Es ist einer jener Briefe, die man gerne und deshalb auch schnell zurücksendet: den unterschriebenen Mietvertrag für die Ferienwohnung. Denn die Ferienzeit ist bekanntlich die schönste Zeit – und Ferienwohnungen gehen, gerade für Winterferien in den Bergen, vielerorts weg wie warme Semmeln. So frankierte Familie Müller das Couvert an Vermieter Max Herzog selbstredend mit einer A-Post-Briefmarke.

Im wirklichen Leben heisst Familie Müller anders. Aber im wirklichen Leben braucht ein A-Post-Brief von Feusisberg nach Frick auch nur einen Tag. Der Brief der Familie Müller jedoch benötigte für die 65 Kilometer Luftlinie mehr als neun Monate. Die Luft spielt dabei auch eine Rolle. Aber dazu später.

Am 25. April 2018 schickte Max Herzog den Mietvertrag per Post nach Feusisberg. Mit Poststempel vom 1. Mai ging er retour an Herzog – mit korrekter Adressangabe, abgestempelt im Briefzentrum Zürich-Mülligen. In Frick traf er aber nicht ein – dafür die Anzahlung für die Wohnung. Da die Familie die Ferienwohnung von Herzog im Bündnerland schon mehr als einmal gemietet hatte, sie den Mietvertrag jeweils umgehend zurücksandte und die Anzahlung ebenfalls auf dem Konto von Herzog einging, wurde dieser nach einigen Tagen misstrauisch – und fragte telefonisch nach. Natürlich habe man den Vertrag zurückgeschickt, beschied ihm Familie Müller und sandte ihm eine Kopie von der Kopie des Mietvertrages zu, die sie für sich angefertigt hatte. Damit war für Herzog der Fall erledigt. 

«Noch vor den Skiferien»

Nicht schlecht staunte Herzog nun allerdings, als am 9. Februar 2019 ein Couvert von der «Post CH AG» in seinem Briefkasten lag. «Unanbringliche Briefe» steht da im Absender. Als Herzog den Briefumschlag öffnet, kommt ein zweiter, ungeöffneter Umschlag hervor: der Brief der Familie Müller mit dem unterschriebenen Mietvertrag. 285 Tage nach der Aufgabe hat es der Brief doch noch nach Frick geschafft.

«Ich konnte kaum glauben, dass es der Brief doch noch zu mir schafft», sagt Herzog und fügt mit leicht ironischem Unterton an: «Immerhin kam der Vertrag noch so früh, dass die Skiferien dieser Familie noch nicht vorüber waren.» Denn die beginnen am 23. Februar.

Sein Geheimnis gibt das Couvert nicht so leicht preis. Die Adresse von Herzog ist durchgestrichen, unter die Ortschaft ist von Hand «Australia» hinzugefügt. Am oberen linken Rand ist eine Codierung aufgedruckt – mit Datum vom 24. Dezember 2018, 10:21 Uhr. «Ein Luftfrachtstempel», weiss Herzog. «Wann der Brief per Luftfracht gereist ist, auf dem Hin- oder Rückweg, ist leider nicht feststellbar.»

Nachfrage bei der Post – per Mail. Die Antwort kommt deshalb auch (relativ) postwendend. «Unsere Spezialisten haben versucht, die Ursache für die Verspätung herauszufinden», schreibt Mediensprecherin Masha Foursova. Es sei ein aussergewöhnlicher Fall, der sich leider nicht abschliessend klären lasse. «Wahrscheinlich führte ein Fehler bei einem Arbeitsablauf dazu, dass der Brief über Australien seinen Weg wieder in die Schweiz fand.»

Geärgert hat Herzog, dass ausser dem verschlossenen Couvert nichts im Postumschlag steckte. «Keine Entschuldigung, nichts.» Diese reicht die Post nun nach. «Wir bedauern die grosse Verspätung und entschuldigen uns bei Herrn Herzog sowie bei den Absendern für die Unannehmlichkeiten», schreibt Foursova der AZ.

Einen Nachsatz kann sich Herzog, der schon ein paar Mal erlebt hat, dass die bestellte Ware zwar bei ihm eintraf, die separate Rechnung aber an den Lieferanten mit dem Vermerk «Adressat unbekannt!» zurückgeschickt wurde, nicht verkneifen: «Ich wäre nicht überrascht, wenn ich noch eine Rechnung für die Postgebühren erhalten würde.» Dazu wird es nicht kommen, versichert Foursova. «Herrn Herzog werden keine Gebühren in Rechnung gestellt.»

97,6 Prozent kommen rechtzeitig

Sie weist zudem daraufhin, dass die Post ihr Bestes gibt, Briefe und Pakete pünktlich zuzustellen – und dass dies in der Regel auch gelingt. «Bei den A-Post-Briefen wurden im Jahr 2017 97,6 Prozent der Sendungen pünktlich zugestellt, bei den B-Post-Briefen waren es 99 Prozent. Damit übertraf die Post die Vorgaben des Postgesetzes.»

Der Brief der Familie Müller gehört damit zu den 2,4 Prozent der nicht pünktlich zugestellten Briefe – und unter diesen wohl zu jenem Promille, das mehrere Monate für die Zustellung brauchte.

Familie Müller dürfte das wenig kümmern. Sie kurvt ab diesem Samstag über die Skipisten im Bündnerland. Mit oder ohne Ferienumleitung der Post.