Fricktal
Wenig Widerstand gegen neue Asyl-Unterkünfte – warum eigentlich?

Woanders im Aargau wehrt sich die Bevölkerung mit Einsprachen, Protestgrillieren oder lauten Demonstrationen gegen neue Asylunterkünfte. Nicht so im Fricktal.

Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
56 Wohncontainer stehen bereits auf dem Areal des A3-Werkhofs. Thomas Wehrli

56 Wohncontainer stehen bereits auf dem Areal des A3-Werkhofs. Thomas Wehrli

Die Wohncontainer stehen noch immer gestapelt auf dem Areal des ehemaligen A3-Werkhofs in Frick: Die kantonale Asylunterkunft, in der bis zu 300 alleinreisende Männer und Familien untergebracht werden sollen, ist nach wie vor nicht bewilligt. Gegen das Baugesuch waren zwei Einsprachen eingegangen. Diese sind noch hängig; in der Einspracheverhandlung wurde keine Einigung erzielt. Nun liegt es am Gemeinderat, zu entscheiden. Mit einem Beschluss ist laut Gemeindeschreiber Heinz Schmid nicht vor Ende Juli zu rechnen.

Eines fällt auf: Während die Gemeinde Aarburg gegen die Unterkunft von 90 Asylsuchenden bis vor Bundesgericht zog, die Safenwiler ein Baugesuch für Asylcontainer mit 126 Einsprachen torpedierten und die Bettwiler lauthals mit Banner und Parolen demonstrierten, gibt es im Fricktal kaum Widerstand gegen Asylunterkünfte.

In Frick nahmen an der Informationsveranstaltung zur geplanten Unterkunft im A3-Werkhof rund 180 Personen teil. Kritische Fragen gab es nur wenige.

In Stein leben rund 50 Asylsuchende in der kantonalen Unterkunft. Es habe zwar auch schon Probleme gegeben, sagt Gemeindeammann Hansueli Bühler, etwa mit Ladendiebstählen. Seit längerem sei es aber ruhig.

In Laufenburg sind rund 90 Asylsuchende in zwei Unterkünften untergebracht. «Wir nehmen Meldungen aus der Bevölkerung ernst und versuchen, umgehend zu reagieren», sagt Stadtammann Herbert Weiss. Grössere Probleme gebe es nicht. Auch im Vorfeld war der Widerstand gegen die beiden Asylunterkünfte nicht gross. Woran liegt es? Sind die Fricktaler konzilianter?

Für Balz Bruder, Mediensprecher im Departement für Gesundheit und Soziales, lässt sich keine allgemeingültige Regel ableiten. Dafür sei die «Stichprobengrösse» zu klein. Er hat aber festgestellt: Die Behörden im Fricktal haben sich «konstruktiv-kritisch mit den Plänen des Kantons auseinandergesetzt» und haben ihre Anliegen «entsprechend (erfolgreich) eingebracht».

Protestpotenzial schlummert

Gemeindeammann Daniel Suter erlebt seine Fricker als pragmatisch. Man analysiere, statt im Voraus zu hyperventilieren, sagt er. «Die Fricker machen Schritt um Schritt.» Zwei Tatsachen tragen für Suter mit dazu bei, dass es in Frick ruhiger abläuft: Erstens ist Frick nicht die erste kantonale Unterkunft. «Man weiss bereits, was auf einen zukommt.» Das helfe, denn: «Ängste lösen vor allem Dinge aus, die man noch nicht kennt und nicht einschätzen kann.»

Zweitens sei die Kommunikation zentral. «Sie muss offen und transparent sein.» Diesen Grundsatz halte man in Frick hoch – und diese Offenheit spüre er auch aufseiten des Kantons.

Dass im Fricktal ein geringeres Protestpotenzial als in anderen Regionen schlummert, glaubt Hansueli Bühler nicht. «Auch bei uns wäre ein Bettwil möglich.» Er erlebt den Fricktaler als bodenständig und lösungsorientiert. Und als eigenständig: «Während in anderen Regionen die Grenzen fliessend sind, sind wir geografisch ein abgeschlossener Raum, der alles hat.» Das wirke sich auch auf das Auftreten aus.

Herbert Weiss hat beobachtet: «Es braucht jeweils nur wenige Akteure – und der Protestfunken springt über.» Dass dieser Funken auch im Fricktal ganz gehörig sprühen kann, hat sich 2014 gezeigt. Die Ankündigung der Regierung, den Kantonsbeitrag an den Tarifverbund Nordwestschweiz zu streichen, liess die Fricktaler Sturm laufen: 6546 unterschrieben innert Kürze die Petition von Herbert Lützelschwab; der Grosse Rat strich daraufhin die Streichung.

«Im Laufe der Geschichte flammte das Protestpotenzial der Fricktaler immer wieder aus», sagt Historiker Linus Hüsser. Als die Regierung 1830 im Freiämtersturm Elitetruppen aus dem Fricktal aufbot, zogen diese zwar los. Weit kamen sie jedoch nicht: Die meisten Soldaten blieben in Ueken und Herznach in den Gaststuben hängen, nur wenige erreichten Aarau. C’est la vie.