Fricktal
Wenn Tote Lebenden die Augen öffnen

Die junge Schweizer Autorin Evelyn Reimann steigt mit ihrem neuen Buch «Es muss etwas passieren» in die Welt des Todes.

Martin Binkert
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Autorin Evelyn Reimann transportierte im grossen Leichenauto manche Verstorbene. Ho

Autorin Evelyn Reimann transportierte im grossen Leichenauto manche Verstorbene. Ho

Nach ihrem erfolgreichen Erstling «Die Schicksalsweberei» lanciert die aus dem Fricktal stammende und heute in Luzern wohnende Autorin Evelyn Reimann mit dem Titel «Es muss etwas passieren» ihr zweites Werk. Wer glaubt, damit einen Kriminalroman in der Hand zu haben, muss umdenken, auch wenn die Spannung wegen eines Todesfalles bis auf die letzte Seite durchgehalten wird. Denn die Handlung schrieb das Leben. Die Autorin gibt diese wieder mit Höhen und Tiefen, in flüssigen, bildhaften Sätzen und mit präzisen, sorgfältig gewählten Worten.

Das Buch beginnt mit einem Notfall. Emily, die Hauptfigur, kommt ins Spital und wird wegen Medikamentenmissbrauchs an Schläuche angehängt. Dann lebt sie in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung, wo die, die gepflegt werden, sich als die «Normalen» betrachten und Aussenstehende als die «Nicht-Normalen». In dieser verkehrten Welt fasst Emily einen Entschluss: Sie, die dem Tod entronnen ist, will wissen, was der Tod ist. Sie will in einer Bestattungsfirma arbeiten!

Nach einigen Absagen arbeitet sie bei einem Bestatter, den sie seit ihrer Jugend kennt. Dieser hat sich für seinen feinfühligen Umgang mit Verstorbenen und deren Angehörigen einen Namen gemacht. «Was ist der Tod? Warum tust Du Dir dies an, Du, der einst Lehrer warst», fragt sie ihn, den sie im Buch Noah nennt. Schritt für Schritt zeigt er ihr, was es heisst, die Toten den Angehörigen zurückzugeben, den Abschied zu feiern und die Toten reisen zu lassen, ohne ihnen unsere Trauer mitzugeben. Es sind die Toten und die Art und Weise, wie man sich von ihnen verabschiedet, die den Menschen die Augen öffnen und sie zu neuem Leben erwecken.

Als Praktikantin lädt Emily Särge ab, schrubbt das Leichenauto, hilft Tote anziehen, lernt Leichen und Leichenstarre kennen. Als sie die geschlossenen Augen eines Verstorbenen sieht, denkt sie: «Die Öffnungen der Seele haben keine Gläser». Bei einem Personenunfall an einer Bahnlinie sagt Noah: «Emily, dies ist nichts für Dich, lauf auf der anderen Seite der Geleise entlang.» Während sie nachdenklich ihren Weg geht und da und dort eine Blume pflückt, sammelt Noah ein, was da ist, alles «weinende Rosenköpfe».

Emily, die bei Seelenärzten erfolglos versucht hatte, Kraft zu tanken, erfährt bei den Bestattern Ricco und Berto Biaggi ein Leben voller Kraft und Hoffnung.

Evelyn Reimanns Buch lässt sich nicht in einem Zug lesen, obwohl ihre Sätze flüssig und tänzerisch leicht daherkommen. Denn ihre Gedanken sind dicht und erschliessen sich manchmal erst im Verlauf der Handlung. Warum gibt sie Vater Ricco Biaggi den Namen Noah? Vielleicht war die biblische Arche gar kein Schiff, sondern ein Sarg, mutmasst sie. Dieser ist nicht Endstation, sondern führt weiter in die Arche Noah. Mit Noah als Steuermann schuf sie eine Persönlichkeit des Lichtes.

Er führt die ihm Anvertrauten sicher über das Hochwasser des Lebens und entlässt sie in ihre Freiheit. Damit gibt sie dem Tod eine neue, positive Wendung. Denn das Abendland ist bedrückend geprägt durch die griechische Mythologie, bei der Charon als Fährmann die Seelen über den Totenfluss in die Unterwelt führt. Ein besseres Gegenbild hätte sie kaum wählen können. Die Autorin hat ein starkes Buch der Hoffnung geschaffen. Gespannt darf man auf weitere Werke warten. Denn in ihr schlummern gebündelte Kräfte wie in einem Vulkan, die eruptiv nach draussen drängen.

Es muss etwas passieren, Roman, Evelyn Reimann, 182 Seiten, Verlag Johannes
Petri, Basel, Fr. 31.90 gebundene Ausgabe, Fr. 22.90 eBook.

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