Es sollte sein Tag werden. Oder besser: der Tag der Fricktaler. Doch dessen war sich Roland Agustoni (GLP) am Dienstagmorgen gar nicht so sicher, als er ans Rednerpult im Grossen Rat trat, ans «Pültli», wie er sagt, um für seine Motion 17.258 zu kämpfen. Er sei «mit gemischten Gefühlen» nach vorne gegangen – auch, weil er sah, dass einige potenzielle Unterstützer nicht im Saal sassen.

Die Motion 17.258. Sie verlangt, dass der Kanton auf der S-Bahn-Strecke zwischen Laufenburg und Stein den Halbstundentakt einführt (derzeit fährt die S1 hier nur stündlich) – ihn endlich einführt, denn die Umsetzung war bereits mit den Mehrjahresprogrammen öffentlicher Verkehr 2007 und 2013 versprochen. Zuerst wurde der Halbstundentakt aus Spargründen hinausgeschoben, in der Antwort auf Agustonis Motion dann sogar ganz fallengelassen.

Weil die Nachfrage für einen Halbstundentakt, so argumentierte die Regierung, bei aktuell rund 800 Passagieren pro Tag schlicht fehle. Man sei jedoch bereit, versuchte die Regierung, die Fricktaler Gemüter prophylaktisch zu beruhigen, die Motion als Postulat entgegenzunehmen. Nur: Eine Motion ist ein verbindlicher Auftrag, ein Postulat ein unverbindliches Vielleicht-irgend-einmal-Vorstösschen.

Doch da machte die Regierung die Rechnung ohne Agustoni und die Fricktaler. Die 17 Grossräte aus den beiden Bezirken sagten geschlossen: «Nicht mit uns!» und weibelten in ihren Fraktionen für ein Ja zur Motion. Auch alle 32 Fricktaler Gemeindeammänner setzten Ende April ein Zeichen: Sie schickten einen Brief an die Mitglieder des Grossen Rates und forderten diese auf, die Motion zu unterstützen. Support erhielt Agustoni auch vom Planungsverband Fricktal Regio.

Als nun Agustoni am Dienstag ans Rednerpult trat, wusste er all dies, wusste um «die Solidarität der ganzen Region», wusste auch, «dass die Kollegen in ihren Fraktionen einen tollen Job gemacht hatten». Doch würde es reichen? Spätestens, als mit Rolf Haller (EDU, Zetzwil) ein Nicht-Fricktaler ans Mikrofon trat und sich für die Motion starkmachte, stieg seine Zuversicht. «Überwältigend» war der Moment für ihn dann trotzdem, als auf der elektronischen Abstimmungstafel das Resultat aufschien: Die Motion wurde mit 86 Ja zu 32 Nein überwiesen. Das heisst: Der Regierungsrat muss den Halbstundentakt einführen.

Was hat den «Super-Tag», wie ihn Christoph Riner (SVP), bezeichnet, ermöglicht? Das Zusammenstehen, ganz klar. «Es ist gelungen, weil jeder in seiner Fraktion für den Vorstoss gekämpft hat», sagt Riner am Telefon, lacht kurz auf, erzählt dann, wie er am Dienstag «schon schmunzeln» musste, als Grossratskollegen aus anderen Regionen zu ihm kamen und bass erstaunt fragten: «Wie habt ihr Fricktaler das wieder hingekriegt?» Riner selbst hatte kein derart deutliches Resultat erwartet. «Ich dachte, es würde eng.» So sei es für ihn zu «einem speziellen Tag» geworden, der aufgezeigt habe, was gemeinsam möglich sei.

Die Huhn-Ei-Frage

Ein spezieller Tag war der Dienstag auch für Herbert Weiss, Stadtammann von Laufenburg. Der Entscheid habe ihn natürlich «riesig gefreut», sagt er, es sei schön, zu sehen, dass man in Aarau bei Diskussionen um den Ausbau des öffentlichen Verkehrs auch die ländlichen Regionen nicht vergesse, sie nicht hängen lasse.

