Fricktal
Wo im Fricktal Selfies erlaubt sind – oder gar erwünscht

Willkommen im Selfie-Land Fricktal, einem freizügigen Flecken Selfie-Erde, wie eine Umfrage der az bei Museen, Spitälern, Kinos, Restaurants, Läden und Stadtführern zeigt.

Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
Selfie hoch drei: Roger Fricker vor «seinem» Postauto (von links), Pius Suter am Fenster seines Büros in Laufenburg mit Blick auf den Rhein («diese tolle Aussicht wird mir fehlen, wenn wir im Herbst nach Rheinfelden zügeln») und Claudia Sauser mit Hündin Leia.

Selfie hoch drei: Roger Fricker vor «seinem» Postauto (von links), Pius Suter am Fenster seines Büros in Laufenburg mit Blick auf den Rhein («diese tolle Aussicht wird mir fehlen, wenn wir im Herbst nach Rheinfelden zügeln») und Claudia Sauser mit Hündin Leia.

zvg/Selfies

Fast jeder machts. Auf dem Skilift, im Ausgang, auf Reisen, in Hotels, beim Shoppen; mit Freunden, mit Haustier, mit Promi oder, sehr beliebt, auch mutterseelenallein. Ein Click, ein «upload» und schon prangt der neue Ich-Schnappschuss auf dem eigenen Facebookprofil.

Fast überall in den Fricktaler Museen, Spitälern, Kinos, Restaurants und Läden sind Selfies kein Problem – solange andere nicht belästigt, Kulturgüter nicht beschädigt und Persönlichkeitsrechte nicht verletzt werden. Mehr noch: Etliche Veranstalter reiben sich ob des grassierenden Selfie-Fiebers gar die Hände – weil es Gratiswerbung für ihr Haus ist.

Das Selfie im Museum ...

Für Regula Laux vom Rehmann-Museum in Laufenburg ist es «kein Problem», wenn Besucher im Museum Selfies schiessen, auch dann nicht, wenn sie sich mit einer der Plastiken ablichten. Am liebsten natürlich mit einer von Patron Erwin Rehmann, «denn das ist beste Werbung für einen Besuch bei uns».

Ein «No-Go» ist für die Kommunikationsleiterin des Museums, wenn die Besucher für ein Selfie auf einer Plastik herumturnen. «Das ist aber noch nie vorgekommen.» Ebenfalls skeptisch ist Laux beim Einsatz von Selfie-Sticks, jenen Hilfsstangen, die in allen Variationen und Farben im Handel für 20 bis 80 Franken erhältlich sind.

Auch für Kathrin Schöb Rohner, Konservatorin des Fricktaler Museums in Rheinfelden, ist der Einsatz von Selfie-Sticks im Museum «heikel» bis «grenzwertig». «Es ist schnell etwas passiert. Man läuft rückwärts und touchiert ein Ausstellungsstück.» Deshalb sind in den Museumsräumen auch andere sperrige Gegenstände, Schirme etwa, tabu.

Ein Selfie hingegen ist auch für Schöb Rohner kein Problem – solange die Besucher Vorsicht walten lassen. «Wir werden die Entwicklung beobachten und bei Bedarf eine Regelung erlassen.» Das könnte ein Selfie-Stick-Verbot sein, denn «die Sicherheit der Objekte hat oberste Priorität».

Den Satz: «Kann ich ein Foto zusammen mit Ihnen machen?», hört Roland Graf auf seinen Stadtführungen immer wieder. Der Schauspieler führt, in historische Kleider gewandet, als Graf Hans und Rudolf von Rheinfelden durch Laufenburg und Rheinfelden. «Kein Problem», pflegt der Graf im Graf dann jeweils zu sagen, denn «im Kostüm spiele ich eine Rolle und bin eine öffentliche Figur».

Ein klassisches Selfie reicht den Leuten meist nicht – sie bitten einen Dritten, die Jahrhundertbegegnung auf einem Foto zu verewigen. Dass diese Bilder dann oft auf Plattformen wie Facebook oder Instagram landen, geht für Graf in Ordnung. «Schliesslich ist es auch Werbung für mich und die Tour.»

... im Kino ...

