Asylbewerber-Familie

Wie es ist, seinen Kindern zu Weihnachten nichts schenken zu können

Ebbe im Portemonnaie: Die Kleider kauft Feride für sich und ihre Kinder im Brocki. «Ich kann es mir nicht leisten, in einem Kleiderladen einzukaufen.» Symbolbild/Key

Ebbe im Portemonnaie: Die Kleider kauft Feride für sich und ihre Kinder im Brocki. «Ich kann es mir nicht leisten, in einem Kleiderladen einzukaufen.» Symbolbild/Key

Eine Kurdin erzählt von den Wünschen ihrer Kinder zu Weihnachten, dass sie ihnen diese kaum erfüllen kann – und was ihr grosser Traum ist.

Der knapp siebenjährige Elyas* hat einen grossen Weihnachtswunsch: «Ich möchte in einen Kleiderladen gehen und mir Sachen zum Anziehen aussuchen.» So, wie es seine Schulkameraden tun.

Seine Mutter Feride*, 44, lächelt bei diesen Worten, doch in ihren Augen blitzt Wehmut auf. Sie kann Elyas diesen Wunsch nicht erfüllen, denn neue Kleider liegen nicht drin. Die Kleider für ihn, seine ältere Schwester Aylin*, 18, und sich selber kauft Feride im Brocki. Manchmal bekommt sie auch von anderen Eltern ausgetragene Kleider geschenkt.

«Es ist jedes Mal ein Stich ins Herz, wenn ich Elyas einen Wunsch abschlagen muss», sagt sie. Seine Schwester versteht, dass die Familie kaum Geld hat, versteht, dass es zu Weihnachten keine Geschenke gibt. «Mama», sagt sie, wenn sich die Gedanken ihrer Mutter um das Nicht-Schenken-Können drehen. «Mama, ich habe doch gar keine Wünsche.» Feride lächelt. «Dafür Elyas umso mehr.»

Die 44-jährige Kurdin ist zusammen mit ihren beiden Kindern vor knapp vier Jahren aus der Türkei in die Schweiz geflohen. Ihr Ex-Mann brachte sie dazu, bei der Scheidung auf alles zu verzichten – und zwang sie, trotz Scheidung bei ihm zu bleiben. «Es war keine schöne Zeit», sagt Feride nur. Darüber sprechen will sie nicht. Eines Tages packte sie eine Tasche, fuhr mit den beiden Kindern nach Istanbul, verkaufte ihren Schmuck und gab das Geld einem Schlepper. Der verfrachtete die drei auf einen Lw und brachte sie im März 2013 nach Basel, wo Feride einen Asylantrag stellte.

25 Franken pro Tag

Seit Herbst 2013 leben die drei in einer Asylunterkunft im oberen Fricktal. Das Asylgesuch der Familie wurde zwar inzwischen abgelehnt. Feride darf aber mit ihren Kindern vorerst in der Schweiz bleiben – aus humanitären Gründen; sie bekam den Status «vorläufig aufgenommen». Pro Tag stehen den drei 25 Franken zur Verfügung. Für Kleider gibt es pro Quartal zusätzlich 60 Franken pro Person.

«Das reicht, um Kleider im Brocki zu kaufen», sagt Feride. Sie hat damit keine Probleme. «Ich bin glücklich, dass ich in der Schweiz sein darf.» Anders Elyas. Er versteht (noch) nicht, warum die Schulkollegen im Turnunterricht Markenschuhe tragen und er keine bekommt. «Er wollte deshalb nicht mehr in den Sport», sagt seine Mutter.

Feride möchte ihren Kindern mehr bieten. Nichts Aussergewöhnliches, nichts Verrücktes, nein, «nur ein ganz normales Leben», sagt sie. Dafür kämpft sie. Und fühlt sich dabei oft alleingelassen. Einen Deutschkurs darf sie erst jetzt, mehr als drei Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz, machen. Da müsse etwas schiefgelaufen sein, sagt Isabella Hossli vom kirchlich regionalen Sozialdienst in Frick; sie betreut Feride seit Kurzem.

Einstieg in den Pflegeberuf

Die 44-Jährige spricht schon recht gut Deutsch, ist aber mit sich noch nicht zufrieden, will mehr, will bis im Januar auf das Level B 1 kommen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie den Pflegehelfer-Lehrgang machen kann, ihrer Eintrittskarte ins Berufsleben, wie sie hofft. «Ich möchte alte Menschen pflegen», sagt Feride, gelernte Köchin, die in der Türkei ihre Mutter viele Jahre lang gepflegt hat. «Die Arbeit mit alten Menschen ist meine Passion.» Und, wer weiss, fügt sie halblaut hinzu, vielleicht bekäme sie ja nachher die Chance, sich zur Fachfrau Gesundheit ausbilden zu lassen.

Isabella Hossli erlebt Feride als «engagiert und hilfsbereit». Sie glaubt fest daran, dass es die Kurdin schafft. Feride tun die Worte gut. «Mein Ziel ist es, auf den eigenen Beinen zu stehen und nicht mehr von anderen abhängig zu sein.» Eine eigene Wohnung für sich und die Kinder, «das ist mein grosser Traum». Als vorläufig Aufgenommene darf sie die Asylunterkunft erst verlassen, wenn sie wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht.

Vorerst versucht sie, die Träume von Elyas zumindest ansatzweise zu erfüllen. Die Schulkollegen haben ihm erzählt, wie sie Weihnachten feiern. Mit Familie, Essen und geschmücktem Baum. «Er kam eines Tages nach Hause und fragte: ‹Können wir auch einen Weihnachtsbaum› haben?›» Können sie nicht, dafür reicht das Geld nicht. Aber eine Kollegin hat ihr einen Tannenast und einige Kugeln gegeben. «Den Ast habe ich in einen Eimer gestellt und ihn mit Steinen so fixiert, dass er steht.» Im Laden hat sie sich einige Kerzen geholt und den Ast so zusammen mit den Kugeln weihnachtlich geschmückt.» Sie strahlt. «Es sieht gut aus – hat Elyas gesagt.»

Auch in diesem Jahr wird sie Elyas nicht das unter den Baum, besser: unter den Ast legen können, was er sich wünscht. Keine neue Jeans, keine Nike-Turnschuhe, keinen Lego-Zug mit Fernsteuerung. «Seit wir in der Schweiz sind, wiederholt er diesen Wunsch Jahr für Jahr», sagt Feride, verstummt. «Seinem Kind nichts schenken zu können, ist sehr hart.»

Manchmal sagt Elyas vorwurfsvoll und wütend zu seiner Mutter: «Immer sagst du Nein.» Diese Worte «tun mir weh».

In solchen Momenten greift sie gerne zum Song, den ihr «eine liebe Frau» geschenkt hat. «Mein Ziel» heisst er, stammt von Udo Jürgens und eine Zeile singt Feride aus tiefster Überzeugung mit: «Mein Ziel ist immer ein Ziel zu haben». Sie hat eines. Ein grosses.

* Namen geändert

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