Bewerbungen
Was sind Arbeitszeugnisse heute noch wert? Das sagen Roche, Coop und Jakob Müller Group

Per Gesetzes wegen müssen Arbeitszeugnisse heute wohlwollend formuliert sein. Doch welchen Stellenwert haben sie dann überhaupt noch im Bewerbungsprozess. Die AZ hat bei der Jakob Müller Group, Roche und Coop nachgefragt.

Thomas Wehrli
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Bei der Jakob Müller Group um CEO Robert Reimann haben die Arbeitszeugnisse noch immer eine hohe Bedeutung.

Bei der Jakob Müller Group um CEO Robert Reimann haben die Arbeitszeugnisse noch immer eine hohe Bedeutung.

Bild: san (24. Oktober 2017)

Sind Arbeitszeugnisse bei Bewerbungen Schnee von gestern? Dies denkt inzwischen bereits jeder zweite Personalchef, wie ein Artikel in der letzten «NZZ am Sonntag» aufzeigte. Was sagen grössere Arbeitgeber in der Region dazu?

Für die Jakob Müller Group haben Arbeitszeugnisse nach wie vor eine wichtige Bedeutung. «Beispielsweise generieren fehlende Arbeitszeugnisse Fragen, welche es zu hinterfragen gilt», sagt CEO Robert Reimann und Personalleiter Markus Hager ergänzt:

«Wir verfügen intern über jahrelange Erfahrung in der Interpretation von Arbeitszeugnissen.»

Hierbei gelte es auch, Zeugnisse zu analysieren, die im Schreibstil früherer Zeiten verfasst worden seien. Weiterhin müssten Formulierungen unterschiedlicher Branche berücksichtigt werden. «All dies erfordert Fachkenntnisse und eine Menge Erfahrung, über welche die Jakob Müller Group verfügt», so Hager weiter.

Jakob Müller: Gezielte Fragen sind möglich

Die so gewonnenen Erkenntnisse lässt das Unternehmen mit Sitz in Frick in ein Bewerbungsgespräch mit einfliessen. «Dies ermöglicht es uns, dem Bewerber gezielt Fragen zu stellen», erklärt Hager. Der Bewerber habe auch die Chance, die Sachverhalte zu erklären. Für Reimann ist klar:

«Wir erhalten so ein umfassendes Bild des Bewerbers.»

Deshalb legt man bei der Jakob Müller Group, die zu den weltweit führenden Herstellern von Band- und Schmaltextilienmaschinen gehört, auch Wert auf ein möglichst vollständiges Dossier. Die letzten – aktuellsten – Arbeitszeugnisse sind am wichtigsten, da sie Aufschluss über die aktuelle Leistung und Situation geben», sagt Hager. Zeugnisse am Anfang der Karriere, die schon länger zurücklägen, seien für die Beurteilung nicht so gewichtig. «Fehlt solch ein Zeugnis, wird dem meist weniger Bedeutung beigemessen.»

Die Ansicht, dass die Arbeitszeugnisse keine Aussagekraft mehr haben, weil sie von Gesetzes wegen wohlwollend formuliert sein müssen, teilt Reimann nicht. Er sagt: «Für Arbeitszeugnisse gibt es standardisierte Formulierungen, die wohlwollend sind, aber ausreichend Aussagekraft über die Leistung oder das Verhalten geben.» Aufkommende Fragen oder kritische Sachverhalte würden dann im Gespräch mit dem Bewerber geklärt. «Dies ist für beide Parteien meist auch eine Chance, da genau in diesen Punkten Potenzial steckt.»

Hoch gewichtet wird bei den Bewerbungen bei der Jakob Müller Group auch die Qualifikation der Bewerberin oder des Bewerbers. «Sie muss auf das Anforderungsprofil der Stelle passen», sagt Hager. Doch auch wenn der Bewerber noch nicht über alle Fachkenntnisse verfügt – das kann aufgrund der nötigen Spezialkenntnisse vorkommen –, hat die Bewerberin oder der Bewerber durchaus Chancen. Reimann dazu:

«Ist in einigen Punkten das notwendige Fachwissen nicht vorhanden, so sind wir bestrebt, das Fachwissen durch Schulungen zu vermitteln, sofern die anderen Kriterien alle passen.»

Auch die persönliche Zukunftsplanung der Bewerberin oder des Bewerbers spielt eine Rolle. Und: «Der Jakob Müller Group ist es sehr wichtig, dass die Bewerberin oder der Bewerber in das zukünftige Team passt», sagt Hager. Das garantiere eine langfristige Zusammenarbeit. Reimann weiss zudem: «Arbeit muss Spass machen, denn nur zufriedene Mitarbeiter können auf Dauer auch gute Leistungen bringen und somit den Erfolg des Unternehmens sichern.»

Roche: Interviews und Assessment-Prozesse

«Wir verlassen uns im Auswahlprozess primär auf unsere Interviews und Assessment-Prozesse, um unsere Kandidaten für eine Position und für Roche zu evaluieren», sagt Roche-Mediensprecherin Nina Mählitz. Sie hat festgestellt:

«Die Arbeitszeugnisse haben in den letzten Jahren in der Tat an Bedeutung verloren.»

Sie würden bei Roche in der Schweiz erst am Ende des Prozesses verlangt, «vor allem als Formalität».

Entsprechend der Gewichtung müssen beim Pharmakonzern die Arbeitszeugnisse nicht zwingend zu Beginn der Bewerbung eingereicht werden. «Wir berufen uns auf den Lebenslauf und in manchen Fällen kann auch ein Motivationsschreiben hilfreich sein», so Mählitz. «Am Ende des Prozesses werden Zeugnisse jedoch angefragt und müssen eingereicht werden.»

Gerade weil Arbeitszeugnisse heute wohlwollend formuliert sein müssen, verzichtet Roche darauf, diese als Referenz im Rekrutierungsprozess hoch zu gewichten. Wichtig ist im Bewerbungsprozess, dass eine Bewerberin oder ein Bewerber die technischen Anforderungen für die Stelle erfüllt oder zumindest das Potenzial hat, diese mit gezieltem Training und Erfahrung zu erlernen.

«Am wichtigsten bei der Auswahl unserer Kandidaten ist uns das ‹Mindset›, also die richtige Einstellung, und inwiefern die Werte und Kompetenzen eines Kandidaten mit unseren Firmenwerten und -zielen übereinstimmen», sagt Mählitz.

Coop: Arbeitszeugnisse müssen beigelegt werden

Auch bei Coop erachtet man das Arbeitszeugnis als wichtig. «Es gibt beispielsweise auch Auskunft über den Arbeitsinhalt einer aktuellen Stelle», sagt Patrick Häfliger. Deshalb müssen Arbeitszeugnisse auch zwingend beigelegt werden.

Wichtig ist im Bewerbungsprozess der persönliche Austausch – «gerade auch zwischen den Bewerberinnen und Bewerbern mit den möglichen zukünftigen Vorgesetzten und Mitarbeitenden», sagt Häfliger.

Die Gewichtung von Arbeitszeugnissen differenziert im Fricktal je nach Firma und Branche also stark. Klar scheint: Die Aussage, dass Arbeitszeugnisse nichts aussagen, stimmt so nicht – trotz gesetzlicher Pflicht, sie wohlwollend zu formulieren.

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