Andreas* hat einen Traum: Er will Physiker werden. Doch statt sich im Physikunterricht um den freien Fall kümmern zu können, sah der 17-jährige Fricktaler in diesem Sommer plötzlich seinen Traum im freien Fall.

Zwar schliesst Andreas das Progym im Lernhaus Ipso, einer Privatschule in Basel, mit einem Notenschnitt von 5,0 ab; in Physik und Biologie hat er gar eine 6,0 im letzten Zeugnis. Zwar ist das Gymnasium Kirschgarten in Basel bereit, Andreas ohne Aufnahmeprüfung auf Probe aufzunehmen. Doch dann kommt das grosse Aber, dann kommt ordentlich Sand ins Getriebe, der dieses (fast) zum Stillstand bringt.

Das Gymnasium in Basel stellt beim Kanton Aargau ein Gesuch um Kostengutsprache. Die Reaktion aus Aarau lässt nicht lange auf sich warten. Man teilt der Familie mit, dass dies dann möglich sei, wenn Andreas die Aargauer Aufnahmeprüfung für das Gymnasium bestehe. «Wir erfuhren ganze zwei Wochen vor der Prüfung, dass Andreas diese absolvieren muss», sagt Mutter Daniela Seiler*. «Andreas hatte keine Chance, sich richtig auf die Prüfung vorzubereiten.» Er fällt durch. In Mathematik beispielsweise, einem seiner Lieblingsfächer, das er in Basel mit einer 5,0 abschliesst, kommt er auf eine 2,5.

Rückzahlung bei Misserfolg

Die Mutter ist verärgert, ist schockiert, wendet sich mit einem Hilferuf an das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS), schreibt von der schwierigen Schulzeit, die Andreas durchlebt hat, schreibt von den Mobbingattacken in der Zeit, als Andreas noch im Fricktal zur Schule ging. Und sie schlägt dem Kanton einen Deal vor: «Andreas darf im Sommer ins Gymnasium in Basel gehen, Sie übernehmen die Kosten. Falls er innerhalb der ersten zwei Semester rausfliegt, erhalten Sie das Geld von uns zurückerstattet.» Sie schliesst ihren Brief mit einem eindringlichen Appell: «Wenn er das Gymi besteht und Physik studiert und irgendwann mal den Nobelpreis verliehen bekommt, können Sie stolz sein, dass Sie ihn nicht noch mal allein gelassen haben.»

Die Antwort aus Aarau kommt postwendend: «Da Andreas die Aargauer Aufnahmeprüfung nun nicht bestanden hat, ist die Voraussetzung für eine Kostengutsprache für den Besuch des Gymnasiums Kirschgarten leider nicht gegeben. Aus diesem Grund müssen wir Ihr Gesuch leider ablehnen.» Auf den Rückzahlungsvorschlag von Daniela Seiler geht das Schreiben nicht ein.

«Es war für uns ein weiterer Faustschlag ins Gesicht», sagt Daniela Seiler. «Ich bin enorm enttäuscht vom Kanton und auch extrem wütend auf ihn.» Sie empfindet den Entscheid als «eine einzige Paragrafenreiterei», den Verantwortlichen fehle «jegliches Fingerspitzengefühl». Daniela Seiler lacht trocken. «Wir zogen vor zehn Jahren von Basel ins Fricktal, weil wir dachten, es sei besser für die Kinder. Was für ein Trugschluss!»

Die Verärgerung von Daniela Seiler ist verständlich. Doch rechtlich hat der Kanton, soweit dies von aussen beurteilt werden kann, korrekt gehandelt, ja: er musste das Gesuch von Andreas sogar ablehnen. Denn: «Alle Aargauer Privatschüler, die an ein Gymnasium wechseln wollen, haben eine Aufnahmeprüfung zu absolvieren. Unabhängig davon, ob das Gymnasium im Aargau oder in einem anderen Kanton absolviert werden soll», hält Sascha Katja Giger, stellvertretende Leiterin Kommunikation im BKS, auf Anfrage der az fest.

