Frick

Wenn der pensionierte Pauker zum vierten Mal das Dingsda sucht

«Von Paukersdorf nach Dingsda» ist der vierte Band in der Dingsda-Reihe von Heinz Picard. Einen weiteren wird es nicht geben. twe

«Von Paukersdorf nach Dingsda» ist der vierte Band in der Dingsda-Reihe von Heinz Picard. Einen weiteren wird es nicht geben. twe

Heinz Picard veröffentlicht sein viertes Dingsda-Buch – und nimmt die Leser mit in die Welt des Vergessens.

Es fing alles an mit diesem ... mit diesem ... Dingsda, diesem Wort, das man genau kennt, diesem Wissen, von dem man weiss, dass man es weiss, das aber just in dem Moment, in dem man es braucht, unauffindbar ist. Vom Erdboden verschluckt – oder treffender: von den Gehirnzellen versteckt oder sogar aufgefressen.

Dieses Vergessen, dieses Schweigen, das sich im besten Fall in Selbstironie auflöst, im schlechtesten zur Kommunikationslosigkeit führt, war für Heinz Picard, 79, pensionierter Bezirksschullehrer, der Anfang für sein Dingsda. Drei Dingsda-Bücher hat er bislang veröffentlicht, jedes anders, jedes speziell und alle lesenswert. Im ersten Band ging es um die vielen kleinen und grossen Dingsdas im Leben, diese ungezählten Momente der Hilflosigkeit, die einen harmlos-amüsant, die anderen nachdenklich-ernst.

Im zweiten Buch, dem «Tor zum Dingsda», ging Picard dem Phänomen auf den Grund, suchte den Schlüssel, mit dem sich dieses Tor aufschliessen lässt. Und fand ihn im Humor. «Wenn man der Hilflosigkeit mit Humor begegnen kann, wird alles etwas einfacher», ist Picard überzeugt. Wie sich seine Helden in den Erzählungen retten können, wenn sie den Humor behalten, so meisterte auch er die schweren Momente, indem er den Humor nicht verlor. Picard, ein Meister der (Selbst-)Ironie, weiss um die Grenzen des Humors – und insbesondere der Ironie. «Sie ist eine Gratwanderung.» Viele verstehen Ironie nicht. Oder falsch. «Dann kann sie verletzen und sich so ins Gegenteil verkehren.»

In eine (auch für ihn) ganz neue Dimension von Dingsda tauchte Picard im dritten Band ein, in die Welt von Enkel Dominik, in der die kleinen Dingsdas ganz gross erscheinen – und den Grossvater in seine eigene Kindheit zurückversetzten, ihn die Dingsdas von damals mit einer ganz anderen Brille betrachten liessen.

Von Paukersdorf nach Dingsda

Nun legt Picard das vierte Dingsda-Buch vor, «Von Paukersdorf nach Dingsda», eine Reise in die Vergangenheit, die in diesem Moment Gegenwart ist und Zukunft sucht. «Die Gegenwart ist flüchtig, die Zukunft ungewiss», sagt Picard. «Als Konstante bleibt nur die Vergangenheit.» Aus dieser könne man das Gute oder das Schlechte hervorholen und mit ins Morgen nehmen; Picard setzt auf Ersteres.

Das neue, 150 Seiten starke Buch ist «mein literarischer Rückblick», sagt Picard, 31 Erzählungen, mit viel Humor geschrieben, mit Sprachwitz auch und einer gepfefferten Prise Ironie. Picard kann gut über sich selber lachen und gibt dem Leser, ganz unaufdringlich, mit auf den Weg: Mach es auch so – das Leben dankt es dir.

Das Ding mit dem Dingsda ist mit dem vierten Band erschöpft. «Es wird keinen weiteren geben», sagt Picard, ob es auch sein letztes Buch ist, lässt er offen. «Mal sehen.» Für ihn selber war die Arbeit am vierten Band ein Einordnen, ein Aufräumen und, ja, auch eine Art Ablösung. Ein Testament der Gedanken und Erinnerungen, wenn man so will. Picard tat es einem Insektenkundler gleich, der den Schmetterlingen nachläuft, sie mit seinem Netz einfängt, ganz sanft, sie betrachtet, ihre Art bestimmt, sich Notizen macht und sie dann wieder fliegen lässt.

Das tönt nun alles leichter, als es ist. Manchmal stand am Anfang nur ein Wort, ein Gedanke, ein Erinnerungsfetzen, den er wieder weglegen musste, weil kein Bild daraus entstand. Oft fing er an zu schreiben, las den Text, zerriss ihn, um ihn wenig später aus dem Papierkorb zu klauben und wieder zusammenzusetzen.

«Das Schreiben ist oft eine Quälerei, die müde macht», sagt Picard, und trotzdem kann er es nicht lassen, weil die Worte raus wollen, weil sie raus müssen. Nicht selten wacht er mitten in der Nacht auf, dann ist sie da, die Idee – und will sofort notiert sein. Denn am Morgen, so weiss Picard aus Erfahrung, ist sie wieder weg. «Das Alter.»

Der Kopf denkt, das Ohr hört

Wenn dann eine Geschichte endlich niedergeschrieben ist, ein Buch fertig vor ihm liegt, dann kommt eine «Phase der Erlösung», sagt Picard, und schon die Wortwahl verrät: Sie hält jeweils nicht lange an. In seinem Kopf blitzt bereits das nächste Wort, der nächste Gedanke auf, der betrachtet werden will, geprüft, ob sich aus ihm ein Erzählfaden spinnen lässt. Und während der Kopf denkt, bekommt das Ohr nicht selten von seinem Gegenüber zu hören: «Hörst Du mir überhaupt zu?» – «Ja, sicher», sagt er, vielmehr: spricht es aus ihm, einem Automaten gleich. Er ist in seiner Welt.

Viele seiner Geschichten haben mit seiner eigenen Geschichte zu tun, mit Erlebnissen, die er abgespeichert hat, nun hervornimmt und sie, einem Glasstab gleich, erhitzt und daraus etwas Neues formt. Die Kunst, die Picard beherrscht, ist, dass er das Glas nicht nur zu einer bunten Kugel formt, sondern in diese hinein eine weitere Figur setzt, die man oft erst auf den zweiten Blick sieht. Was humorvoll-locker daherkommt, hat nicht selten viel Tiefgang, regt – bewusst oder unbewusst – zum Nachdenken an. Über allerlei Dingsdas.

Buchvernissage: Sonntag, 4. Dezember, 11 Uhr, Kornhauskeller Frick

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