Fricktal

Wirtschaftsstudie sieht optimistische Zukunft: Wir haben 12 Fakten einem Fricktal-Check unterzogen

Die Pharmafirmen – im Bild Roche in Kaiseraugst – tragen massgeblich zum Erfolg der Wirtschafts-Marke Fricktal bei.Beat Ernst

Die Pharmafirmen – im Bild Roche in Kaiseraugst – tragen massgeblich zum Erfolg der Wirtschafts-Marke Fricktal bei.Beat Ernst

Aufschwung, neue Stellen, höhere Löhne, Pharma als Zugpferd: Eine Studie sieht die Zukunft optimistisch. Die AZ hat die Kernaussagen der Studie durch die Fricktaler Brille gelesen. Zwölf Fakten im Fricktal-Check.

Es hört sich nach drei Jahren der depressiven Franken-Schock-Stimmung gut an: Die Konjunktur zieht an, die Exporte nehmen zu, die Gesamtumsätze ebenso, Stellen werden geschaffen, die Löhne steigen. Kurzum: «Die Stimmung bei den Aargauer Unternehmen ist so positiv wie schon lange nicht mehr», bilanziert Christoph Vonwiller, der die Wirtschaftsumfrage für die Aargauische Industrie- und Handelskammer verfasst hat. Die AZ hat die Kernaussagen der Studie durch die Fricktaler Brille gelesen. Zwölf Fakten im Fricktal-Check.

1. Die Stimmung ist so positiv wie schon lange nicht mehr.

Jein. Ein Blick in die Detailzahlen der Studie zeigt: Im Fricktal teilen nicht alle befragten Firmen den Optimismus – oder zumindest nicht grenzenlos. So schätzen die Unternehmen im unteren Fricktal die allgemeine Entwicklung für das Geschäftsjahr 2018 leicht negativ ein. Sie sind damit die einzige Region im Aargau mit einem Minuswert. Die anderen Bezirke kommen auf einen Wert von 0,6 bis 1,13, wobei 0 befriedigend und 1 gut ist. Der Bezirk Laufenburg liegt mit einem Wert von 0,89 in der Benchmark.

Die verhaltene Stimmung im unteren Fricktal erstaunt auf den ersten Blick, gehört doch das Fricktal dank dem Pharma-Cluster zu den Wirtschaftsregionen mit der dynamistischen Entwicklung. In der NAB Regionalstudie 2016 stiess das Fricktal sogar erstmals in die Top 3 sämtlicher 110 Schweizer Wirtschaftsregionen vor.

Die Skepsis dürfte primär zwei Ursachen haben. Zum einen kämpfen immer noch Unternehmen mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen respektive dem teuren Produktionsplatz Schweiz. Diese Schwierigkeiten spiegeln sich bei den befragten Firmen im Bezirk Rheinfelden in einer tiefen Produktionsauslastung: Im unteren Fricktal waren die Produktionskapazitäten im letzten Jahr nur zu 71 Prozent ausgelastet; für dieses Jahr gehen die Unternehmen von einer Auslastung von 74 Prozent aus. Zum Vergleich: Im Bezirk Laufenburg liegt dieser Wert bei 93 Prozent, in den anderen Bezirken ähnlich hoch.

Zum zweiten dürfte die lang anhaltende Frankenstärke, die den Einkaufstourismus in nahen Deutschland ankurbelte, in den Erwartungen noch nachhallen – insbesondere beim Gewerbe in der Stadt Rheinfelden. Hier stehen seit Jahren mehrere Ladenlokale leer.

Generell aber, dies sei wider den Pessimismus angemerkt, gehen die Analysten davon aus, dass der wirtschaftliche Aufschwung anhält. Prognostiziert wird für dieses Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandproduktes von 2,0 Prozent, für 2019 ein solches von 1,9 Prozent.

2. Der Einkaufstourismus geht zurück.

Der Franken hat sich nach seinem Drei-Jahres-Hoch abgeschwächt und dürfte sich zwischen 1.15 und 1.20 einpendeln. Er ist zwar auch damit noch leicht überbewertet, aber er ist auf einem Niveau, mit dem die Schweizer Wirtschaft leben kann – und das den Einkaufstourismus drosselt. Vonwiller jedenfalls ist überzeugt: «Die Entwicklungen an der Währungsfront nehmen dem Einkaufstourismus zunehmend den Wind aus den Segeln.»

Diese generelle Aussage trifft auf eine Grenzregion wie das Fricktal erfahrungsgemäss etwas weniger zu. Denn der Weg nach Deutschland ist so kurz, dass er sich auch bei einem niedrigeren Wechselkursprofit lohnt. Eine Umfrage der AZ bei Fricktaler Detaillisten zeigt aber, dass sie eine Entspannung an der Einkaufstourismus-Front ebenfalls spüren.