Die Angebot-Nutzen-Frage, welche die Regierung aufwarf, erinnerte wohl auch ihn an die Geschichte mit dem Huhn und dem Ei. Was war zuerst? Für Weiss jedenfalls ist klar: «Man kann die Menschen nur zum Umsteigen auf den Zug bewegen, wenn auch das Angebot stimmt.» Oder, wie es Agustoni mit Blick auf die vom Regierungsrat anerbotene Umwandlung der Motion in ein Postulat und mit Blick auf das Sisslerfeld, dem ein grosses Industrie- und damit Verkehrswachstum prophezeit wird, spitz formulierte: «Herr Regierungsrat, wenn Sie einem Hochwasser vorbeugen wollen, müssen Sie rechtzeitig Pumpen einsetzen und nicht zusätzliche Hydranten in Aussicht stellen.»

Herbert Weiss jedenfalls ist sich sicher: Wäre die Motion in ein Postulat umgewandelt worden, wäre der Halbstundentakt in den nächsten 10 bis 15 Jahren kaum realisiert worden. Man kann die Umsetzungsaussichten als Postulat, etwas zugespitzt, auch so formulieren: Nächster Halbstundentakt-Halt – St. Nimmerleinstag.

Dass es für diesen Sieg viele Telefonate und viele Gespräche gebraucht hat, dass es «en Chrampf» war, verhehlt Agustoni nicht. Es sei dabei nicht sein Verdienst, sondern das von vielen. Einer, der geweibelt ist, ist Roger Fricker (SVP), Gemeindeammann von Oberhof und Präsident der Gemeindeammänner-Vereinigung des Bezirks Laufenburg. «Ich bin hoch erfreut, dass auch meine SVP der Motion mehrheitlich zugestimmt hat», sagt der ehemalige und langjährige Grossrat, lacht. Mit den Abweichlern – 15 von 36 – werde er «noch ein Wörtchen zu reden haben». Wer Fricker, den stets freundlich winkenden Postautochauffeur mit imposanter Statur kennt, weiss: Der meint das ernst.

SVP stimmt mehrheitlich zu

Dass am Schluss auch viele SVP-Vertreter der Motion zugestimmt haben, hängt zum einen sicher mit dem Lobbying der Fricktaler zusammen. Zum anderen aber auch an einem taktisch nicht unklugen Votum von Agustoni. Er rieb den Kollegen genüsslich unter die Nase, dass man laut Faktenblatt zum Bahn-Ausbauschritt 2035 des Bundes 100 Millionen Franken für «drei im grenznahen Ausland liegende Projekte» eingestellt habe, unter anderem für eine Angebotserweiterung zum Viertelstundentakt vom Badischen Bahnhof in Basel «nach Lörrach ins Wiesental!» «Und auf heimischem Boden soll ein Halbstundentakt der S-Bahn von Stein Säckingen nach Laufenburg nicht finanziert und realisiert werden können?»

Das sass, gerade rechts, ist sich Agustoni sicher. Er setzte denn auch genüsslich noch einen obendrauf: «Ob Ihnen die Wiesentaler aus Deutschland für den von uns mitfinanzierten Viertelstundentakt je danken werden, weiss ich nicht. Wir im Fricktal sind schon mit der Hälfte dieses Angebotes zufrieden, aber unser heimischer Dank aus dem Fricktal ist Ihnen gewiss.»
Gewiss, es gab noch weitere Momente, die zum Erfolg führten. Ein beiläufiger war, da ist sich Gertrud Häseli (Grüne) sicher, dass sich am Dienstag «eine Schülerreisestimmung» im Grossen Rat breitgemacht hatte, denn: Am Nachmittag flogen die Grossräte zu ihren Fraktionsausflügen aus. Diese Aussicht habe das Parlament «eben grosszügig gemacht», meint Häseli mit einem Schmunzeln.

Häseli selber ist nicht dafür bekannt, dass sie regionalpolitische Anliegen per se unterstützt, im Gegenteil. «Wir sind gewählt, um den Kanton vorwärtszubringen», sagt sie. Dass sie hier eine Ausnahme gemacht hat, liegt weniger daran, dass es ein Fricktaler Anliegen war, als vielmehr ein Anliegen, das ihr wichtig war: den öffentlichen Verkehr zu stärken. «Ich erhoffe mir, dass man langsam erkennt, dass der Individualverkehr zusehends an seine Grenzen stösst und es gute Lösungen für den öV braucht.» Und genau zu einer solchen habe sie Ja gesagt.