Zwei Frauen, zwei Generationen, eine Familie, ein Gespräch. Verena Buol Lüscher und ihre Tochter Mia Lüscher machen sich im Interview Gedanken zum Frauenbild von früher und heute, zu Gleichberechtigung und Gleichgültigkeit einer ganzen Generation – und dazu , ob sie vielleicht ein zu enges Verhältnis zu einander pflegen.

Verena Buol Lüscher, sind Sie als Frau erzogen worden?

Verena: Ich bin in einer Grossfamilie mit drei Buben und drei Mädchen in einem eher städtischen Umfeld aufgewachsen. Eigentlich mit einem klassischen Rollenbild – der Vater hat gearbeitet, die Mutter war daheim. Allerdings habe ich das nie als ein Rollenbild empfunden. Wir wurden, ich sage mal: unisex erzogen.

Wie hat sich das gezeigt?

Verena: Schon im Kleinen: Jedes Kind hatte seine Ämtli, aber nicht geschlechterspezifisch. So mussten beispielsweise auch die Buben in der Küche helfen. Ohne sie jemals gefragt zu haben, gehe ich davon aus, dass das eine bewusste Entscheidung meiner Eltern war. Als Akademikerfamilie hatten sie ein erhöhtes Bewusstsein für die Thematik.

Wie hat Sie das geprägt?

Verena: Sicherlich in meiner Politik und Einstellung. Ich habe mich immer für die Gleichstellung eingesetzt, egal in welcher Beziehung. Wobei ich erst später gemerkt habe, wie unüblich meine Erziehung war.

Inwiefern?

Verena: Nur ein Beispiel. Da wohnten wir schon im Gipf-Oberfrick und ich sage es mal so: Auf dem Land war das Frauenbild damals noch ganz anders. Als ein Handwerker mal etwas im Haus erledigen musste, war ich gerade dabei, mein Velo zu reparieren. Da hat er gefragt, warum ich das tue und nicht mein Mann.

Was haben Sie geantwortet?

Verena: Ich habe ihm gesagt, dass mein Mann gerade in der Waschküche die Wäsche bügelt. Er war baff (lacht). Aber auch mit meinen Kindern habe ich solche Szenen erlebt, wo ein – aus meiner Sicht – altmodisches Frauenbild durchdrang.

Wie hat sich das geäussert?

Verena: Mia zog als Kind manchmal die Kleider ihres Bruders an. Da hörte ich von Frauen im Dorf, dass das doch nicht ginge (lacht).

Hat Sie die Kritik nicht gestört?

Verena: Ganz und gar nicht. Ich habe dagegen gehalten. Mein Sohn bekam zur Geburt eine Puppe geschenkt, meine Tochter ein Sackmesser. Wir gaben ihnen bewusst Spielzeug, das eigentlich dem jeweils anderen Geschlecht zugeteilt wird.

Stellen Sie sich manchmal die Frage, ob es anders besser gewesen wäre?

Verena: Wir haben eine extrem enge Bindung zu unseren Kindern. Unter anderem wohl auch, weil wir ihnen viele Freiheiten gegeben haben. Manchmal denke ich mir, dass wir uns stärker voneinander lösen sollten. Dass ich meiner Tochter nicht jedes Mal ein Foto schicke, wenn mir ein Menü gut gelungen ist.

Mia: (lacht). Es stimmt, wir haben eine enge Bindung. Es gibt nichts, was ich mit meiner Mutter nicht besprechen kann – sei es politisch, beruflich oder persönlich. Aber das schätze ich sehr.

Was wollten Sie mit ihrer Erziehung erreichen?

Verena: Der Hintergedanke ist klar: Alles ist möglich. Kinder sollen ihren Charakter entwickeln können, unabhängig von ihrem Geschlecht.

Und, hat es funktioniert, Mia?

Mia: Ich war zumindest das einzige Mädchen in meinem Freundeskreis, das keine Leggins getragen hat (lacht). Aber im Ernst: Ich habe sicher viele Vorteile aus der Erziehung gezogen.

Die da wären?

Mia: Ich denke, dass ich ein anderes Selbstwertgefühl habe. Das hat schon als Kind unbewusst angefangen. Ich war immer mit den Buben unterwegs und sie haben mich akzeptiert, so wie ich war.

Verena: Manchmal zu ihrem Leidwesen, wenn es wilder zu- und herging und sie mit blauen Flecken nach Hause kam.

Mia: Das kam vor. Aber ich wurde von den Buben sicher nie als schwächer angeschaut.

Wie ist die Situation heute?

Mia: Es gibt Männer, die kommen nicht mit selbstständigen Frauen klar. Teilweise regt es mich richtig auf, wenn ich mit klassischen Rollenbildern konfrontiert werde. Etwa im Schullager. Dort ist ja klar, wer den Abwasch erledigt – die Mädchen. Da wird einem bewusst, dass es noch ein weiter Weg bis zur Gleichstellung ist. Gleichstellung ist erst erreicht, wenn sie kein Thema mehr ist.

Verena: Es gibt wohl physische Grenzen, aber bestimmt nicht technische oder intellektuelle.
Wird das denn genug gelebt?
(Die beiden Frauen schauen sich an, schütteln den Kopf.)

Mia: Im Gegenteil. Für mich ist es erschreckend, wie wenig das gelebt wird. Und etwas anderes erstaunt mich.

Was?

Mia: Dass meine Generation das Bedürfnis, zu kämpfen, verloren zu haben scheint. Wir sind die Generation gleichgültig.

Woran liegt das?

Mia: Schwierig zu sagen. Vielleicht am Wohlstand der heutigen Gesellschaft? Wer alles hat, wird faul.

Verena: Ich spüre in der Gesellschaft tatsächlich eine gewisse Abhängigkeit vom Materiellen. Man hat ein Auto, man hat ein Haus, man hat dies und jenes. Das ist festgefahren und schränkt ein. Das Wort «man» gibt es bei uns nicht. Das gilt in allen Lebensbereichen, auch bei Rollenbildern.

Mia: Mein Bruder Jan und ich haben gelernt, das zu tun, was wir wollen – unabhängig davon, was irgendjemand von uns erwartet.

Machen Sie sich Hoffnung auf Besserung?

Mia: Es ist mal so, mal so. Ich bewege mich an der Schauspielschule in einem Umfeld von Menschen, die sich die gleichen Gedanken machen wie ich. Denen Themen wie Frauenrechte und Umweltschutz durchaus wichtig sind. Umso mehr fällt mir manchmal auf, dass Gleichstellung vielerorts eben gar nicht gelebt wird. Auch von Menschen, die sich eigentlich mit dem Thema befassen. Und sie nehmen das einfach hin.

Verena: In den 1980er-Jahren dachten wir auch, die Welt gehe unter und es ging weiter. Es ist bestimmt noch ein langer Weg. Gerade in der Arbeitswelt und Familienpolitik. Wir werden täglich mit Klischees konfrontiert. Wie der Handwerker, den ich anfangs erwähnt habe. Ich glaube aber, dass jedes Zeichen wahrgenommen und etwas ändern wird.