Die Geschäfte profitieren gleichzeitig von einer generell deutlich besseren Konsumentenstimmung, die «eine Reduktion der Sparquote erhoffen lässt», wie es Vonwiller formuliert. Was dabei insbesondere Rheinfelden mit seinen leer stehenden Läden in der Altstadt zusätzlich entgegenkommen könnte: «Zuletzt versuchten die Händler, vermehrt mit kleineren Verkaufsflächen und weniger Beschäftigten pro Fläche ihre Produktivität zu erhöhen», so Vonwiller.

3. Die Umsätze werden steigen.

Die Fricktaler Unternehmen sind skeptisch bis verhalten optimistisch. Beim Umsatz im Inland gehen die Firmen im oberen Fricktal von einem leicht höheren Umsatz auf, jene im unteren von einem leichten Minus. Gerade umgekehrt sind die Vorzeichen beim Export: Hier glaubt man im untren Fricktal an eine recht deutliche Umsatzsteigerung – der Bezirk gibt zusammen mit Lenzburg die positivste Prognose ab –, im oberen Fricktal dagegen geht man von leicht niedrigeren Werten als im Vorjahr aus.

4. Die Pharma bleibt ein Zugpferd.

Absolut. Die Pharmaunternehmen schätzen laut der Studie ihren Geschäftsgang selber als «gut» bis «sehr gut» ein und erwarten für 2018 noch weitere Aufhellungen am Wirtschaftshimmel. Das hört man im Fricktal natürlich gerne, denn das Wohl der Pharmaindustrie ist matchentscheidend für die Region. Es gilt die Regel: Geht es der Pharmaindustrie gut, geht es dem Fricktal gut. Diese Abhängigkeit ist immer wieder ein Thema und Kritiker warnen vor der (zu) grossen Abhängigkeit. Derzeit gibt es allerdings kaum Anzeichen dafür, dass die traute Zweisamkeit demnächst in die Brüche gehen könnte. Im Gegenteil: Die Analysten erwarten, dass insbesondere der Export von Pharmaprodukten – er macht heute bereits 91 Prozent am Gesamtumsatz der Pharmafirmen aus – weiter steigen dürfte.

5. Die Exporte der Pharmafirmen im Aargau sind 2017 regelrecht eingebrochen.

Das stimmt, hat aber zum Glück einen logistischen Grund. Das Export-Minus von 21,8 Prozent, das die Pharmafirmen im letzten Jahr verzeichneten, ist darauf zurückzuführen, dass eines der Unternehmen seine Waren nicht mehr ab dem Produktionsstandort im Aargau versendet, sondern von einem zentralen Lager im Baselbiet aus.

6. Die Zahl der Stellen wird steigen.

Dies stimmt – in der Tendenz. Es wird aber auch in diesem Jahr Branchen und Firmen geben, die Stellen abbauen werden. Da der Arbeitsmarkt zudem auf die Konjunktur stets leicht verzögert reagiert, erwartet Vonwiller für die nähere Zukunft einen eher schleppenden Stellenaufbau. Das heisst: Die Anzahl der Vollzeitstellen dürfte in diesem Jahr um 1,2 bis 1,4 Prozent steigen. Für das nächste Jahr rechnet das Staatssekretariat für Wirtschaft mit einem Zuwachs bei der Beschäftigung von 1,0 Prozent.

Auch in der Stellenfrage zeigen die beiden Bezirke eine unterschiedliche Dynamik. Nach einem Rückgang der Vollzeitstellen im letzten Jahr um 0,9 Prozent rechnen die Unternehmen im oberen Fricktal auch in diesem Jahr mit einem Minus von 0,6 Prozent. Ganz anders die Firmen im Bezirk Rheinfelden: Hier stieg die Zahl der Vollzeitstellen im letzten Jahr um 2,0 Prozent und für dieses Jahr prognostizieren die Firmen ein Wachstum von 1,2 Prozent.

Dieser Wert ist kantonsweit beachtlich. Nur zwei Bezirke gehen von einem deutlich stärkeren Wachstum aus: Muri (+4,2 Prozent) und Zurzach (+7,8).

7. Die Pharmaindustrie legt jobmässig stärker zu als der Rest.

Damit darf zumindest gerechnet werden. Laut Vonwiller ist die Anzahl der Vollzeit-Stellen im Pharmabereich im letzten Jahr um rund drei Prozent gestiegen und im laufenden Jahr könne man mit einer Erhöhung um rund zwei Prozent rechnen. «Da mittlerweile rund 60 Prozent der Aargauer Ausfuhren auf die Pharmaindustrie zurückzuführen sind, dürfte von diesen Entwicklungen der ganze Kanton und insbesondere das Fricktal, wo zwei riesige Pharma-Unternehmen angesiedelt sind, profitieren», ist Vonwiller überzeugt.

