Wölflinswil

Weltumsegler aus dem Fricktal: «Wir leben den Moment»

Pia Koch und Köbi Brem aus Wölflinswil segeln seit Juni 2018 mit ihrer Jacht «Lupina» über die Weltmeere. Eine Zwischenbilanz.

Sie leben ihren Traum. Köbi Brem, 59, und Pia Koch, 62, haben ihre Zelte im Fricktal im Juni 2018 abgebrochen und schippern seither mit ihrer Segeljacht «Lupina» auf den Weltmeeren herum. Die AZ berichtet in loser Folge über die Weltumsegelung des ehemaligen Gemeindeammanns von Wölflinswil und seiner Partnerin.

Rückblick. Am Ostersonntag passt Köbi Brem für einen kurzen Moment nicht auf – und schon ist der Unfall passiert. Mitten im Niemandsland. Oder besser: vor einer einsamen Insel. Hier wollen die beiden den Ostertag geniessen. Da das Ankern zum Schutz der Korallen verboten ist, springt Brem ins Wasser, um die «Lupina» an einer Boje festzumachen.

Ein verklemmtes Seil, eine grosse Welle, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit – und die linke Hand ist eingeklemmt. Die Kuppe des Mittelfingers ist abgeklemmt, die Wunde blutet stark, der kleine Finger ausgerenkt, Daumen und Zeigefinger gequetscht.

Nach der Erstversorgung an Bord geht es zur nächsten bewohnten Insel. Diese liegt zwei Segel-Stunden entfernt. Sie ankern und ein Fischer schippert sie ans Ufer. Da Feiertag ist, fahren keine Busse und Taxis. Ein Hafenarbeiter bringt Brem schliesslich ins Spital, wo die Ärzte mit den einfachen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, «gute Arbeit leisten», wie Brem betont.

In den Tagen nach dem Unfall wird der Verband in der medizinischen Versorgungsstation am Hafen täglich gewechselt; das Verbandsmaterial muss Brem selber mitbringen. Ab der zweiten Woche übernimmt «Krankenschwester Pia», wie Brem schmunzelnd sagt, die Pflege. Und «Patient Köbi jammert immer rechtzeitig, bevor es richtig schmerzhaft wird.»

Wie geht es Ihrer Hand heute?

Der Finger ist gut verheilt. Die Hand ist wieder voll einsetzbar.

Sind Sie seit dem Unfall vorsichtiger?

Ich überlege mir sicher zweimal, wie ich etwas in die Hand nehmen muss, sodass es nicht zu einer Verletzung kommt.

Welche Konsequenzen haben Sie aus dem Unfall gezogen?

Die Erfahrung hat uns dazu bewogen, die Bordapotheke noch leicht zu ergänzen. Auch haben wir Techniken entwickelt, wie wir auch bei schwierigen Bedingungen eine Boje sicher belegen können.

Die Antworten auf die Fragen erhält die AZ postwendend. «Der Zufall will es, dass wir seit Samstag in der Schweiz sind», schreibt Brem. Deshalb sei das Verfassen und Versenden der Antworten diesmal wesentlich einfacher als sonst.

In der Schweiz bleiben sie rund drei Wochen. Ursprünglich sei geplant gewesen, erst im Januar wieder in die Schweiz zu kommen, sagt Brem. «Aber für unsere nächste Destination brauchen wir ein USA-Visum, das wir uns in der Heimat besorgen.»

Sie waren schon im Sommer in der Schweiz. Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Am liebsten denken wir an unsere erste Begegnung mit dem zweiten Grosskind, das damals gerade drei Monate alt war, und die Zeit mit dem dreijährigen Enkelkind. Für mich als passionierter Turner war natürlich die Teilnahme am Eidgenössischen Turnfest mit dem MTV Wölflinswil in Aarau das absolute Highlight.

Hatten Sie seither auch Besuche aus dem Fricktal?

Wir hatten seither Besuch einer Freundin von Pia aus dem Seetal und ihrem Bruder aus Brugg. Die Fricktaler kommen erst noch ...

Was sind die häufigsten Reaktionen von Besuchern, wenn sie sehen, wie Sie leben?

Einmal sind sie positiv überrascht über den Platz und den vorhandenen Stauraum auf unserem Schiff. Andererseits sind sie erstaunt, dass auch bei wenig Wellen der Boden unter den Füssen dauernd schaukelt.

Die «Lupina» liegt derzeit in einer Marina in Bonaire, einer der ABC-Inseln. Hier bleiben Brem und Koch noch so lange, bis die Hurrikan-Zeit vorbei ist. Sie seien im ersten Jahr ihrer Reise relativ zügig unterwegs gewesen und nie länger als zwei bis drei Wochen am gleichen Ort geblieben, erzählt Brem. Bei den ABC-Inseln blieben sie nun erstmals deutlich länger. «Dadurch haben wir nochmals einen anderen Bezug zu Land und Leuten der Insel erlebt.»

Wo gefällt es Ihnen bei den ABC-Inseln am besten?

