Fricktal
Zentren ziehen Sozialfälle an – das hat mehrere Gründe

Die Zahl der Sozialfälle in den Gemeinden variiert stark im Fricktal. Sieben Schlussfolgerungen aus der Sozialhilfestatistik und eine interaktive Karte.

Thomas Wehrli
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In den Städten leben oft mehr Sozialhilfe-Bezüger. (Symbolbild)

In den Städten leben oft mehr Sozialhilfe-Bezüger. (Symbolbild)

/KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Im Fricktal bezogen im letzten Jahr 1392 Menschen Sozialhilfe. Dies zeigt die Sozialhilfestatistik des Kantons (az berichtete). Die Sozialhilfequote in den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden lag bei 1,7 respektive 1,9 Prozent – und damit um 0,2 Prozent tiefer als im kantonalen Schnitt. Die Zahlen lassen sieben Schlussfolgerungen zu:

1. Die Sozialhilfequote ist in Zentrumsgemeinden höher als auf dem Land.

In Rheinfelden bezogen im letzten Jahr 437 Personen Sozialhilfe. Die Stadt kommt damit auf eine Quote von 3,5 Prozent. Stadtschreiber Roger Erdin überrascht dies nicht. «Rheinfelden hat bereits seit Jahren eine hohe Quote», sagt er. Ein Grund sei die Anonymität, die in der Stadt deutlich höher sei als auf dem Land. «Sozialhilfeempfänger brauchen in der Stadt in der Regel keine Angst zu haben, dass der Gang zum Sozialdienst vom Nachbarn bemerkt wird.»

2. Die Mietpreise beeinflussen die Zahl der Sozialhilfeempfänger.

Der Wohnungsmarkt ist für Erdin ein zweiter Grund für die hohe Quote. Auch Gabriela Reimann, Leiterin des Sozialamtes in Frick, ortet im «hohen, relativ günstigen Mietwohnungsangebot» einen der Gründe, weshalb Frick auf eine Quote von 2,9 Prozent kommt. Den Konnex «günstige Wohnungen – viele Sozialhilfeempfänger» bestätigt Walter Marbot, Gemeindeschreiber in Laufenburg. Besonders die Altstadt, in der etliche Gebäude sanierungsbedürftig sind und deshalb preiswert vermietet werden, zieht Menschen mit bescheidenen Finanzmitteln an. Mit dem «Konzept Investitionen in Liegenschaften» soll die Altstadt aufgewertet werden. Ein Ziel ist dabei, das Angebot an günstigem Wohnraum zu verknappen und die Sozialhilfequote zu senken.

3. Ausländer beanspruchen die Sozialhilfe häufiger als Schweizer.

Dies bestätigen die Gemeinden. In Frick etwa liegt die Sozialhilfequote der Schweizer bei 1,4 und der Ausländer bei 4,5 Prozent. «Die Ausländer verfügen vielfach über niederschwellige Berufe, schlechte oder gar keine Ausbildungen und sind schwer vermittelbar», sagt Dieter Vossen, Gemeindeschreiber von Möhlin. Dass die Sozialhilfequote in Möhlin, mit 11 000 Einwohnern eines der Zentren, mit 1,7 Prozent eher niedrig ist, führt Vossen auf das knappe Angebot an günstigem Wohnraum und die stabile Wirtschaftslage zurück. Er weiss aber auch: «Dies kann sich jederzeit ändern.»

4. Die Sozialhilfe belastet die Gemeinden finanziell erheblich.

Rheinfelden gab 2014 rund 2,8 Millionen Franken für die Sozialhilfe aus, Frick eine Million. Ein Sozialhilfebezüger kostet eine Gemeinde im Schnitt rund 6500 Franken.

5. Die Devise der Gemeinden lautet: Arbeit statt Sozialhilfe.

Primäres Ziel ist die Wiedereingliederung ins Berufsleben. Dazu setzen die Gemeinden auf Modelle wie «Arbeit statt Sozialhilfe». Hier lernen Sozialhilfeempfänger neue Fertigkeiten. Einige Gemeinden beschäftigen sie auch im Werkhof. «Der Betreuungsaufwand ist aber recht hoch», sagt Marbot.

6. Missbräuche gibt es, aber sie sind nicht die Regel.

Die Gemeinden bekämpfen Missbräuche mit «systematischen Dossierüberprüfungen», so Erdin. Im Verdachtsfall werden Hausbesuche gemacht. Auch in Frick geht man konsequent gegen Missbrauch vor. Letztes Jahr wurden drei Anzeigen erstattet. «Wir bekamen überall Recht», so Reimann. Sie sagt aber auch: «90 Prozent unserer Klienten arbeiten gut mit uns zusammen und sind dankbar für die Hilfe.» Und: «Mit Sozialhilfe lebt man nicht in Saus und Braus.»

7. Kleine Gemeinden spüren Einzelfälle stärker.

In Olsberg bezogen 13 Personen im 2014 Sozialhilfe – viel für eine Gemeinde mit rund 370 Einwohnern. Olsberg führte damit die regionale Quotenstatistik an. «In kleinen Gemeinden wirkt sich jeder Einzelfall stark aus», sagt Gemeindeammann Romuald Stalder. Seine Gemeinde hat das Glück, dass sie finanziell gut dasteht. «Für eine weniger gut gestellte Gemeinde kann eine hohe Quote zum Problem werden.»

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