Frick

«Wir sind wütend und enttäuscht» — Eltern der HPS-Schüler fühlen sich vor den Kopf gestossen

Die Heilpädagogische Sonderschule in Frick. Der Standort wird im Sommer geschlossen.

Die Heilpädagogische Sonderschule in Frick. Der Standort wird im Sommer geschlossen.

Die beiden Standorte der HPS Frick und Rheinfelden werden im Sommer 2021 geschlossen und die Schüler gehen in Mumpf zur Schule. Das stösst den Eltern sauer auf. Sie verzichten zwar auf einen Wiedererwägungsantrag – erwarten aber ein Recht auf Mitwirkung.

An der Gefühlslage hat sich nichts geändert: Die Eltern von Schülern der Heilpädagogischen Schule (HPS) Frick sind nach wie vor «wütend und enttäuscht über das Vorgehen der Behörden» und fühlen sich «vom Gemeinderat im Stich gelassen».

Hintergrund ist die Zusammenführung der beiden HPS von Frick und Rheinfelden. Bei der Abstimmung über den Wechsel der Trägerschaft von den beiden Gemeinden zur Stiftung MBF im Juni 2018 hiess es noch, für die Schüler ändere sich kaum etwas und die beiden Standorte blieben erhalten.

Gut ein Jahr später ist klar: Für die Schüler ändert sich viel; die beiden Standorte werden im Sommer 2021 geschlossen und die Schüler gehen in Mumpf zur Schule, wo die Stiftung MBF das leer stehende Oberstufenschulhaus übernimmt.

Gemeinde Frick bekommt den Leistungsauftrag nicht zurück

Mit diesem Entscheid konnten sich viele Eltern nicht einverstanden erklären und beabsichtigten, an der Gemeindeversammlung vom Freitag einen Wiedererwägungsantrag einzureichen. Dies ist rechtlich möglich, wie Martin Süess, Leiter Rechtsdienst der Gemeindeabteilung, der AZ bestätigte – würde aber effektiv nichts bewirken, denn der Kanton hat bereits klar gesagt: Die Gemeinde Frick bekommt den Leistungsauftrag nicht zurück; dieser geht ab Sommer 2020 an die Stiftung MBF – mit der Erwartung, dass die beiden Standorte zusammengeführt werden.

Auch deshalb haben sich die Eltern, die von einer Gruppe «engagierter Bürger» um die beiden SP-Politiker Elisabeth Burgener und Rolf Schmid begleitet werden, entschieden, auf ein Wiedererwägungsgesuch zu verzichten. Daran knüpfen sie allerdings die klare Erwartung, dass sie, anders als bislang, in den Prozess einbezogen werden.

Das Kapitel der HPS Frick, das vor 50 Jahren begonnen und dabei stets zum Ziel gehabt habe, den Kindern mit einer Beeinträchtigung einen Platz möglichst nahe an den Regelstrukturen zu gewähren, ende mit der Verlegung des Standortes und hinterlasse «in uns eine Unsicherheit, welchen Stellenwert unsere Kinder in der schweizerischen Gesellschaft haben», schreiben die Eltern. Denn der Standort Mumpf liegt – dies ist einer der Hauptkritikpunkte der Eltern – abseits vom Dorf und steht damit in einem Widerspruch zur bisherigen Inklusion in die Gesellschaft. Die Eltern befürchten, dass die Kinder durch den Umzug separiert werden.

Eltern erwarten ein Recht auf Mitsprache

«Aus diesem Grund erwarten wir von den beteiligten Behörden und Organisationen Verständnis für unsere Ängste, unsere Fragen und den zeitweisen Frust», heisst es in dem dreiseitigen Schreiben, das Eltern und «engagierte Bürger» gemeinsam verfasst haben. Die Eltern wünschen sich denn auch «eine Bereitschaft, darauf einzugehen und mit uns zusammenzuarbeiten, statt uns mit netten Worten und unvollständigen Informationen zu vertrösten». Konkret verlangen die Eltern ein «Recht auf Mitwirkung in der Projektgruppe zur Umsetzung der HPS Fricktal».

