Kaiseraugst
Wohin des Weges, Camino? – ein Sender verfolgt die Flüge des Storchs

Ein Storchenpaar brütete erstmals auf dem Gasthaus «Adler». Nun ist Jungstorch Camino Teilnehmer am Projekt Storchenzug. Dank einem Sender können seine Flüge im Internet verfolgt werden.

Thomas Wehrli
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Wartet auf Futter: Jungstorch Camino auf dem «Adler».

Wartet auf Futter: Jungstorch Camino auf dem «Adler».

Zur Verfügung gestellt

«Wo, um Himmels willen, ist unser Horst geblieben?», dürfte sich das Storchenpaar gefragt haben, als es im Frühling von Spanien nach Kaiseraugst zurückkehrte – und das Nest wie vom Erdboden verschluckt war. Die beiden Störche hatten es sich im Frühling 2015 auf einem Baukran gemütlich gemacht. Man liess sie gewähren und sie zogen, viele Kreise drehend, zwei Junge gross.

Der Bau ist inzwischen vollendet – und der Kran verschwunden. Nolens volens mussten sich die beiden Störche nach einer neuen Landebasis umsehen. Sie fanden diese rund 50 Meter vom Kranstandort entfernt – und fingen an, einen Horst auf dem alten Kamin des Gasthauses Adler zu bauen.

«Am Anfang fielen die Äste immer wieder runter», erzählt Urs Wullschleger vom Natur- und Vogelschutzverein. Er wohnt gleich vis-à-vis und konnte das Treiben tagtäglich beobachten. «Ich dachte schon, das wird nichts.» Es wurde. Das Storchenpaar bekam drei Junge. «Zwei überlebten jedoch das nasskalte Wetter im Mai nicht», erzählt Wullschleger, der Storchenvater von Kaiseraugst.

Der Jungstorch vom «Adler»

Wullschleger kümmert sich seit 1991, als das erste Storchenpaar nach 60 Jahren Unterbruch in Kaiseraugst brütete, um die Störche und ist stets dabei, wenn die Jungstörche mit acht Wochen beringt werden. In diesem Jahr brüten sieben Paare in Kaiseraugst – «so viele wie noch nie», sagt Wullschleger. Insgesamt brachten sie 17 Jungtiere zur Welt; fünf davon fielen dem garstigen Wetter zum Opfer.

Die zwölf Jungstörche, die überlebt haben, wurden Mitte Juni beringt. Einer der Neuberingten ist «SK 329», der Jungstorch vom «Adler». Er hat inzwischen sogar einen Namen: Camino, der Weg. Denn sein (Lebens-)Weg kann künftig im Internet (www.projekt-storchenzug.com) verfolgt werden: Camino nimmt am Projekt Storchenzug teil. «Die Gemeinde hat die Kosten von rund 2000 Franken für den Sender übernommen», freut sich Wullschleger.

Den 40 Gramm leichten, solarbetriebenen «Datenlogger» erhielt Camino ebenfalls im Juni. Zwei Gummibänder unter den Flügeln hindurch sorgen dafür, dass der Sender auf dem Rücken hält. Seither kann online jede (Flug-)Bewegung von Camino nachverfolgt werden; pro Tag setzt der Sender im Schnitt zwei Meldungen ab.

Im Internet können die Flugbewegungen verfolgt werden.

Im Internet können die Flugbewegungen verfolgt werden.

Zur Verfügung gestellt

Camino, heute elf Wochen alt, begann vor rund zwei Wochen zu fliegen. Wullschleger lacht. «Zuerst waren es nur Hüpfer vom Nest aufs Dach und wieder zurück.» Inzwischen fliegt Camino an die 400 Meter weit – und ist oft im deutschen Luftraum anzutreffen. Einmal flog er auch zur Recyclingfirma im Dorf, was Wullschleger nicht gerne sieht. «Die Störche halten Plastik, Schnüre und Bauschutt für Essen und schleppen es in den Horst.» Das könne böse enden. «Es kommt vor, dass sie sich in den Schnüren verheddern und so sterben.»

Wullschleger geht jeden Tag mindestens einmal online und schaut sich an, wo Camino war. «Es ist spannend zu beobachten, wie sein Flugrayon stets grösser wird und wie er zusehends länger vom Horst wegbleibt.» Schon bald, gegen Mitte August, wird er den elterlichen Horst verlassen und zusammen mit anderen Jungstörchen gegen Süden ziehen, rund 900 Kilometer weit nach Spanien. «Ich bin gespannt, wohin es ihn verschlägt.»

Hoffen auf eine Rückkehr

Die erwachsenen Tiere folgen der Jungmannschaft Ende September – allerdings nicht als Paar. «Störche sind nicht paar-, sondern nesttreu», erklärt Wullschleger. Das heisst: Im Herbst gehen die Paare auseinander, im Frühling treffen sie sich im Horst wieder. Oder menschlich gesprochen: Sie leben eine On-off-Beziehung.

Auf ein «On» für Kaiseraugst hofft Wullschleger, wenn Camino in zwei Jahren erstmals aus Spanien in die Schweiz zurückgekehrt. «Es wäre schön, wenn er seinen Horst bei uns bauen würde.» Dies ist nicht selbstverständlich: Von den 74 Jungstörchen, die in Kaiseraugst seit 1991 beringt wurden, hat sich kein einziger im Dorf niedergelassen. «Viele leben in der Umgebung, in Möhlin oder dem Zoo Basel», erzählt Wullschleger. Doch den Weg zurück zum Geburtsort hat bislang keiner gefunden. Vielleicht ist nomen ja omen – und Camino wird der Erste sein. «Schön wärs.»

Wullschleger wird es genau beobachten – so wie er jeden Frühling ungeduldig seinen Feldstecher hervornimmt und die Horste absucht, um zu sehen: Ist schon einer da?
«Ist er diesmal noch da?», dürften sich die Eltern von Camino im nächsten Frühling beim Anflug auf Kaiseraugst fragen. Der Horst. «Ich werde mich dafür einsetzen, dass der Horst auf dem ‹Adler› bleibt», sagt Wullschleger.

Die Ortsbürger haben das Gasthaus kürzlich gekauft; es soll saniert und dann wieder als Restaurant betrieben werden. Sollte der alte Kamin künftig wieder benutzt werden, will Wullschleger ein neues Nest auf dem Dach bauen. «Die Störche gehören zum Dorf», sagt er. Wie die Kirche. Und die Beiz.