Kaisten
Weihnachten vor 70 Jahren: «Geschenke waren damals nicht so wichtig»

Elsy Amsler aus Kaisten erinnert sich, wie im Fricktal vor 70 Jahren Weihnachten gefeiert wurde – ohne üppige Bescherung, aber mit viel Zeit.

Nadine Böni
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Elsy Amsler findet in ihrem Fotoalbum auch Bilder von Weihnachten aus früheren Jahren.

Elsy Amsler findet in ihrem Fotoalbum auch Bilder von Weihnachten aus früheren Jahren.

Nadine Böni

«Ein hellblaues Pyjama.» Elsy Amsler huscht ein Lächeln über das Gesicht. «Das war etwas ganz Besonderes für mich.» Die 77-Jährige erinnert sich jedenfalls noch heute genau an ihren Weihnachtswunsch. Sie war damals noch ein Kind, vielleicht zehn Jahre alt. Die Familie lebte auf einem Bauernhof in Wittnau.

Geschenke waren in jener Zeit, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht üblich – und wenn, dann gab es etwas Nützliches. Strumpfhosen oder Handschuhe. Und manchmal verschwand vor Weihnachten das Spielzeug und lag an Heiligabend geflickt wieder unter dem Christbaum.

Schnecken für Geschenke

Amsler, heute Leiterin eines Hilfswerks (siehe Box unten), wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Als Kind von «Rucksackbauern», wie man damals sagte und wie es sie im Fricktal viele gab. Die Mutter kümmerte sich zu Hause um den Hof, der Vater arbeitete auswärts, auf dem Bau. Ihre drei Brüder teilten sich ein Schlafzimmer, Elsy schlief in der Stube – und eben: Sie wünschte sich so sehr ein Pyjama.

Weil aber eigentlich das Geld für so ein Geschenk fehlte, sammelte die Mutter
Genossenschafts-Marken. Und zu Weihnachten reichte es dann. Elsy bekam das Pyjama. Amsler lacht wieder bei der Erinnerung daran: «Mutter wollte mir das Geschenk eigentlich im Geheimen geben, weil sie nicht wusste, wie Vater darauf reagieren würde. Aber ich konnte einfach nicht darauf warten.» Als sie sich weigerte, ohne Pyjama zu Bett zu gehen, wurde der Vater misstrauisch und die Mutter erzählte ihm schliesslich vom hellblauen Geschenk. Elsy trug ihr Pyjama, bis es voller Löcher war.

Ihre Mutter habe immer darauf geachtet, dass sie und ihre Brüder ein Geschenk zu Weihnachten bekamen, erzählt Amsler. In einem anderen Jahr sammelte sie am Morgen jeweils Schnecken in einem Körbchen. Die konnten damals gegen ein kleines Entgelt bei einer Frau abgegeben werden. So sparte die Mutter das Geld für ein Freundschafts-Album zusammen, das sich Elsy gewünscht hatte. «Es war damals alles andere als selbstverständlich, dass man so etwas zu Weihnachten geschenkt bekam.»

Das Album bewahrt Amsler bis heute auf, als Andenken an ihre Mutter. Als sie davon erzählt, kommen ihr viele Erinnerungen. Wie sie jeweils darauf wartete, dass der Schäfer mit seiner Herde am Hof vorbeizog – weil sie wusste, dass er das immer kurz vor Weihnachten tat und das Christkind somit bald zu Besuch kam. Wie die Familie sich an Heiligabend in der Stube um den Ofen versammelte und der Vater sang. Wie die Mutter eine Schale voll selbst gebackener «Chrömli» auf den Tisch stellte, ein echtes Festmahl.

Zeit mit der Familie

«Die Verhältnisse damals waren einfach. Aber es war eine wirklich schöne Zeit», sagt Elsy Amsler. «Geschenke waren nicht so wichtig wie heute.» In Wittnau, einem Dorf mit nur zwei Autos, kam es nicht vor, dass die Kinder nach Weihnachten mit den Geschenken prahlten. «Es waren alle in der gleichen Situation, aber das war damals überhaupt kein Thema.»

Wichtig war vielmehr das Zusammensein mit der Familie, die besinnliche Stimmung. Das galt auch später noch, als Amsler drei eigene Kinder hatte. Die Familie feierte gemeinsam mit ihren Eltern und dem Schwiegervater. Ihre Tochter spielte Blockflöte, die Söhne trugen Gedichte vor. Klar bekamen die Kinder Geschenke, einmal etwa eine Lego-Eisenbahn. «Das Schönste ist aber, Zeit mit der Familie zu verbringen», sagt Amsler. Das hat sich in 70 Jahren nicht geändert.

Ein Herz für Afrika

Bei einem Ferienaufenthalt 1990 in Mombasa (Kenia) lernte Elsy Amsler einen Pastor kennen. Aus diesem zufälligen Kontakt entstand eine langjährige Hilfstätigkeit. Nach dem Motto «Hilfe zur Selbsthilfe» konnte Amsler den Bau von Brunnen, einer Schule, eines Waisenhauses sowie eines Spitals verwirklichen. Um die Hilfe in Zukunft
erhalten zu können, wurde die Elsy Amsler-Stiftung gegründet. Elsy Amsler verbringt jährlich mehrere Wochen in ihrem Spital und arbeitet an allen Fronten mit.