Fricktal

«Wir wurden um einen Luxus reicher: die völlige Freiheit»

Seit einem halben Jahr segeln Köbi Brem und Pia Koch über die Weltmeere. Eine Zwischenbilanz.

Sie leben ihren Traum, und der führt sie rund um die Welt: Seit Juni segeln Köbi Brem, 58, und Pia Koch, 61, mit der «Lupina» über die Weltmeere. Dauer: unbefristet. «Wir segeln, solange es uns gefällt», sagte der Alt-Gemeindeammann von Wölflinswil im Juni zur AZ, und das dürften «einige Jahre» werden.

Derzeit liegt die «Lupina» im Hafen von Santa Cruz, Teneriffa, vor Anker. Auf der Segeljacht haben die beiden Fricktaler auch Weihnachten gefeiert – bei Sonne, 22 Grad und einem Fünf-Gang-Menü, das Pia Koch zubereitet hat. «Wir haben die Zweisamkeit genossen», sagt Brem.
Einen Weihnachtsbaum gab es keinen, «aber ein paar Kerzen standen schon auf dem Tisch», erzählt Brem, der sich im Frühling frühpensionieren liess. Sogar ein Geschenk vom Grosskind gab es zur Bescherung – und ein Video, wie das Grosskind die Geschenke von Brem und Koch zu Hause auspackt. Weihnachten zu zweit, weit ab vom üblichen Weihnachtsrummel, habe es ihnen erlaubt, «mit unseren Gedanken und unseren Herzen viel intensiver bei unseren Familien zu sein».

«Der Flug in die Freiheit»

Nach dem bislang schönsten Moment gefragt, müssen die beiden nicht lange überlegen. «Das war, als wir mit unserem Gepäck das Flugzeug bestiegen haben und zur ‹Lupina› nach Brighton geflogen sind», sagt Brem. Denn das war «der Flug in die Freiheit». Eine Freiheit, die sie immer aufs Neue an spannende Orte und zu interessanten Menschen führt. «Etwas vom Schönsten ist jeweils das Ankommen an einem neuen Ort», sagt Brem.

Manchmal holen die beiden aber auch die Tücken des Alltags – und der Technik – ein. So hatten sie schon lange geplant, den Wassermacher in Las Palmas erstmals in Betrieb zu nehmen. Dazu liessen sie zuerst bei der lokalen Markenvertretung einen Service machen. «Das Warten auf die notwendigen Ersatzteile hat dann drei Wochen gedauert, was unseren Zeitplan durcheinanderbrachte und unsere Geduld extrem strapaziert hat.» Brem lacht. «Unsere Tochter, die in Bonaire lebt, hat uns dann geschrieben: ‹Welcome to the real world – ein perfektes Training für die Karibik!›»

Hierhin führt die beiden der nächste grosse Schlag, wie in der Seglersprache ein längerer Segelturn genannt wird. Anfang Januar werden sie die Kanarischen Inseln in Richtung Kapverden verlassen, das rund 800 Seemeilen entfernt liegt. Acht Tage rechnet Brem für die Fahrt. Auf den Kapverden wollen sie dann rund vier Wochen bleiben, um «Inseln und Leute kennen zu lernen». Danach, Anfang Februar, setzen sie zum «grossen Hupf» an, wie es Brem nennt: Zum Sprung über den Atlantik nach Barbados. Mit 18 Tagen rechnet Brem. «Wir haben Respekt davor», sagt er, «denn wir bewegen uns über mehrere Tage fernab von jeglicher Zivilisation und sind völlig auf uns alleine gestellt.»

Sie sind dann aufeinander zurückgeworfen, kann man auch sagen – und dies ohne Möglichkeit, sich auch mal aus dem Weg zu gehen. Natürlich gebe es ab und an Meinungsverschiedenheiten, sagt Brem. «Wir haben vereinbart, in einer unlösbar scheinenden Situation durch eine vorher abgesprochene Zeichensprache die Diskussion einfach abzubrechen.» Dann schlafen sie darüber, und falls es am anderen Tag immer noch ein Thema ist, «diskutieren wir mit einer gewissen Distanz und der nötigen Ruhe erneut darüber».
Das Leben auf engem Raum gefällt den beiden. «Wir brauchten schon früher nur wenig Platz für unsere Dinge und wir beide sind ordnungsliebend», so Brem. Die Berufswelt habe ihnen früher wenig Gemeinsamkeit erlaubt, «nun geniessen wir diese Nähe in vollen Zügen».

Schaukeln als Herausforderung

Vermissen tun sie – «nichts». Brem überlegt kurz, sagt dann: «Wir wurden um einen Luxus reicher: die völlige Freiheit.» Das überwiege bisher alles, was ihnen fehlen könnte. Zudem haben sie festgestellt: «Alles, was wir nicht haben, vermissen wir auch nicht.»

Die grösste Herausforderung ist für die beiden das Leben an Bord bei unaufhörlichem Schaukeln und starker Schräglage. «Banale Dinge wie Kochen oder der Gang zur Toilette werden dann plötzlich zu Herausforderungen.» Alles dauere viel länger und man müsse immer aufpassen, das nichts herunterfällt oder dass man sich bei einem Sturz verletzen könnte.

Dass ihnen das Leben an Bord verleiden könnte, glauben die beiden nicht. «Unvorstellbar», sagt Brem, ohne zu zögern. «Das Schiff ist unser bewegliches Zuhause.» Es bringe sie immer wieder an neue Orte. «Dort dürfen wir so lange bleiben, bis wir nicht mehr wollen, und dann trägt uns unser Schiff wieder zu neuen Abenteuern.» Und zu neuen Menschen.

Ja, sagt Brem, für sie sei tatsächlich ein Traum wahr geworden. «Und das Schönste daran: Er geht weiter.»

Allen, die unsicher sind, ob sie ihren Traum verwirklichen können oder sollen, rät Brem, sich als Erstes die Frage zu stellen, was ihn oder sie daran hindere. «Dann soll er sich überlegen, was er tun müsste, um diese Hindernisse aus dem Weg räumen zu können.» Als Letztes solle er für sich entscheiden, ob er das wolle oder nicht. «Ist das mal geklärt und der Wille stark genug, stehen die Chancen gut, dass es klappt mit dem Traum.»

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Meistgesehen

Artboard 1