Frick
Wieso braucht es Eltern-Lehre? «Bestätigung, dass ich mein Kind richtig erziehe»

Das erste Modul der Eltern-Lehre fand seinen Abschluss, der Kurs kommt bei den Teilnehmern an. Wieso braucht es aber überhaupt einen solchen Kurs, wenn frühere Generationen auch ohne Lehre auskamen?

Marc Fischer
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Rollenspiele gehören zur Eltern-Lehre. Im Hintergrund beobachtet Marlies Bieri das Geschehen. mf

Rollenspiele gehören zur Eltern-Lehre. Im Hintergrund beobachtet Marlies Bieri das Geschehen. mf

Was tun, wenn die kleine Tochter ein Pfund Joghurt verdrücken möchte? Oder der Sprössling Spass daran findet, den Papierkorbinhalt in der Wohnung zu verteilen? Motivieren Aufräumwettkämpfe den Nachwuchs? Welche Erziehungsziele haben die Eltern und welcher Erziehungsstil führt dahin?

Derlei Fragen werden in der Eltern-Lehre behandelt. Seit einem halben Jahr läuft in Frick das Pilotprojekt, das vom kantonalen Departement für Gesundheit und Soziales finanziell unterstützt wird. Geleitet wird der Kurs von Marianne Leber, für die Projektorganisation ist die Fachstelle Kinder und Familien zuständig.

15 Teilnehmer besuchten im vergangenen halben Jahr die sechs Kursabende des ersten Moduls, das gesamthaft unter dem Titel «Was kleine Kinder brauchen» steht. Eine ideale Gruppengrösse sei das, erklärt die Erfinderin der Eltern-Lehre, Marlies Bieri. Vier Männer nahmen am Kurs teil, alle gemeinsam mit ihren Partnerinnen. «Nirgends sonst in der Elternbildung wird ein derart hoher Väteranteil erreicht», ist Marlies Bieri stolz und verweist dabei auf Erfahrungen aus dem Kanton Bern, wo das Angebot seit 2007 an mehreren Orten besteht.

Die Erwartungen an den Kurs sind unterschiedlich. «Auf den Fragebögen haben die jungen Eltern angegeben, dass sie sich Tipps und Kniffe wünschen», weiss die Kursleiterin. Eine Mutter ergänzt, sie erwarte sich Hilfestellungen, wie sie in bestimmten Situationen reagieren solle. Und ein Vater erklärte: «Ich suche auch Bestätigung, dass ich mein Kind richtig erziehe.»

Im Idealfall sei ein Kind bei Kursbeginn zwischen drei und sechs Monaten alt, erläutert Erfinderin Marlies Bieri, «dann kann das Kind mit den Modulen wachsen.» Eine Mutter sagt dann auch, dass ihre Kinder eigentlich schon zu alt seien. Als Kritik am Kurs will sie das aber nicht verstanden haben, im Gegenteil: «Es ist schade, dass es den Kurs nicht schon früher gab.»

Die fachlichen Inputs werden in der Eltern-Lehre so knapp wie möglich gehalten, dafür wird gemeinsamen Übungen und Rollenspielen und dem Erfahrungsaustausch viel Platz eingeräumt – und auch die Erziehung, die man selber genossen hat, wird reflektiert.

«Ich habe viele Déjà-vu-Erlebnisse und kopiere vieles von meinen Eltern», brachte eine Teilnehmerin in die Diskussion ein. Wieso also braucht es dann die Eltern-Lehre? Frühere Generationen meisterten die Erziehungsaufgaben doch auch ohne? «Die Ansprüche der Gesellschaft an Eltern und Kinder sind gestiegen», erklärt Marlies Bieri, «und heutzutage haben die Eltern weniger Kinder, da wollen sie alles möglichst perfekt machen.»

Das Bedürfnis nach der Eltern-Lehre scheint jedenfalls vorhanden zu sein. 12 der 15 Teilnehmer haben sich auch für das zweite Modul eingeschrieben, das im April startet. Zudem werden neue Teilnehmer die Kursgruppe ergänzen. Ob das Angebot im Aargau weitere Verbreitung findet, ist dagegen noch unklar. Marianne Leber würde den Kurs gerne auch andernorts geben, da er «eine gute Sache» sei.

Es gebe Interessenten wie die reformierte Kirche oder die Schule für Gesundheit oder Soziales in Brugg, spruchreif sei aber noch nichts, weiss Marlies Bieri. Der Kanton seinerseits wolle zunächst das Pilotprojekt abschliessen und evaluieren.

Sicher weiter geht es für die Teilnehmer des zweiten Moduls, das unter dem Titel «Was kleine Kinder fördert» steht. Das dritte Modul liefert dann Antworten auf die Frage «Was kleinen Kindern Sicherheit gibt?». Doch gibt es sie überhaupt, die allgemeingültigen Antworten? Gibt ein Kurs nicht eine – möglicherweise trügerische – Sicherheit? «Im Kanton Bern wurden die Eltern 1,5 Jahre nach dem Abschluss der Eltern-Lehre erneut befragt», weiss Marlies Bieri, «sie gaben an, sich eine Haltung erarbeitet zu haben und einen Werkzeugkasten zusammengestellt zu haben, der sie im Alltag unterstützt.»

Haltungen und Werkzeuge wurden auch in den Plenumsdiskussionen in Frick deutlich. Die Wahrnehmung wird geschärft und andere Perspektiven aufgezeigt. Eine Allgemeingültigkeit wird weder verlangt noch vorgegeben. «Kinder sind eben verschieden», hat ein Vater gelernt «und Eltern auch.»

www.elternlehre.ch
www.familyinform.ch
www.elternbildung-aargau.ch

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