Vor zwei Wochen erschoss ein Jäger in einem Wohnquartier in Schupfart eine Katze, weil er sie für einen kranken Fuchs hielt. René Picard, selber seit 30 Jahren Jäger, langjähriger Jagdzubehör-Verkäufer und Hundetrainer, kann nicht verstehen, dass einem ein solcher Fehler passiert.

Herr Picard, was war Ihr erster Gedanke, als Sie lasen: Ein Jäger hielt eine Katze für einen Fuchs und hat sie erschossen?

René Picard: Wer einen Fuchs nicht von einer Katze unterscheiden kann, hat auf der Jagd nichts verloren. Er hätte gerade so gut ein Kind treffen können, das sich verkleidet hat.

Im eigenen Garten erschossen

Im eigenen Garten wurde eine Katze erschossen – weil sie für ein Fuchs gehalten wurde

Harte Worte.

Nein, nur ehrliche. Wenn man nicht 100-prozentig sieht, was für ein Tier es ist, darf man nicht abdrücken. Ich kenne einen Jäger, der einen Hasen für ein Reh gehalten hat. Unglaublich! Wer den Unterschied nicht erkennt, ist entweder blind oder schiesswütig. In beiden Fällen gehört er nicht auf die Jagd.

Sie nehmen für sich also in Anspruch, dass Ihnen ein solcher Fehler unter keinen Umständen unterlaufen kann?

Ja.

Eine gewagte Behauptung, denn jeder kann einen Fehler machen.

Das hat nichts mit einem Fehler zu tun. Ich kann mich verschätzen und ein Tier nicht auf Anhieb tödlich treffen. Das ist auch mir schon passiert. Aber wenn ich auf ein Tier schiesse, weiss ich, auf was ich ziele. Sonst drücke ich nicht ab.

Sie beurteilen einen Fehlschuss also als weniger schlimm?

Auch ein Fehlschuss ist tragisch. Aber er kann passieren, denn wir Menschen sind keine Roboter. Auch im Schiessstand gelingt nicht immer ein Zehner.

Fehler passieren tagtäglich, beispielsweise beim Autofahren. Oft braucht es eine Portion Glück, dass nichts passiert. Wieso sprechen Sie den Jägern dieses menschliche Moment ab?

Weil es hier um Leben und Tod geht. Das ist eine Riesenverantwortung. Eine Jagdkugel fliegt frei bis zu vier Kilometer und ist dann noch tödlich.

Sie jagen seit 30 Jahren. Was ist das A und O beim Jagen?

Verantwortungsbewusst zu handeln. Ich begann vor 30 Jahren selber zu jagen, weil ich damals sehr viele Jäger kannte, die mit dieser Verantwortung nicht umgehen konnten. Ich wollte sehen, ob es auch normale Jäger gibt.

Gibt es sie?

Ja, es gab damals ein paar – und es wurden im Laufe der Zeit zum Glück immer mehr. Der Verstand siegte. Heute nehmen die meisten Jäger ihre Verantwortung gut wahr. Man muss auch sehen: Ihr Einsatz spart dem Kanton viel Geld, denn ohne freiwillige Jäger müsste er Leute anstellen, um den Wildbestand zu regulieren und das Wild zu hegen.

Sind Sie selber ein guter Jäger?

(Lacht.) Aus Sicht der Wildtiere sicherlich. Ich gönne einem Luchs jedes Wildtier, das er erwischt. Er war schliesslich vor mir da. Wenn ich ein Tier weniger schiessen kann, war der Luchs einfach schlauer als ich. Als Gastjäger, der auf Einladung eines Reviers mit auf die Jagd geht, kann ich mir eine Nicht-Beute auch eher leisten als ein Revierjäger. Ich habe schon dem einen oder anderen Reh gesagt: Geh jetzt, sonst muss ich doch noch abdrücken, wenn ein Jagdkollege sieht, dass ich nichts mache.

Der Tierfreund auf der Jagd?

Das hat weniger damit zu tun als mit meinem Wunsch, die Tiere zu verstehen. Als ich die erste Wildschweinrotte in freier Wildbahn sah, stellte ich das Gewehr ab und beobachtete sie. Ich wollte sehen, ob das, was wir in der Theorie über die Familienstruktur der Wildschweine gelernt hatten, auch zutrifft.

Freunde haben Sie sich damit kaum gemacht.

Nein, denn ich war der Einzige, der in einer guten Schussposition war. Die Jagdgesellschaft hält mir das heute noch vor und hat mich seither nie mehr eingeladen.

Ihnen fehlt, so scheint mir, der Jagdinstinkt.

Das mag durchaus sein, ich gehe zwar gerne auf die Jagd, bin aber kein angefressener Jäger. (Lacht.) Man musste mich auch schon suchen, weil ich auf dem Ansitz eingeschlafen bin.

Ich begebe mich nun auf dünnes Eis: Sie sind jetzt 71 und, naturgemäss, weniger schnell und beweglich als mit 50. Wird man da, mit einer Waffe in der Hand, nicht zum Risikofaktor?

Die Gefahr besteht – und ist erkannt. Der Kanton hat ein Schiessobligatorium eingeführt. Jeder, der jagen will, muss seine Schiessfähigkeit alle vier Jahre unter Beweis stellen. Das ist richtig so. Ich würde eine Verschärfung, also ein kürzeres Intervall, begrüssen – auch wenn ich selber solche Pflichtübungen nicht schätze.

Reicht die heutige Ausbildung?

Die Ausbildung ist anspruchsvoll, anstrengend und zeitintensiv. Wer sie seriös absolviert, weiss nachher viel über die Hege der Wildtiere und über die Jagd.

