Kommentar
Wo ich den Beruf erlernt habe: Im Rebstock

Der «Rebstock» in Frick schliesst. Ein herber Schlag für die Fricker Gastroszene – ein herber Schlag aber auch für mich.

Hans Fahrländer
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Der «Rebstock» wurde 1086 erbaut. Nach 928 Jahren als Wirtshaus ist Ende Jahr Schluss; die Liegenschaft wird für Wohnungen und Gewerbe umgenutzt.

Der «Rebstock» wurde 1086 erbaut. Nach 928 Jahren als Wirtshaus ist Ende Jahr Schluss; die Liegenschaft wird für Wohnungen und Gewerbe umgenutzt.

Marc Fischer

Als ich im Herbst 1977 meine erste Stelle als Journalist antrat, bei Arnold Frickers «Fricktal-Bote» in Frick, da spielte der «Rebstock» von Anfang an eine zentrale Rolle.

Hans Fahrländer

Hans Fahrländer

Mathias Marx

Dort stellte mir Verlegergattin Martha Fricker nach meiner ersten Gemeindeversammlung die gesamte lokale Prominenz vor.

Dorthin bestellte mich Gemeindeammann Max Müller, als ihm eine Geschichte des jungen Schnösels über den Marktflecken in den falschen Hals geraten war.

Dort führte ich eines meiner ersten Interviews – und zwar mit Birgit Steinegger. Das Schweizer Radio DRS hatte eben die neue UKW-Frequenz lanciert. Als Werbefigur heuerte man Steinegger an, die als «UK-Fee» durch die Lande tingelte und eben auch Frick beehrte.

Ja, der «Rebstock»! Ich bin wohl nicht der Einzige, der ihm eine Träne nachweint. Den «Engel» gibt es ja auch nicht mehr. Noch gibt es das «Güggeli» – heute: Güggeli Pub – gleich neben meinem ehemaligen Arbeitsort.

Und es gibt den «Adler», der mit seinem Namen daran erinnert, dass das Fricktal eine andere Geschichte hat als der Restaargau (dort heissen die Beizen eher «Bären»).

Gemeindeammann Daniel Suter beteuerte gegenüber dieser Zeitung, das Wegsterben der traditionellen Beizen und Stammtische sei kein spezifisches Fricker Problem: «Das passiert derzeit vielerorts.» Das stimmt. Doch die Frage ist nicht unanständig: Hat das Phänomen nicht auch Frick-spezifische Züge?

Was ist Frick heute? Nach kräftigem Wachstum nennt sich das Dorf nicht mehr Marktflecken, sondern Zentrumsgemeinde. Als ich in Frick den Journalismus erlernte, hatte es 3100 Einwohner, heute sind es 5100, eine Steigerung um 65 Prozent in 35 Jahren.

Wer ins Land schaut, stellt fest: Traditionelle Beizen sterben vor allem in den Städten, auf dem Land sind sie resistenter. Das führt zur Frage: Hat Frick die Schwelle vom Beizen-Dorf zur Fastfood-Location überschritten? Hat das Wachstum Traditionen weggeschwemmt, weil alles ein wenig anonymer geworden ist? Gingen «Verbundenheiten» verloren?

Wer sich Frick verbunden fühlte, fühlte sich auch dem «Rebstock» verbunden, nicht nur für das berühmte Feierabendbier, sondern auch für Versammlungen, Essen mit Gästen, Familienfeste.

Oder ist die Sache vielleicht ganz anders, viel einfacher? Wurde zu wenig in den «Rebstock» investiert, materiell und immateriell? Oder in die falsche Richtung, nämlich Richtung Thailand? Machen es andere auf der anderen Strassenseite einfach besser und werden so zum neuen Treffpunkt?

Ich will dem Herrn Gemeindeammann nicht widersprechen. Ich wohne ja auch nicht mehr in der Region, schaue eher von aussen zu. Deshalb lasse ich die vielen Fragezeichen stehen.

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