Wir waren auf Aruba, Curaçao und Bonaire. In Aruba hat uns die gute Infrastruktur gut gefallen. Am besten hat es uns aber definitiv auf Bonaire gefallen. Hier fanden wir eine kleine Insel mit einer überschaubaren Hauptstadt vor. Der Umgang der Bevölkerung miteinander ist sehr familiär und freundlich.

«Absolutes Highlight» auf Bonaire ist für Brem und Koch das glasklare Wasser. 28 Grad warm, fantastische Unterwasserwelt mit märchenhaften Korallenlandschaften und bunten Fischen inklusive. «Und der Touristenstrom ist noch überschaubar.» Weniger gut gefiel den beiden dagegen Curaçao. «Wir waren eher etwas schockiert, wie respektlos mit der Natur umgegangen wird und überall alles vermüllt war», sagt Brem.

Welche Herausforderungen mussten Sie in den letzten Monaten meistern?

Bisher konnten wir praktisch immer mit dem Wind segeln. Wir hatten den Wind also von hinten oder von der Seite. Der Weg von Aruba zurück nach Bonaire war aber gegen den Wind und wir mussten gegen Wind und Wellen ankämpfen. Es war für uns ungewohnt, für eine Strecke ein Mehrfaches der Distanz und Zeit wie sonst zu benötigen. Schlussendlich ging alles sehr gut und ohne Probleme.

Sie hätten doch einigen Respekt vor dieser Fahrt gegen den Wind gehabt, sagt Brem. «Am Schluss waren wir stolz, alles gesegelt und nicht einfach den Motor genommen zu haben.»

Was war bislang der schwierigste Moment?

Schwierige Momente hatten wir eigentlich keine. Einzig, als wir retour in Bonaire waren, hat einmal der Wind in der Nacht gedreht. Nach einiger Zeit wurden die Wellen immer höher und wir mussten mitten in der Nacht die Boje, an der wir unsere «Lupina» festgemacht hatten, verlassen, weil es uns dort zu gefährlich wurde. Auf der Leeseite der vorgelagerten Insel fanden wir dann sicheren Schutz.

Hand aufs Herz: Ist es Ihnen nie zu eng auf dem Boot?

Nein, wir sind gut eingerichtet und kommen gut zurecht mit dem vorhandenen Platz.

Einzig seit Brem mit dem Tauchen begonnen hat, wünscht er sich manchmal Platz für einen Kompressor, um die Tauchflaschen wieder befüllen zu können. Ein breit grinsender Smiley begleitet die Antwort. Mitte Dezember geht es für Koch und Brem weiter. Richtung Norden. Sie wollen Weihnachten und Neujahr auf Puerto Rico feiern.

Wie werden Sie die Adventszeit verbringen?

Wir sind anfänglich noch in Bonaire und dann ab der zweiten Hälfte Dezember in Puerto Rico. Für uns geht das Seglerleben in dieser Zeit ganz normal weiter, von der Adventszeit werden wir nicht allzu viel mitkriegen.

Ist für Weihnachten etwas Besonderes geplant?

Für Weihnachten nicht, aber auf den Jahreswechsel werden uns die beiden Crews besuchen, mit denen wir den letzten Jahreswechsel auf den Kanarischen Inseln gefeiert haben. Sie sind mittlerweile mit ihren Schiffen wieder zu Hause, kommen uns aber besuchen.

Weihnachten ist Familienzeit. Koch und Brem werden dann 23 Flugstunden und gut 7000 Kilometer von zu Hause entfernt sein. Den Kontakt mit der Familie halten sie über Whatsapp, E-Mail und Telefon aufrecht. «Den Enkelkindern schicken wir zudem jede Woche eine Postkarte», sagt Brem.

Reicht Ihnen der digitale Kontakt?

Eigentlich reicht das. Aber als die dreijährige Enkelin bei unserem letzten Besuch vorsichtig ihre Hand ausstreckte, uns berührte und erstaunt feststellte, dass wir echt sind, hat uns das schon etwas berührt.

Man hört es: Ihnen gefällt das Leben auf der Jacht auch nach 16 Monaten noch. Was gefällt daran?

Es ist einfach noch viel schöner, als wir es uns erhofft haben. Und wir haben einfach das Glück, dass wir beide Freude daran haben. Wir haben schon einige Segler kennen gelernt, wo nur einer der Partner weitersegeln will und der andere hat keine Lust mehr.

Vor der Reise liessen Sie offen, wie lange Sie segeln wollen. Ist das inzwischen schon klarer?

Eigentlich ist es offen. Sicher ist, dass wir, wenn alles weiterhin gut läuft, noch einige Jahre unterwegs sein werden. Wir segeln so lange, wie wir physisch können und Lust haben daran.

Sie leben Ihren Traum. Wie ist das?

Es ist einfach  in riesiges Privileg, seinen Traum leben zu dürfen, und wir haben den Mut, dies auch zu tun.

Wenn man ihn lebt: Wovon träumt man dann noch?

Die Welt ist sooo gross, unser Traum geht einfach immer weiter.

Gibt es etwas, das Sie unbedingt noch realisieren wollen? Was?

Wir geniessen im Moment einfach das, was jetzt ist. Wir leben den Moment. Das Bedürfnis nach etwas Anderem ist zurzeit nicht vorhanden.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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