Das sieht auch Philipp Weiss von Fricks Monti so. «Vor der Vorstellung sind Selfies kein Problem», meint der Kinobesitzer und fügt lachend an: «Und während der Film läuft, denkt niemand an ein Selfie, da die Streifen die Besucher ja gänzlich in den Bann ziehen.»

Oder es zumindest würden, wenn da nicht irgendwo im Saal just im spannendsten Moment ein Handy läuten, schrillen oder, je nach Musikpräferenz des Inhabers, aufheulen würde. «Darling, ich wer»... ring, ring. Ja, was wird er nun? Der Besitzer, leicht errötet, pflegt dann wie eine wildgewordene Biene in seinen Taschen nach dem Urheber der Lärmbelästigung zu tasten (er sieht ja nichts) und das vergessene Momentum – das Lautlosschalten – nachzuholen.

Weiss ging auch schon so weit, dass er den Selfie-Kult zelebrierte. Bei der Premiere zum letzten Bond, «Skyfall», rollte er einen roten Teppich aus, heuerte einen Fotografen an, der jeden, der wollte, vor einer Fotowand ablichtete – Face to Face mit 007 Daniel Craig. «Die Aktion kam sehr gut an», erinnert sich Weiss. Viele der Fotos wurden postwendend auf Facebook gepostet.

...im Laden...

Wie gut ein Kleidungsstück ankommt, ob es einem steht oder nicht, das können, so sagen sich vorab jüngere Frauen, am besten die Kolleginnen (manchmal auch die Kollegen) beurteilen. Also: Hineinschlüpfen in das gute Stück, ein Selfie schiessen, als MMS oder per Whatsapp versenden – und das Feedback aus den Weiten der Handywelt abwarten. Kommt ein «oh Gott, oh Gott»? Oder ein «einfach super!»?

Nicht einzuwenden gegen diese «moderne Art der Kaufberatung» hat Rosmarie Heid, Geschäftsführerin der Mikado-Boutiquen in Stein und Möhlin. «Es geht ja nicht darum, zu schnüffeln, sondern eine Zweitmeinung einzuholen.» Bislang hat in den beiden Boutiquen noch niemand diese «He, wie steht mir dieses Teil?»-Kaufhilfe zelebriert. Was hingegen vorkommt, ist, dass Leute ein Foto vom Kleidungsstück machen und dieses in die «Vernehmlassung» geben.

... im Spital ...

Ebenfalls keine Berührungsängste mit Handy und Selfie hat man im Gesundheitszentrum Fricktal (GZF). «Die Patienten sind frei, ihr Handy zu verwenden», erklärt Miriam Crespo, Leiterin der Unternehmenskommunikation. «Wir haben nichts gegen Selfies, so lange sie die Würde und die Rechte der Mitpatienten und Mitarbeitenden wahren.» Wenn beispielsweise auf einem Selfie ein Mitpatient erkennbar sei, «geht das zu weit».

Probleme mit Selfies hatte man im GZF bislang nie. «Es gibt aber Bereiche wie die Intensivstation, in denen Handys verboten sind.» Und das «Selfie» von der Patisserie oder dem «Menu 1», bevor es im Dunkel des «Selfie»-Schlunds verschwindet? «Es stört mich gar nicht, wenn Gäste ein Foto machen», sagt Guido Maier, Geschäftsführer der Bäckerei Maier in Laufenburg. «Auch ich fotografiere auf Reisen Kreationen, die mir gefallen.» Das gebe Impulse, aus denen dann wieder eigene Schöpfungen entstehen.

... und in der Kirche

Um eine Schöpfung ganz anderer Art kümmert sich Thomas Sidler. Er ist Pfarrer von Frick und hat mit der Vorstellung, dass «Selfieaner» in der Fricker Kirche zusammen mit dem heiligen Petrus posieren, «schon Mühe». Es sei etwas billig, sich zusammen mit einer Figur wie Petrus, der so viel geleistet habe, abzulichten. «Petrus ist eher eine Figur, der man nachleben sollte.» Und ohnehin: «Sich selber zu präsentieren, passt nicht zur Kirche», ist Sidler überzeugt. «Jesus ging es auch nicht darum, sich zu inszenieren.»

Kein Problem hat Sidler indes damit, wenn bei Firmungen, Taufen und Hochzeiten in der Kirche fotografiert wird. «Es gehört dazu, diesen Tag festzuhalten.» Mit oder ohne Selfie.