Fricktal

Wenn laut und schräg voll richtig ist – noch zwei Wochen bis zur kollektiven Ekstase

Am 1. März ist es in Laufenburg wieder so weit: Die Guggen erobern am Open-Air-Guggen-Festival die Altstadt. Archiv

Am 1. März ist es in Laufenburg wieder so weit: Die Guggen erobern am Open-Air-Guggen-Festival die Altstadt. Archiv

Für alle, die mit dem Fasnachtsvirus infiziert sind: Die Aaargauer Zeitung verkürzt den Narren die Wartezeit mit einem grossen Fasnachts-Abc. Heute Teil 2, von G wie Gugge bis L wie Larve.

Spüren Sie schon ein Kribbeln in den Fingerspitzen? Hören Sie vor Ihrem geistigen Ohr schon schräg-schönen Sound? Zählen Sie die Tage bis zum 14. Februar? Sehen Sie gar schon kleine, bunte Papierfetzen durch die Luft fliegen? Dann ist die Diagnose eindeutig: Sie sind vom Fasnachtsvirus infiziert. Ein äusserst hartnäckiges Virus, das in der Regel das ganze Leben lang im Körper steckt und gerne auch andere befällt. Es bricht jeweils im Januar oder Februar, eher selten auch im März, aus und sorgt knapp drei Wochen lang für eruptive Wallungen mit Durstattacken und unkontrollierten Lachsalven.

Wenn Sie also vom Fasnachtsvirus befallen sind, haben wir drei gute Nachrichten für Sie: Das Virus ist, erstens, ungefährlich. Gut, ab und an dröhnt der Kopf am Morgen etwas. Aber das Schwindelgefühl vergeht meist innert Stunden wieder – mit oder ohne Alka Seltzer. Bis zur nächsten kollektiven Ekstase dauert es, das ist die zweite gute Nachricht, nur noch zwei Wochen. Die AZ überbrückt die Wartezeit, dies die dritte Frohbotschaft, mit einem grossen Fasnachts-Abc. Heute mit Teil 2.

G wie Gugge.

Sie tönen voll schräg, die Guggen, und genau deshalb goldrichtig. In der Disharmonie liegt die Harmonie der ausgeklügelten Kompositionen. Mit ihren Blechblas- und Schlaginstrumenten geben die Musikformationen jeder Fasnacht den richtigen Sound und Drive. Im Fricktal, einer Guggen-Hochburg, zeigen die Formationen, die in aufwendig gefertigten Kostümen und mit oft bunt bemalten Gesichtern auftreten, an verschiedenen Guggen-Open-Airs ihr Können. So etwa am 1. März in Laufenburg oder am 4. März in Möhlin.

Bleibt bei all den lauten Tönen eine leise Frage: Woher kommt der Begriff Gugge überhaupt? Auch da gibt es, wie beim schräg-schönen Sound der Guggenmusiken, nicht richtig oder falsch; es gibt mehrere Herleitungen für den Begriff. Eine besagt, dass «Gugge» von der «Papiertüte» stammt, in die man hineinbläst. Eine andere Erklärung assoziiert den Begriff «Gugge» mit «kleine Kindertrompete».

H wie Häs.

Nein, Häs ist nicht das Diminutiv von Hase – auch wenn natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, dass es irgendwo in der weiten Fasnachts-Welt ein Hasen-Häs gibt. Das Häs ist der Stolz, man kann auch sagen: das Allerheiligste eines jeden Narren. Sein Kostüm. Dieses ist, je nach Zunft oder Clique, mehr oder weniger farbenfroh gehalten. In jedem Fall aber ist es mit viel Liebe und Fasnachtsblut gefertigt.

Während viele Zünfte ein traditionelles Häs haben, das sich in den letzten Jahrzehnten nicht verändert hat, mutieren andere Gruppen ihr Äusseres jedes Jahr. Dass Vielfalt durchaus auch in der Einfalt des gleichen Häs liegen kann, zeigt sich beispielsweise bei der Narro-Alt-Fischerzunft 1386 Laufenburg: Jedes Häs ist einzigartig – vom Gewand bis zur Maske – und doch erkennt man die Laufenburger Narronen unter Tausenden Häs-Trägern.

Ungelöst muss allerdings eine andere Frage bleiben: Wie lautet, verflixt, der Plural von Häs? Häs, Häse, Häser? Die Geister scheiden sich und deshalb einigen wir uns auf eine gendergerechte Schreibweise: die Häs/e/er.