Mit anderen Worten: Andreas hätte auch zur Aufnahmeprüfung antraben müssen, wenn er eine Privatschule im Aargau besucht hätte. «Lediglich Schüler der Aargauer Bezirksschule können sich mittels Notendurchschnitt qualifizieren», heisst es dazu im Schreiben des BKS an Daniela Seiler.

Dass Andreas erst zwei Wochen vor dem Termin erfuhr, dass er zur Prüfung in Baden antreten muss, bedauert das BKS im Schreiben an Daniela Seiler, gibt den Schwarzen Peter aber nach Basel weiter: «Wir sehen hier insbesondere auch die aufnehmende Schule in der Pflicht, rechtzeitig und korrekt zu informieren.» Giger doppelt gegenüber der az nach: «Die Informationspflicht über das Aufnahmeprozedere liegt bei der aufnehmenden und abgebenden Schule.»

Daniela Seiler schüttelt den Kopf, wie sie das Ablehnungsschreiben des BKS nochmals liest. «Ein Hohn», meint sie. Ihre Verbitterung hat viel damit zu tun, dass die ganze Schulzeit von Andreas ein einziges Auf und Ab war, eine Verstrickung von unglücklichen Umständen und ungeschicktem Verhalten. Andreas ist ein Beispiel dafür, wie schnell man im Schulsystem zwischen Stuhl und Bank fallen kann, wenn man nicht der Norm entspricht oder wenn man nicht den Normweg geht.

Umzug für Kinder: «Trugschluss»

Rückblick. Schon als kleiner Bub interessiert sich Andreas weniger für Fussball und Spiele als für die Naturwissenschaft. «Mit sechs kennt er sämtliche Sternbilder auswendig», erinnert sich seine Mutter. Er redet wie ein Buch, ist aber gleichzeitig auch introvertiert und hat als Legastheniker Schwierigkeiten beim Schreiben.

Für die Kinder zieht die Familie 2006 von der Stadt aufs Land, von Basel in eine 1000-Seelen-Gemeinde im unteren Fricktal. Andreas freut sich auf die Schule, hat es aber wegen seiner Legasthenie nicht einfach. Er ist in der Primarschule «im Schnitt», sagt Daniela Seiler.

Die Katastrophe beginnt, als er in die Sekundarschule kommt. «Der Lehrer verstand ihn nicht und die Mitschüler mobbten ihn.» Sie begriffen nicht, dass einer lieber Bücher liest, als auf dem Fussballplatz herumzutoben. Andreas verstummt, verkriecht sich in sich, hat Heulkrämpfe, hört auf, Schlagzeug zu spielen. «Jeder Tag war eine Tortur – nicht nur für ihn», sagt Daniela Seiler. «Ich bekam Angst um sein Leben.»

Die schulischen Leistungen werden schlecht und schlechter. Für Andreas soll ein Massnahmenkatalog ausgearbeitet werden. Er soll einen Coach und eine Hausaufgabenhilfe erhalten – und die erste Sek wiederholen. «Das hätte ihn noch mehr zum Aussenseiter gemacht», ist Daniela Seiler überzeugt. «Die Vorstellung war für uns der absolute Horror.»

Die Eltern lassen ihn im Lernhaus Ipso in Basel schnuppern. Es gefällt Andreas und die Eltern melden ihn kurzerhand und ohne Rücksprache an. Die Gemeinde ist überrumpelt und weigert sich, das Schulgeld zu übernehmen. Auch ein Gesuch in Aarau stösst auf taube Ohren.

