Oeschgen
Zirkusdirektorin Franziska Nock: «Der Aufwand ist massiv gestiegen»

Franziska Nock über die Traumwelt Zirkus und die fehlende finanzielle Unterstützung in der realen Welt.

Thomas Wehrli
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«Der Circus Nock steht zu seinen Tiernummern»: Franziska Nock mit einem der beiden Nock-Lamas. Archiv

«Der Circus Nock steht zu seinen Tiernummern»: Franziska Nock mit einem der beiden Nock-Lamas. Archiv

zvg

Frau Nock, in zwei Wochen startet der Circus Nock in die neue Saison. Wie ist das Gefühl so kurz vor dem ersten «Manege frei»?

Franziska Nock: Die Vorfreude ist gross – die Nervosität ebenso. Es ist vor jedem Saisonstart das Gleiche: Man hat das Gefühl, die Zeit rennt einem davon.

Ist es so?

Nein, am Schluss ist man immer bereit. (Lacht.) Eine andere Wahl bleibt einem ja auch nicht, denn die Show muss beginnen.

Wie lange dauert es, bis das Team eingespielt ist und alle Abläufe sitzen?

Die Nummern funktionieren von Anfang an. Bis jedoch alles optimal ineinanderfliesst, dauert es zwei bis vier Wochen.

Was ist für Sie der schönste Moment in der Vorstellung?

Der Schlussapplaus. Wenn die Vorstellung zu Ende geht und man sieht: Dem Publikum hat es gefallen. Das ist der schönste Lohn.

Was ist Ihr Highlight 2016?

Eine Truppe aus Kolumbien zeigt eine Siebenmann-Pyramide auf dem Hochseil. Das ist Artistik in Höchstkultur.

Müssen die Nummern immer spektakulärer werden, um das Publikum noch begeistern zu können?

Natürlich darf auch ein Zirkus nicht stehen bleiben. Er muss dem Publikum jedes Jahr eine neue Show bieten. Dabei muss er sich jedoch selber treu bleiben, denn: Zirkus bleibt Zirkus. Alles ist live, ohne doppelten Boden. Das ist auch gut so, denn das Publikum will in diese ganz spezielle Welt entführt werden, die man seit Kindheit kennt.

Die Unterhaltungsindustrie muss sich in immer schnelleren Zyklen neu erfinden, um die Leute noch begeistern zu können. Ist der Zirkus die Antithese? Ein Fels in der Unterhaltungs-Brandung?

Man wächst mit dem Zirkus auf – und er wächst einem ans Herzen. Die Erlebnisse, das Staunen, die unbeschwerten Momente, die man selber als Kind unter der Zirkuskuppel erlebt hat, will man seinen Kindern und Enkeln weitergeben. Es ist ein Stück heile Welt, in die man eintauchen kann, ein Stück Romantik, die einen für drei Stunden einfängt.

Das tönt nach sicherem Geschäft.

Schön wär’s. Der Konkurrenzkampf im Unterhaltungssektor ist riesig, der Markt ist übersättigt. Das merken wir auch im Zirkus.

Die Romantik fängt Sie selber also nicht ein?

Natürlich sind wir gerne mit dem Zirkus unterwegs. Er ist unser Leben, unsere Faszination. Wir schaffen an 50 Spielorten diese Traumwelt, in die das Publikum eintauchen kann. Für uns selber steckt hinter dieser Traumwelt ein hartes Stück Arbeit.

Wie hat sich diese Traumwelt verändert?

Die Träume sind moderner geworden. Wir arbeiten heute ebenfalls mit Lichteffekten und Lasern. Man hängt nicht mehr einfach Einzelnummern aneinander, sondern schafft ein Gesamtbild. Das ist Zirkus 2.0, wenn man so will.

Was sind die grössten Veränderungen in den letzten 20 Jahren?

Die Technik. Heute arbeiten wir mit aufwendigen Licht- und Tonapparaturen. Das Publikum erwartet eine multimedial inszenierte Show. Zudem investieren wir laufend in den Komfort für die Zuschauer. Seit zwei Jahren sind wir mit einem neuen Zelt unterwegs, das den Zuschauern mehr Sitzkomfort bietet. Für uns heisst das: Wir sind mit zwei Auflegern mehr als früher unterwegs.

Und beim Programm?

Da betrifft die grösste Änderung die Tiernummern: Die Raubtiere sind aus den meisten Zirkussen verschwunden. Wir sind seit sechs Jahren ohne Raubtiere unterwegs.

Ging da eine Epoche zu Ende?

Nein, ich schliesse nicht aus, dass wir irgendwann einmal wieder eine Raubtiernummer im Programm haben werden. Der Circus Nock steht zu seinen Tiernummern. Ich kann nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die selbst Pferdenummern für nicht tiergerecht halten. Ich arbeite täglich mit meinen Pferden. In Pensionsställen haben viele Pferde weit weniger Bewegung. Es ist auch tierpsychologisch erwiesen, dass der Zirkus Tieren nicht schadet.