Auch die Zukunftsaussichten schätzt der Studienleiter als «rosig» ein: «Die demografische Alterung und ein global wachsender Wohlstand sorgen für eine nachhaltige Nachfragebasis.» Dabei darf allerdings nicht vergessen gehen, dass die Pharmaunternehmen zwar wachsen, intern aber die Prozesse zugleich laufend optimieren, was mitunter zu einem markanten Stellenabbau oder einer -verlagerung in einzelnen Bereichen führen kann. Das erlebte das Fricktal Anfang November, als Roche den Abbau von 235 Stellen am Standort Kaiseraugst in der Verpackung ankündigte.

Wie nahe Freud und Leid dabei zusammenliegen können, zeigte ein Medientermin nur gut zwei Wochen nach der Abbauankündigung: Die Roche weihte in Kaiseraugst ihr neues, rund eine Milliarde Franken teures IT-Zentrum ein. Hier arbeiten neu 700 Mitarbeiter, die zuvor in Basel tätig waren. Die Zahl der Mitarbeiter am Standort Kaiseraugst stieg damit auf 3000.

8. Der europäische Markt ist für das Fricktal entscheidend.

Dies trifft den Nagel, gerade in der Pharma- und Chemiebranche, auf den Kopf: 80 Prozent der Exporte gehen nach Europa, 77 Prozent in den Euro-Raum. Entsprechend nervös reagieren die Pharmafirmen jeweils auch, wenn politische Ideen im Raum stehen, die das Verhältnis zur EU belasten könnten.

9. Der Bauboom hält an.

Davon kann im Fricktal ausgegangen werden. Dies hat primär zwei Gründe: Erstens ist das Fricktal nach wie vor als Wohnregion gefragt. Die Zuzüge aus Basel und dem Baselbiet halten unvermindert an. Dies liegt zum einen am knappen Angebot im Raum Basel, zum anderen an den Preisen. Wer sich ein Eigenheim – sei es nun eine Wohnung oder ein Haus – leisten will und kann, wird in der näheren Agglomeration von Basel oft nicht fündig und weicht ins Fricktal aus. Lange beschränkte sich diese Wanderbewegung auf das untere Fricktal, heute ist auch das obere Fricktal – insbesondere der Raum Frick – bei Zuzügern aus Basel sehr gefragt.

Zurückzuführen ist der Bauboom daneben auf den «akuten Anlagenotstand», so Vonwiller. Dieser habe dafür gesorgt, dass in den letzten Jahren viel Kapital in den Mietwohnungsbau flossen. Und noch immer fliessen, wie eine Fahrt durch das Fricktal zeigt: Überall ragen aktuell Baukranen gen Himmel. An diesem Bild dürfte sich nicht so schnell etwas ändern; in vielen Gemeinden sind grössere Bauprojekte bereits angedacht. Allein in Frick dürften in den nächsten Jahren zwischen 400 und 500 Wohneinheiten entstehen.

10. In der Region sind genügend Fachkräfte verfügbar.

Jein. Zwar liegt das Fricktal verkehrstechnisch günstig und profitiert vom Fachkräftepool aus dem Raum Basel und Zürich. Dennoch beurteilen die befragten Unternehmen die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal nur verhalten (positiv). Im Bezirk Laufenburg geben die 17 Befragten Unternehmen, die zusammen 2290 Vollzeitstellen anbieten, ein «befriedigend bis gut». Die 18 Firmen im unteren Fricktal mit ihren 902 Vollzeitstellen bewerten die Verfügbarkeit dagegen als «befriedigend bis eher schlecht».

Gerade die Pharmabranche zeigt sich dabei mit der Verfügbarkeit von Fachkräften eher unzufrieden. «Dies schlägt sich in der Praxis in der grossen Nutzung von Drittstaatenkontingenten nieder», bilanziert Vonwiller.

11. Der Aargau ist ein guter Unternehmensstandort.

Dies sehen die Unternehmen in beiden Bezirken so, wenn auch mit unterschiedlicher Begeisterung. Die Firmen im unteren Fricktal bewerten den Standort als «befriedigend bis gut», die Kollegen im oberen Fricktal als «gut».

12. Die steuerliche Belastung ist erträglich.

Erträglich, ja, sagen die Unternehmen im Fricktal – aber nicht gut. Im unteren Fricktal gibt es mit einem Wert von 0,2 ein «befriedigend», im oberen lautete das Verdikt bei einem Wert von 0,7: «eher gut». Besserung verspricht da, aus Unternehmersicht, die Steuervorlage 17 zu bringen, die der Regierungsrat im Dezember in die Vernehmlassung geschickt hat. Ihr Ziel: Die steuerliche Attraktivität für juristische Personen erhöhen.

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