Gipf-Oberfrick

Wiedersehen nach 50 Jahren – Schulfreunde feiern Klassentreffen zu zweit

Ernst Welti (l.) und Othmar Häseli treffen sich einmal im Jahr für ein Klassentreffen zu zweit.

Ernst Welti (l.) und Othmar Häseli treffen sich einmal im Jahr für ein Klassentreffen zu zweit.

Jedes Jahr fliegt der 96-jährige Ernst Welti aus den USA zu seinem ehemaligen Schulfreund Othmar Häseli. Die beiden Schulkameraden feiern Klassentreffen und schwelgen zusammen in Erinnerungen.

Mitte der 1920er-Jahre drücken Ernst Welti und Othmar Häseli zusammen die Primarschulbank in Gipf-Oberfrick. Danach verlieren sich die Freunde aus den Augen. Der Grund: Weltis Eltern fallen Anfang der 1930er-Jahre der Tuberkulose zum Opfer.

Der damals Elfjährige kommt auf einen Bauernhof nach Mülligen, auf dem er als Verdingbub hilft, die Felder zu bestellen. Nach dem Militärdienst, der landwirtschaftlichen Schule und einer Ausbildung zum Koch wandert er als 31-Jähriger über Kanada in die USA aus.

«Es war wie ein Wunder»

1976 steht der damals 56-jährige Welti unangekündigt vor der Türe seines alten Schulkameraden Häseli, der zwischenzeitlich mit seinen Edelbränden im Fricktal Bekanntheit erlangt hat – auch bei Weltis Schwester, die in Häselis Nähe wohnt. «Sie sagte zu mir: ‹Besuch doch mal den Othmar. Vielleicht spendiert er dir einen Kirsch›», erzählt Welti.

«Als ich ihn nach knapp 50 Jahren vor mir stehen sah, habe ich mich gefragt: ‹Ist das möglich?› Es war wie ein Wunder. Ich habe ihn aber gleich erkannt», erinnert sich Häseli, der Welti anschliessend vor Glück umarmte. Und tatsächlich: Zum Abschied bekommt Welti eine Flasche Kirsch geschenkt.

Es sollte jedoch nicht der letzte Besuch bei seinem alten Schulfreund bleiben. Fortan düst Welti fast jährlich mit dem Flugzeug über den Atlantik in die Schweiz, besucht Häseli und noch andere ehemalige Klassenkollegen, um in alten Zeiten zu schwelgen.

«Mittlerweile sind wir jedoch die letzten beiden aus unserer Klasse, die übrig geblieben sind. Sozusagen ein Klassentreffen zu zweit», scherzt Häseli. So sind der 95- und der 96-Jährige seit diesem Jahr die ältesten Gipf-Oberfricker. Doch der ehemalige Obstbrenner muss sich geschlagen geben: «Ich bin rund vier Monate älter als Othmar», insistiert Welti.

Schulzeit sorgt für reichlich Gesprächsstoff

Doch über was unterhalten sich die beiden bei ihren Klassentreffen? Für reichlich Unterhaltung sorgt die gemeinsame Schulzeit: «Die Lehrer hatten damals eine Vorliebe für Bestrafungen», sagt Welti. Aber einmal, so erinnert er sich, habe man dem Lehrer einen Streich gespielt: «Am Abend haben wir den Stock des Lehrers angesägt. Als er am nächsten Morgen einen Schüler damit schlagen wollte, ist er zerbrochen», sagt Welti mit einem Schmunzeln.

Auch über ernste Themen wie den Zweiten Weltkrieg wird viel erzählt: Welti, der über die Weihnachtszeit vom Militärdienst befreit wurde, war gerade auf dem Weg zu Verwandten, als ein amerikanischer Bomber, der die Schweizer Grenze überflogen hatte, abgeschossen wurde.

«Ich sah am Himmel drei Fallschirmspringer. Einer landete im Wald», erzählt Welti. Als er den Wald durchquert, sieht er den zerfetzten Fallschirm in einem Baum verheddert und darunter einen US-Soldaten stehen, dem die Knie schlotterten: «Er dachte, dass er auf deutschen Boden gelandet und damit erledigt sei. Ich rief ihm zu: ‹You are in Switzerland›.» Der Soldat fällt Welti daraufhin glücklich in die Arme und Welti schenkt ihm eine Tafel Schokolade.

Im Herzen ein Schweizer

«Obwohl ich einen Grossteil meines Lebens in den Staaten verbrachte habe, bin ich im Herzen Schweizer», sagt Welti, der seine Frau Trudi, eine Schweizerin, auf einer Heuwagenfahrt in San Francisco kennen gelernt hat. Zwar hatte Welti immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt, in die Schweiz zurückzukehren, aber seine Frau wollte nicht, denn: «Sie hat es früher schlecht gehabt in der Schweiz», sagt er.

Auf der diesjährigen Reise in die Schweiz wird der 96-Jährige erstmals von seiner Tochter Arlene und seinen beiden Enkelkindern begleitet. Damit geht für Welti ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, denn: Er kann seiner Familie endlich ihre Wurzeln zeigen.

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