Welchen Stellenwert haben für Sie Tiere im Zirkus?

Einen grossen. Tiernummern fesseln gerade die Kinder. Das Leuchten in ihren Augen zu sehen, wenn die Pferde in der Manege galoppieren, ist wunderbar. Für mich gehören zu einem richtigen Zirkus die Tiere einfach dazu.

Sie sagten: Zirkus bedeutet für Sie viel Arbeit. Was reizt Sie, diese jedes Jahr aufs Neue auf sich zu nehmen?

Der Zirkus ist mein Leben. Er wurde mir in die Wiege gelegt. (Lacht.) Der Zirkus ist eine genetisch bedingte Familienkrankheit, wenn man so will.

Ist der Aufwand, Zirkus zu betreiben, heute grösser als früher?

Das kann man nicht vergleichen. Der Aufwand ist massiv gestiegen, vor allem der finanzielle. Die Platzgebühren sind enorm hoch, die Abgaben ebenfalls. An einzelnen Plätzen belaufen sich die Platzgebühren und Billettsteuern auf fast die Hälfte unserer Einnahmen. Löhne, Treibstoffe, Strom, Kanalisationsgebühren und weitere Nebenkosten sind da noch nicht eingerechnet. Übrig bleibt da wenig.

Die Direktorin

Franziska Nock, 40, leitet den Circus Nock zusammen mit ihren Schwestern in 7. Generation. Der Zirkus startet seine diesjährige Tournee «Ritmo y Pasión» am 12. und 13. März auf dem Ebnet in Frick.

Kann man die Kosten senken?

Wenn man ein gewisses Niveau beibehalten will, gibt es kaum Sparpotenzial.

Was müsste sich ändern?

Die Unterstützung durch Bund und Kantone. Der Zirkus ist eine der ältesten Kulturformen der Schweiz. Heute bekommt jedes Kleintheater Subventionen – wir gehen leer aus. Da stimmt für mich etwas nicht. Nehmen wir das Beispiel Schule: Wir müssen Lehrmaterial und Schulwagen selber berappen – und auch den Lehrer zahlen wir zu 60 Prozent aus der eigenen Tasche. Selbst die Gemeinde beteiligt sich finanziell nicht daran. Ich finde das ungerecht.

Was ist, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht verändern? Bietet der Zirkus dann auch der nächsten Generation noch eine Zukunft?

Das kann heute niemand sagen. Das hängt auch davon ab, ob uns das Publikum in Zukunft weiterhin mit einem Zirkusbesuch unterstützt und ob die Behörden bereit sind, das Kulturgut Zirkus finanziell zu unterstützen.

Wie kann man sich angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen die Faszination erhalten?

Dank dem Publikum. Die Zuschauer lachen und staunen zu sehen, entschädigt uns für vieles. Wir können auf ein treues Publikum zählen. Das ist Gold wert.

Nicht alle Vorstellungen sind ausverkauft. Kann man sich gleich gut motivieren, egal, ob 50 oder 500 Leute im Zelt sitzen?

Die Leistung der Artisten ist die gleiche, die Atmosphäre aber natürlich nicht. Jeder Artist tritt lieber vor vollen Rängen auf – wie jeder andere Künstler auch.

Ist es schwieriger geworden, Plätze zu finden, an denen Sie das Zelt aufstellen können?

Schon. Zum einen sind wir heute mit mehr Material unterwegs und benötigen deshalb mehr Platz als vor 20, 30 Jahren. Zum anderen gehen immer wieder schöne Plätze verloren, weil sie überbaut oder anders genutzt werden. Rheinfelden ist ein solches Beispiel. Jahrzehntelang konnten wir unser Zelt bei der Schulanlage Engerfeld aufstellen. Das geht nicht mehr – und so fiel Rheinfelden aus dem Tourneeplan. An anderen Orten werden die Zirkusse aus den Zentren an die Peripherie verdrängt. Das wirkt sich natürlich auch auf die Zuschauerzahlen aus.

Sie haben nun gut vier Monate im Winterquartier in Oeschgen gelebt. Freuen Sie sich nach dieser Zeit, wieder unterwegs zu sein?

Sehr sogar. Das Reisen gehört zu meinem Leben, ich kenne nichts anderes. Es ist meine Berufung und mein Beruf.

Ihr Wunsch für diese Saison?

Viele Besucher – und keine Unfälle.

Die beiden Nock-Kamele auf ihrem Weg vom Stall zur Weide.

Die beiden Nock-Kamele auf ihrem Weg vom Stall zur Weide.

Nadine Pfeifer
Franziska Nock mit den Ponys.

Franziska Nock mit den Ponys.

Nadine Pfeifer