Studie
Wohnen im Alter: Das Fricktaler Konzept wird zum Vorbild

Eine Studie hat zwei Jahre lang sieben Projekte des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal begleitet und evaluiert. Die Age-Stiftung hat die Studie finanziell unterstütz und lobt die Denkansätze und Innovationen im Fricktal.

Marc Fischer
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Mit neuen Wohnmodellen wie Alterswohngruppen will der VAOF den Gang ins Altersheim hinauszögern.

Mit neuen Wohnmodellen wie Alterswohngruppen will der VAOF den Gang ins Altersheim hinauszögern.

Keystone

Wie kann das Wohnen im Alter regional organisiert werden? Welche Wohnformen und Hilfsmittel sind möglich, um einen definitiven Eintritt in ein Alterszentrum zu verzögern? Welche Rolle kommt den Anbietern, den Planungsverbänden und dem Kanton zu? Mit solchen Fragen befasst sich die Studie «Wohnen im Alter im Fricktal: Planen in der Region».

In der Studie hat Joëlle Zimmerli vom Büro Zimraum sieben Projekte (siehe Box) des Vereins für Altersbetreuung im Oberen Fricktal (VAOF) während zweier Jahre begleitet und evaluiert. Entstanden ist sie auf Initiative des VAOF und des Planungsverbands Fricktal Regio; finanziert wurde sie mit Geldern aus dem Lotteriefonds des Kantons Aargau und der Age-Stiftung für gutes Wohnen im Alter, die auch die Umsetzung von Teilprojekten finanzierte. Der Schlussbericht ist derzeit in der Vernehmlassung bei den beteiligten Organisationen.

Vernetzung und Innovationen

Die Studie hält fest, dass der demografische Wandel nicht nur die zahlenmässige Zunahme der Senioren meint, sondern auch die veränderten Bedürfnisse und Lebensstile. Deshalb brauche es alternative Wohn- und Betreuungsangebote, wie beispielsweise die betreute Alterswohngruppe in Frick oder Temporärstationen in den Alterszentren.

Zudem, so eine weitere Erkenntnis der Studie, ist die Planung in grösseren Versorgungsregionen, wie sie im Fricktal gehandhabt wird, sinnvoll. Weiter hält die Autorin des Schlussberichtes fest: «Die Vernetzung, Koordination und Wissensvermittlung ist genauso wichtig wie das Schaffen von neuen Angeboten.»

Der VAOF, der im konventionellen Sinn ein Anbieter von Pflegeplätzen ist, habe mit seinen neuen Angeboten seine Rolle ausgebaut und nehme mittlerweile auch eine wichtige Rolle als Wissensvermittler und in der Erarbeitung von Grundlagen ein.

Die Age-Stiftung koppelte ihre Unterstützung aber auch an die Bedingung, dass die Studie öffentlich zugänglich gemacht wird. «Uns haben die gewählte Netzwerkperspektive und die zukunftsgerichteten Projekte überzeugt», erklärt Karin Weiss, stellvertretende Geschäftsführerin der Age-Stiftung.

Für die Fricktaler Verantwortlichen ist sie voll des Lobes und lobt deren Kreativität und Tatkraft. «Es ist ein Glücksfall für die Region, dass sich die Akteure auf der politisch-behördlichen Ebene auskennen, aber auch den Praxisbezug haben.» Urs Niffeler, Leiter Gesundheitsversorgung beim Kanton Aargau, ergänzte, im Fricktal werde «systematisch und genau» gearbeitet, so wie sich das der Kanton bei der Verabschiedung des neuen Pflegegesetzes (2007) gewünscht habe.

Dort heisst es, die Gemeinden seien für die «Planung und Sicherstellung eines bedarfsgerechten und qualitativ guten Angebots der ambulanten und stationären Langzeitpflege» zuständig. Dies solle durch «verstärkte Vernetzung, Koordination und Synergienutzung der Angebote» erreicht werden. «Im Fricktal wird diese Verantwortung offensichtlich wahrgenommen», so Niffeler.

Vorreiterrolle in der Schweiz

Karin Weiss lobt auch die Studie. «Die vernetzte Herangehensweise wurde dokumentiert. Es ist eine der ersten abgeschlossenen Studien in der Schweiz. Wir wollen sie breit streuen, damit auch andere Regionen von den Erfahrungen im Fricktal profitieren können.» Dass der Bedarf vorhanden ist, zeigte sich bei der Präsentation der Studie. Rund 100 Interessierte fanden sich in Frick ein – «aus dem ganzen Kanton», wie VAOF-Geschäftsführer Andre Rotzetter sagt. «Wir wurden vom Andrang überrascht.»

Zu Hause alt werden – aber wie?

In der vorliegenden Studie werden gleich sieben aktuelle Projekte im Fricktal begleitet.
- Koordination der Altersvorsorge: Der VAOF hat sein Ziel erreicht, die Planung der Pflegebetten ist gesamtfricktalisch erfolgt und sorgt für bessere Planungssicherheit bei den Anbietern.
- Entwicklungspotenzial der Gemeinden: Der VAOF konzentrierte sich auf die Vernetzung mit Organisationen und die Wissensvermittlung an Gemeinden.
- Transparenz auf dem Wohnungsmarkt: Der VAOF hat zu einer schärferen Definition von «Alterwohnungen» beigetragen und unterscheidet zwischen «Alterswohnungen mit Betreuungsangebot», «Seniorenwohnung» (ohne Betreuung, aber mit Senioren als bevorzugten Mietern) und «hindernisfreien Wohnungen». Im freien Immobilienmarkt sind die Handlungsmöglichkeiten des VAOF beschränkt, auf der Vereins-Website sollen aber dereinst Angebote vermerkt sein.
- Sensibilisierung der Architekten und Investoren: Die geplanten Gespräche und Führungen haben stattgefunden. Die Sensibilität der Architekten sei aber derzeit noch gering.
- Hilferufsystem-App: Ursprünglich setzte der VAOF auf ein bestehendes, fernsehbasiertes System. Dieser Versuch wurde abgebrochen und eine eigene App entwickelt, die sich auch im Ernstfall als tauglich erwiesen hat. Zudem öffnet das iPad vielen Senioren die Tür zu weiteren Kommunikations- und Dienstleistungsangeboten. Der Schulungs- und Wartungsaufwand ist aber nicht zu unterschätzen.
- Betreute Alterswohngruppe: Dieses Projekt ist noch nicht umgesetzt. Eine Person lebt bereits in der Wohnung, eine zweite will bald einziehen. Zwei weitere werden noch gesucht. Der Fokus soll künftigvermehrt auf psychisch beeinträchtigte Personen im Pensionsalter gelegt werden.
- Temporärstation und Notbetten:
Beides ist stark ausgelastet. Von Nutzern wird kritisiert, dass auf der Temporärstation nur Doppelzimmer im Angebot stehen. Künftig müssten zudem Leerbetten eingeplant werden, damit im Notfall stets ein Bett frei ist. (mf)