Die Eltern sind überzeugt, dass ihre Erfahrungen und das Wissen über die Bedürfnisse der Kinder für die Arbeit der Gruppe «von grossem Stellenwert» sind, denn die Stiftung MBF verfüge bisher lediglich über Erfahrung mit beeinträchtigten Erwachsenen. «Die Anhörung unserer Anliegen und der Einbezug in die weiteren Planungsschritte wären für uns ein Zeichen, dass es dem Kanton und der Stiftung MBF ernst ist, optimale Rahmenbedingungen für eine bedarfsgerechte HPS in Mumpf zu schaffen.» Einen entsprechenden Antrag haben die Eltern bei der Stiftung MBF deponiert.

Man spürt, wenn man die Stellungnahme liest, dass nach wie vor starke Emotionen im Spiel sind. Dies ist verständlich, gingen die Eltern doch davon aus, dass sich für sie respektive ihre Kinder mit dem Wechsel der Trägerschaft kaum etwas ändert.

Im Sommer sei die Entwicklung noch nicht absehbar gewesen

Der Fricker Gemeindeammann Daniel Suter versteht die Emotionen. Die Lage des neuen Standorts Mumpf berge im Vergleich zu Frick Nachteile, was sich bei Schülern mit besonderen Bedürfnissen stärker auswirken könne. Er betont aber gleichzeitig: «Die Zusammenführung beider HPS ist der einzige Weg, um den Bestand einer HPS im Fricktal auch langfristig sichern zu können.»

Dazu nennt er Zahlen. Von den 42 Schülern, welche die HPS in Frick derzeit besuchen, stammten 26 aus dem Bezirk Laufenburg. Trotz 16 Schülern aus anderen Bezirken werde die bewilligte Belegungszahl noch immer um vier Kinder unterschritten.

Den impliziten Vorwurf der Eltern wie der «engagierten Bürger», wortbrüchig geworden zu sein, weist Suter dezidiert zurück. Im Sommer 2018 sei die Entwicklung – also die Konzentration auf einen Standort – noch nicht absehbar gewesen. «Dass es später zu Änderungen bei den Standorten kommen könnte, war jedoch bereits in der Gemeindeversammlungsbotschaft erwähnt worden», so Suter.

Dass der Gemeinderat selber vom Tempo der Entwicklung respektive der Dynamik des Prozesses überrascht wurde, gibt Suter zu. Im Sommer 2018 sei noch nicht klar gewesen, wie wichtig die Konzentration auf einen Standort für den Betrieb der fusionierten HPS sei.

Informationspolitik stösst Eltern vor den Kopf

Vor den Kopf gestossen fühlen sich die Eltern auch durch die bisherige Informationspolitik von Kanton und Stiftung MBF. Diese sei einseitig gewesen, auf ein Minimum beschränkt und hinterlasse ein Gefühl des Übergangenwerdens. In die gleiche Kerbe schlagen die «engagierten Bürger». Sie hätten vom Gemeinderat nach Bekanntwerden der Schliessung Nachverhandlungen mit dem Kanton zum Erhalt des Standortes erwartet.

«Aus den Kontakten mit den zuständigen Stellen beim Kanton war klar, dass diese einen Neu- oder Erweiterungsbau nicht unterstützen würden, solange in der Region geeignete Schulräume leer stehen», hält Suter entgegen.

Fundamentalkritik üben Burgener und Schmid und die Eltern zudem an der Privatisierung von Schulen mittels Vergabe von Leistungsverträgen. Dies halten sie für den falschen Weg – gerade auch bei Sonderschulen. Hier sei von weiteren Privatisierungen abzusehen und anzuerkennen, «dass es sich um einen vollwertigen Teil der Volksschule handelt».

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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