Der ehemalige Lehrer Hans Etter lebt in Bözen nicht nur im gleichen Haus, in dem 1845 Marie Vögtlin geboren wurde. Der 86-Jährige sammelt seit bald einem halben Jahrhundert mit grosser Leidenschaft und Sorgfalt auch alles, was ihm über die erste Schweizer Ärztin begegnet. Und damit noch nicht genug. «Während fünf Jahren habe ich die Philatelie-Abteilung der Post in Bern immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass es sinnvoll wäre, wenn zum 100. Todestag von Marie Heim-Vögtlin 2016 eine Sondermarke erscheinen würde», sagt Hans Etter.

Nun liegt die neue Briefmarke mit einem roten Porträt der wissbegierigen Frau auf grauem Hintergrund vor. Das Werk des Grafikers Daniel Steffen aus Bern kommt ab 25. Februar bei den Philatelie- und ab 3. März bei den Poststellen in den Verkauf. Hans Etter ist überglücklich, dass es geklappt hat: «Die Briefmarke wirkt auf den ersten Blick etwas blass. Die rote Farbe und das Stethoskop passen aber gut zur Medizin. Und mit der feinen Unterschrift ist eine für sie typische und wunderschöne Marke entstanden.»

Für die Schweizerische Post ist es eine von rund 50 Briefmarken, die sie pro Jahr neu herausgibt, wie Oliver Flüeler, Leiter der Medienstelle, sagt. Mit den verschiedenen Marken versuche das Unternehmen, ein möglichst breites Spektrum abzudecken sowie ein jüngeres und älteres Publikum anzusprechen. Aus den zahlreichen Vorschlägen zu Jubiläen und speziellen Persönlichkeiten oder Themen entscheide jeweils eine Jury der Post, welche Briefmarken am Schluss realisiert werden, fährt Flüeler fort.

In einem nächsten Schritt machen sich Grafiker und Künstler ans anspruchsvolle Miniaturwerk. Aus den verschiedenen Entwürfen wählt die Post dann das definitive Sujet aus. Marie Heim-Vögtlin habe die Post dieses Jahr eine Briefmarke gewidmet, weil sie als Frau gleich in mehrfacher Hinsicht eine Wegbereiterin war und sich ihr Todestag am 7. November zum 100. Mal jährt. Wie gross die Auflage dieser Sondermarke ist, will Flüeler nicht verraten. Da es sich um ein Sammlerobjekt handelt, veröffentliche die Post – so wie die anderen Postunternehmungen auch – bei der Lancierung keine Zahlen.

Das Leben der Pfarrerstochter Marie Vögtlin aus Bözen fasst Geschäftsführerin Judith Naef vom Verband medical women switzerland (mws) wie folgt zusammen: «Sie genoss das Privileg einer Ausbildung, litt aber unter den herrschenden Konventionen – und brach mit allem.» So setzte sie durch, dass sie als erste Schweizerin an der Universität Zürich Medizin studieren und doktorieren konnte.

Später bildete sie sich als erste Frau Europas zur Fachärztin für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten weiter und eröffnete als erste Schweizer Ärztin eine eigene Praxis. Die Pionierin heiratete Professor Albert Heim und gebar im damals hohen Alter von 36 Jahren das erste von drei Kindern. Trotz der Familie blieb sie zeitlebens berufstätig, wie Judith Naef im Briefmarkenmagazin «Die Lupe» weiter schreibt.

In der Öffentlichkeit setzte sich Marie Heim-Vögtlin insbesondere für die Frauenbildung und das Frauenstimmrecht ein. Sie war Mitbegründerin der Pflegerinnenschule Zürich, dem ersten Spital für Frauen in der Schweiz, das von Frauen geleitet wurde. Nur die Integration der Ärztinnen in die Weiterbildungsprogramme der Ärzte erreichte Marie Heim-Vögtlin vor ihrem Tod nicht mehr. Dafür wurde im Jahr 1921 der Verband Schweizer Ärztinnen – heute mws medical women switzerland – gegründet.

Dieser Verband war es auch, der Hans Etters Bestreben für eine Sondermarke unterstützte und bei der Schweizerischen Post einen entsprechenden Antrag stellte. «Ich bin froh, dass ich das rechtzeitig eingefädelt habe. Sonst wäre dieses Jubiläum wohl vergessen gegangen», sagt Etter, der vor zirka eineinhalb Jahren Besuch von den zuständigen Personen der Philatelie bekam.