I wie intrigiere.

Ein Fasnachtsbrauch, der früher weit verbreitet war, unter anderem in Basel und der Innerschweiz. Heute lebt der Brauch nur noch an wenigen Orten. Beim Intrigieren geht ein maskierter (und nicht erkennbarer, das ist wichtig) Narr auf einen nichtmaskierten Zeitgenossen zu, den er nach Möglichkeit kennt und von ihm auch etwas Süffisantes weiss. Er verwickelt den nichtmarkierten Gesellen, den armen, in ein Gespräch und reibt ihm das eine oder andere neckische Detail, von dem er weiss, unter die Nase. Etwa, dass er doch am letzten Freitag wieder ein Gläschen zu viel über den Durst getrunken habe. Oder man zieht ihn mit einer alten Geschichte auf, etwa einem verschossenen Penalty im Lokalderby. Widerrede ist dabei nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht.

In der Basler «Tageswoche», die inzwischen eingestellt ist, erinnerte sich vor einigen Jahren ein knapp 90-Jähriger, der die Kunst dess Intrigierens noch beherrscht hat, wo die Grenzen des Schlagabtausches lagen – und wie sie sich im Laufe der Zeit verschoben haben. «Früher wurde kein Wort unter der Gürtellinie gesagt, heute hängt man einander schnell ‹Schlötterli› an», erzählte er der Basler Wochenzeitung. Früher habe man sich nach einem gelungenen Intrigen-Schlagabtausch die Hände gereicht und gesagt: «Digge, das hast du gut gemacht!»

J wie Jugend.

Früh übt sich, wer ein grosser Narr werden will. Das haben sich auch die Fasnachtsgesellschaften im Fricktal auf ihr Häs (siehe unter H) geschrieben – und bieten ein breites Programm für die kleinen Narren an. Das reicht vom Kinderumzug über den Kinderball bis hin zu traditionellen Anlässen wie dem Narrolaufen, das unter anderem in Laufenburg und Kaisten am Ende der Fasnachtszeit stattfindet.

Beim Narrolaufen bekommen die Kinder, wenn sie voller Inbrunst Verse wie «Narro chryydewiss het d’Chappe voller Lüüs» aufsagen – man kann auch sagen: herausschreien – von den Narronen Süssigkeiten, Weggen und Orangen zugeworfen. Gut, bisweilen mischt sich auch der eine oder andere Erwachsene unter die Fänger – frei nach dem Motto: An der Fasnacht wird jeder nochmals zum Kind.

K wie Konfetti.

Die kleinen, bunten Papierschnitzel gehören an jedem Umzug einfach dazu. Mit Vorliebe werden sie so gestreut, dass möglichst viele Mit-Fasnächtler geduscht werden. Fies sind jene Konfetti-Streuer, die einem, mit hämischem Grinsen, hinterherhetzen, um dann genüsslich eine geballte Ladung Papierschnitzel in den Ausschnitt der Jacke zu stopfen.

Ein Tipp noch aus eigener Erfahrung: Wenn Sie mit dem Auto an einem Umzug vorbeifahren, dann sollten Sie alle Fenster, ganz wichtig, geschlossen halten. Sonst wird Ihr Interieur mit Konfetti geschmückt. Diese wieder loszuwerden, ist dann so eine Sache. Bisweilen findet man noch Monate später das eine oder andere bunte Ding in einer Ritze.

L wie Larve.

Hinter ihnen verbirgt der Narr gerne sein Gesicht. Die Larven sind meist aufwendig in Handarbeit aus Holz geschnitzt oder aus Pappe hergestellt. Sie sind ein Markenzeichen der jeweiligen Zunft oder Clique – und bieten gleichzeitig den Vorteil, dass man, zumindest bis zu einem gewissen Grad, in die Anonymität des Fasnachts-Seins versinken kann.

Aber Vorsicht: Die Larve verändert die Stimme nicht und der eine oder andere Larventräger bereute schon Worte, die er im Glauben an seine temporäre Unkenntlichkeit gemacht hat, später bitterlich. Noch ein Tipp, wenn Sie mit einem Larventräger oder einer Larventrägerin ins Gespräch kommen wollen. Viele schätzen es nicht, wenn man ihren Kopfschmuck als Maske bezeichnet.

Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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