Daniela Seiler hat zwar ein gewisses Verständnis, dass sich die Gemeinde vor den Kopf gestossen fühlt. Sie sagt aber auch: «Ich wollte sein Leben retten.» Sie reicht weitere Gesuche um eine Beteiligung an den Kosten ein. Alle werden abgelehnt. Auf Nachfrage sagt Giger, dass sich der Kanton ausnahmsweise an den Kosten eines ausserordentlichen Besuchs der obligatorischen Schule beteilige. Beispielsweise, wenn das Kind im letzten Volksschuljahr in den Aargau zügelt und es angezeigt sei, dass es die Schulzeit noch in der ausserkantonalen Schule abschliesst. Oder wenn ein Kind die Sonderschule besuchen soll und im Kanton kein entsprechender Platz zur Verfügung stehe. «Grundsätzlich gibt es keine Rechtsgrundlage dafür, dass sich der Kanton an den Schulkosten in einer Privatschule beteiligen muss.»

Daniela Seiler findet nach wie vor, dass sich Kanton und Gemeinde «schwach» verhalten haben. «Ich wollte, dass Andreas glücklich ist, und so biss ich eben in den sauren Apfel.» Sie zahlt die 20 000 Franken Schulgeld pro Jahr aus der eigenen Tasche, «was nicht immer einfach war». Sie macht es gern, denn sie sieht, wie Andreas in Basel aufblüht. Er entwickelt sich schnell zu einem guten Schüler; nur beim Französisch hapert es. Und er fängt wieder an, Schlagzeug zu spielen – und zu lachen.

In einem «Empfehlungsschreiben» beschreibt das Lernhaus Ipso den Wandel wie folgt: Andreas sei als «schüchterner, verunsicherter junger Mann» eingetreten. Heute sei er «ein kritischer Geist, wach, kooperativ und interessiert» und er habe sich in den Naturwissenschaften «Kenntnisse weit über den Erfordernissen des Lehrplans angeeignet».

Auch deshalb verzichtet das Gymnasium Kirschgarten auf eine Aufnahmeprüfung. Nach dem Nein zur Kostenübernahme aus Aarau wendet sich Daniela Seiler hilfesuchend an das Erziehungsdepartement in Basel-Stadt, verweist darauf, dass die Grossmutter nach wie vor in Basel lebe und Andreas ja bei ihr wohnen könnte. Das reiche nicht, teilt man ihr mit. «Massgebend ist einzig der zivilrechtliche Wohnsitz der Eltern.» Immerhin: Der Kanton ist bereit, Andreas «sur dossier» aufzunehmen. Allerdings unter der Bedingung, dass «Sie das Schulgeld finanzieren oder ein Elternteil den Wohnsitz in den Kanton Basel-Stadt verlegt».

Beides ist für die Familie nicht machbar. «Wir haben vier Jahre lang für das Lernhaus Ipso gezahlt. Nun sind wir finanziell am Limit», sagt Daniela Seiler. Die 19 400 Franken, die das Gymnasium pro Jahr kostet, «liegen nicht drin».

Lösung in badisch Rheinfelden

Also aufgeben? Nein, das passt nicht zu Daniela Seiler, «das hat mein Sohn nicht verdient». Sie klopft beim Georg-Büchner-Gymnasium in badisch Rheinfelden an, erzählt ihre Geschichte. Andreas wird zu einem eintägigen Test eingeladen, um zu sehen, ob er den Schulstoff auch meistern würde.

Vor wenigen Tagen kam der erlösende Brief: Das Gymnasium nimmt Andreas auf, ab dem 12. September geht er in badisch Rheinfelden zur Schule. «Das ist für uns wie Weihnachten und Neujahr zusammen», freut sich Daniela Seiler. Sie rief umgehend in badisch Rheinfelden an, bedankte sich und fragte, wie viel sie pro Jahr bezahlen müsse. «Nichts», lautete die überraschende Antwort. «Ich war baff.»

Und wenn ihn das Gymnasium nicht aufgenommen hätte? «Dann wäre Plan B zum Zug gekommen», sagt Daniela Seiler. Andreas hätte ein Zwischenjahr gemacht und nächstes Jahr eine Lehre als Physiklaborant begonnen, um später via Berufsmittelschule doch noch Physik studieren zu können. «Denn sein Traum ist und bleibt es, Physiker zu werden.»

*Namen geändert