Menschen, die betteln, trifft man im Aargau eher selten an. «Wir haben eine tiefe Bettlerkultur», weiss Sandra Stamm vom kantonalen Sozialdienst. Das bewirkt nicht zuletzt die Sozialhilfe – «als letzte Sicherung». Um diese Sicherung drehte sich der erste Tag des dreitägigen Gemeindeseminars, das der Planungsverband Fricktal Regio jedes Jahr in Frick organisiert.

Dieses «letzte Netz», wie Margrit Schärer vom Departement Gesundheit und Soziales die Sozialhilfe nennt, fing 2013 12 750 Personen auf. Das sind zwar 12 Prozent mehr als noch 2006, doch im gleichen Zeitraum ist auch die Bevölkerung um zehn Prozent gewachsen. Mit anderen Worten: Die Sozialhilfequote im Aargau ist recht stabil und liegt bei 2 Prozent. Dieser Wert ist, im Vergleich mit umliegenden Kantonen, tief. Baselland kommt auf eine Quote von 2,6 Prozent, Zürich auf 3,2 und Basel-Stadt gar auf 6,1 Prozent.

Eritreer schwierig zu integrieren

Besonders häufig auf Sozialhilfe angewiesen sind alleinerziehende Mütter, Working Poor und Ausländer. Letztere stellen fast 50 Prozent der Sozialhilfeempfänger. Sie sind oft schlecht ausgebildet – und damit die ersten, die aus dem Arbeitsprozess fallen. Sorgen bereiten Stamm die Eritreer. «Es ist schwierig, sie zu integrieren und zu motivieren, eigenständig zu werden.»

Gerade dies ist aber die Kernaufgabe der Sozialhilfe: Es geht nicht darum, Menschen durchzufüttern, sondern ihnen Hilfestellung zu bieten, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren und die wirtschaftliche Eigenständigkeit zurückzugewinnen. Und zwar möglichst schnell, denn: «Je länger jemand Sozialhilfe bezieht, desto schlechter sind die Chancen, dass er wirtschaftlich wieder selbstständig wird», so Stamm.

Die meisten wollen das auch. Doch es gibt auch die anderen, jene, die sich auf Kosten des Staates ein möglichst bequemes Leben machen wollen. Ein Sozialhilfeempfänger habe nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten, mahnte Stamm und machte klar: «Die Sozialhilfe ist keine Hängematte.» Auch für Schärer kann es nicht angehen, dass es sich Leute in der Sozialhilfe bequem machen und nichts dazu beitragen wollen, wieder auf die eigenen Beine zu kommen.

Gelingen kann die Re-Integration indes nur, wenn die Sozialhilfe nicht als reiner Verwaltungsakt begriffen wird, sondern als umfassende Case-Management-Aufgabe. Es geht darum, «Menschen zu befähigen» (Schärer), darum, dafür zu sorgen, dass sie ihre Potenziale möglichst ausschöpfen können, darum, das berufliche, familiäre, soziale und finanzielle Umfeld zu stabilisieren oder stabil zu halten.

Eine Professionalisierung der Sozialhilfe vereinfacht dies – auch weil die Fälle zusehends komplexer werden. Diesen Weg beschritten hat die Gemeinde Birr. «Eine Professionalisierung hilft mit, Kosten zu sparen», ist Gemeinderat Tobias Kull überzeugt. Der Erfolg gibt ihm recht. Dank einer Optimierung der Abläufe, einer engen Zusammenarbeit zwischen Gemeinderat und Sozialdienst und einer konsequenten Bekämpfung von Missbräuchen konnte die Gemeinde, die pro Monat mit 1 bis 3 neuen Sozialfällen konfrontiert ist, ihre Sozialkosten in den letzten Jahren um 20 Prozent senken.

«Wir sind weder Exoten noch Unmenschen», sagte Dora Deppeler, Leiterin des Birrer Sozialdienstes, und zeigte den rund 90 anwesenden Gemeindevertretern ihre Erfolgsrezepte auf.

Eines ist, genau abzuklären, zu hinterfragen, auch unbequem zu sein. Beispiel eigenes Auto: «Es lohnt sich, die Autohaltung regelmässig zu prüfen – die Hinterlegung der Schilder kann jederzeit rückgängig gemacht werden.» Beispiel Miete: Birr zahlt den Mietzinsanteil konsequent an den Sozialhilfeempfänger aus und nicht an den Vermieter. Natürlich gibt es auch in Birr Sozialhilfeempfänger, die das Geld für alles andere als die Miete ausgeben. «Doch wir bleiben hart. Wenn er die Sozialhilfe so zweckentfremdet, muss er mit Konsequenzen rechnen.»

Ein zweites Birrer Rezept: hyperexakt zu arbeiten, alles zu dokumentieren. Nur dann habe eine Beschwerde eine Chance auf Erfolg. Auch für Stamm ist bei den Abläufen «der Knackpunkt», dass sie vor Gericht standhalten.

Ein drittes ist das Networking. Einmal pro Monat bespricht sich Deppeler im kleinen Kreis mit einigen Berufskollegen und einem Anwalt. «Schwierige Fälle kann nur ein Jurist beurteilen.»