Frick
Zoë Jenny stellte neues Buch vor - und las von Freund, der in den Rhein ging

An der Lesung im Artune in Frick stellte die weltbekannte Autorin ihr aktuellstes Werk vor, den Erzählband «Spätestens Morgen». Eine der Geschichten ist eine Hommage an einen Freund und Schriftsteller mit einen unschönen Ende.

Lucas Zeugin
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Zoë Jenny: Das Interesse an der Lesung der Wortkünstlerin war gross.

Zoë Jenny: Das Interesse an der Lesung der Wortkünstlerin war gross.

zvg

Hoher Besuch in Frick: Zoë Jenny, die weltbekannte Schweizer Schriftstellerin («Das Blütenstaubzimmer») folgte der Einladung von Peter Stocker, Architekt, Kunstfreund und -förderer in sein bewohntes Atelier Artune und las aus ihrem Erzählband «Spätestens morgen» drei Kurzgeschichten vor.

Persönliche Reise reflektiert

Das Interesse an der Lesung der Wortkünstlerin war gross. Literaturfreunde aus der deutschen Partnergemeinde Frickingen nahmen gar eine zweieinhalbstündige Hinreise im vollbesetzten Bus auf sich, um die Autorin Donnerstagabend hautnah mitzuerleben.

Sichtlich erfreut über das zahlreich erschienene Publikum begrüsste Gastgeber Peter Stocker die rund 70 Anwesenden im dicht gedrängten Untergeschoss und stellte die Literatin und ihr aktuellstes Werk mit lobenden Worten vor: «Mit wenigen Sätzen entführt sie uns in wunderbare Welten und man geht jeweils mit den Figuren durch die Geschichten. Ihr Schreibstil zeugt von hoher Kunstfertigkeit.»

Kindheit, Aufbruch und Tod sind die thematischen Schwerpunkte der zwölf gesammelten Geschichten, die über einen Zeitraum von 15 Jahren entstanden sind und die persönliche Reise der Autorin reflektieren. Nach längeren Aufenthalten in New York, London, Berlin und Florenz lebt die Schriftstellerin wieder in der Schweiz und wohnt heute in Zürich. In stimmungsvoller Atmosphäre andächtiger Ruhe eröffnete sie die Lesung mit der Geschichte «Sugar Rush».

Fragmente von Atmosphären

«Dort im Regen auf Bali erinnerte ich mich plötzlich an Menschen aus London», leitete Zoë Jenny mit wenigen Worten in die Erzählung ein und las von einem Theaterautor, der im Trotz heimlich gegen seine Freundin rebelliert und im Kampf um Anerkennung den Kindern alles erlaubt, was die Mutter verbietet.

Es folgte die titelgebende Geschichte des Erzählbands «Spätestens Morgen». Ein gemachter Mann wird lebensmüde und hofft auf Rettung durch eine junge Frau, die er nach der ersten Begegnung ohne Zögern in seinem Appartement wohnen lässt. «Es herrschte damals in New York eine seltsame Stimmung der Warterei», erklärte die Autorin nachträglich im Kreis der Anwesenden die Hintergründe der Geschichte.

Kennedy jr. und seine Frau stürzten mit dem Flugzeug ins Meer und die Suche nach den Leichen entwickelte sich zu einer Art Obsession. Die geraffte Darstellung und kurzen Plots sind allen Erzählungen zu eigen. Die Autorin bezeichnet die Texte selber als Fragmente von verschiedenen Atmosphären. Im Vordergrund steht die Vermittlung der Stimmung prägender Momente. So auch in der zuletzt gelesenen Erzählung, der «Ballade vom Rhein». Sie ist eine Hommage an Schriftsteller Jürg Federspiel, der sich nach langer Parkinsonkrankheit im Rhein das Leben nahm und ein guter Freund von Jenny war.

Im szenischen Erzählduktus tritt sie in Dialog mit dem Verstorbenen und lässt ihn in erinnerten Begegnungen noch einmal zu Wort kommen. Die Erzählung ist letztendlich eine Form der Trauerbewältigung und Zoë Jenny erklärt mit rührender Offenheit: «Es ist eine Art von Abschiednehmen, aber auch ein Eingeständnis eines Versäumnisses.» Auch diese Geschichte ist mit feinem Federstrich gezeichnet, doch die knappen Sätze schürfen jeweils tief.

Dank an die Zuhörer

Nach den Fragen aus dem Kreis der Hörer dankte Zoë Jenny den Anwesenden für ihr Erscheinen. «Schreiben ist eine einsame Angelegenheit. Man ist lange Zeit isoliert mit seien Figuren. Die Begegnung mit Lesern ist immer wieder schön und die positive Resonanz sehr motivierend.»