungsdepartement selber widerspricht man dieser Kritik an der externen Schulevaluation und dem Aufwand dafür: «Es gibt einen Aufwand, speziell für die Schulleitungen, dieser ist im Berufsauftrag der Schulleitungen im Rahmen der Qualitätsentwicklung und -sicherung vorgesehen. Wir rechnen mit vier bis fünf Arbeitstagen pro Schule», so Mirjam Obrist, «für die einzelnen Lehrpersonen ist es viel weniger.»

Die Diskrepanz zu den Zahlen der Kritiker erklärt sich Obrist so: «Im ersten Durchgang der externen Schulevaluation wurde viel Aufwand der ESE angelastet, der eigentlich der normalen Schulentwicklung zugunsten einer hohen Schulqualität zugeschrieben werden müsste.» Die Nachbefragungen bei den Schulen zeigten eine mehrheitlich grosse Akzeptanz der externen Schulevaluation, so Obrist weiter. Für Schneider seinerseits sind die vier bis fünf Tage «unrealistisch oder jedenfalls sehr sportlich» – und die zahlreichen Arbeiten im Vorfeld seien nicht eingerechnet.

«Ich habe an Schulen die Erwartung, dass sie aufmerksam gegenüber Schülern und Eltern sind», betont Mirjam Obrist, «in diesem Sinne ist die externe Schulevaluation eine Dienstleistung für die Schulen und weniger ein Zusatzaufwand.» Dem widerspricht Schneider: «Eine interne Befragung unter den Schulpflegepräsidenten im Bezirk hat ergeben, dass keine Schule auch nur ansatzweise einen konkreten Mehrwert erkennen kann. Die ESE ist eine Alibiübung. Sie hat keine Akzeptanz und ist in der jetzigen Form gescheitert.»

Reduzierte Evaluation angedacht

Wegen der komplexen Planung würden Verschiebungen nur im Ausnahmefall bewilligt, so Obrist weiter. «Wir versuchen jedoch, das Verfahren so anzupassen, dass es für beide Seiten akzeptabel ist.» Bis jetzt seien immer Lösungen gefunden worden, es sei noch nie zu einer Eskalation oder Weigerung gekommen.

Trotz des positiven Fazits von Mirjam Obrist ist die ESE bei der Leistungsanalyse des Regierungsrates auf dem Prüfstand. Angedacht ist, dass ab 2018 Schulen, die bei der vorangehenden Prüfung alle Ampeln auf grün gestellt hatten, bei der nächsten Evaluation in reduziertem Umfang evaluiert werden. Ob der Regierungsrat die Massnahme umsetzt, ist noch offen.

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