Sie führten 20 Jahre lang einen Laden mit Jagdzubehör. Gab es Jäger, bei denen Sie kein gutes Gefühl hatten?

Das gab es schon, ja.

Was unternahmen Sie?

Nichts, was sollte ich machen? Erfüllt haben die gesetzlichen Anforderungen alle, denen ich Munition und Gewehre verkauft habe. Die ethische Haltung kann nicht überprüft werden. Was sollte ich also tun? Ihm keine Munition verkaufen? Das hätte nichts gebracht – er wäre einfach in den nächsten Laden gegangen.

Man hört oft: Auf der Jagd wird gerne ein Gläschen getrunken. Dichtung oder Wahrheit?

Früher war es in der Tat so, dass viele Jäger auf der Jagd das eine oder andere Gläschen tranken. Heute ist das, zum Glück, nur noch selten der Fall – auch, weil die Kontrollen verschärft wurden.

Jagd und Alkohol ...

... sind wie Fisch und Vogel. Sie passen nicht zusammen. Wer eine Waffe benutzt, hat keinen Alkohol zu trinken. Punkt.

Sie sind Jäger und Hundetrainer. Auf der einen Seite erlegen Sie Tiere, auf der anderen arbeiten Sie mit ihnen. Hier die Jagdbeute, dort das Haustier. Wie lässt sich das zusammendenken?

Das ist für mich kein Widerspruch. Der Mensch zieht Grenzen – und diese haben immer ein willkürliches Moment. In anderen Kulturen stehen Hunde auf dem Speiseplan, bei uns sind Hunde Partner.

Die Jäger stehen in der Öffentlichkeit unter Dauerkritik. Warum eigentlich nur sie? Ich behaupte: Die Hälfte der Hundebesitzer hat keine Ahnung, wie man einen Hund richtig hält.

Sie sind ein Optimist. Nach meiner Erfahrung haben nicht 50 Prozent, sondern an die 90 Prozent keine Ahnung von ihrem Hund und der Hundehaltung. Sie vergewaltigen ihr Tier in aller Liebe. Sie begreifen nicht, dass ein Hund kein Mensch ist. Die Vermenschlichung des Hundes ist das Schlimmste, was man einem Hund antun kann. Die Krux ist: Viele sind nicht bereit, Hündisch zu lernen.

Was heisst das?

Ich kann mit einem Hund stundenlang reden, ohne ein einziges Wort zu sagen – und wir beide verstehen uns blendend. Wenn ich will, dass ein Hund etwas tut, dann macht er es, ohne dass ich ihm das befehle. Ich zeige ihm mit meiner Körpersprache, meiner inneren Anspannung, was ich von ihm will. Das funktioniert, weil es seine Sprache ist.

Sind die Leute bereit, sich darauf einzulassen?

Zunehmend, ja. Es hat zum Glück ein Umdenken in der Hundeschulung stattgefunden. Man kommt immer mehr davon ab, dem Hund alles zu befehlen. Ein Welpe muss selber eine Strategie entwickeln, wie er ein Problem löst. Das ist nicht die Aufgabe des Menschen. Sein Job ist es, dem Hund die nötigen Hilfestellungen zu geben. Der Hund muss lernen, zu denken. Das Gleiche gilt beim Trinken. Er soll trinken, wenn er Durst hat – und nicht, wenn ich es als Mensch für richtig halte, dass er Wasser trinkt.

Was sind die grössten Fehler in der Hundehaltung?

Neben der Vermenschlichung ist es das Für-dumm-Halten des Hundes. Nur weil er nicht unsere Denkweise und unsere Art Intelligenz hat, heisst das nicht, dass er keine hat. Ein Hund ist ein intelligentes Tier – auf seine Weise. Drittens sind viele Hundebesitzer nicht konsequent, sondern handhaben es einmal so, einmal anders. Das versteht ein Hund nicht. Viertens ist es ein Irrglaube, dass ein Hund versteht, was man ihm sagt. Er kann Gefühle und Stimmungen interpretieren, hat gewisse telepathische Fähigkeiten – aber er spricht nicht unsere Sprache. Ein Beispiel: Ein Hund macht einen Blödsinn und kommt mit eingezogenem Schwanz zurück. Warum? Weil er ein schlechtes Gewissen hat? Nein, weil er deine schlechte Laune spürt.

Die schlechte Laune ist verständlich, wenn ich nach Hause komme und der Hund hat in die Wohnung gemacht.

Natürlich ist das unangenehm, aber der Hund macht es ja nicht, weil er es will, sondern weil er nicht anders kann. Wenn das bei uns zu Hause passiert, nehme ich es wortlos zusammen. Es bringt nichts, mit ihm zu schimpfen, denn er kann die Schimpftirade nicht mit dem «Geschäft» in Verbindung bringen. Noch idiotischer ist es, seinen Kopf in das «Geschäft» zu drücken. So untergräbt man seine Autorität. Bindung hat viel mit Vertrauen zu tun. Wenn man den Hund immer wieder aus nichtigem Grund bestraft, hat man, wenn es einmal hart auf hart kommt, keinen verlässlichen Partner mehr.

Macht die harte Hand je Sinn?

Ja, in dem Moment, wo mir der Hund Schmerzen zufügt. Aber nur in diesem einen Moment und nur genau so kurz, wie der Hund zulangt. Man darf nie vergessen: Ein Hund weiss genau eine Sekunde, weshalb man ihn bestraft. Ein Tadel, der nicht in diesem Moment passiert, bringt nichts – und ist zu unterlassen.