Mettauertal

Wegen Coronakrise: Aargauer Schausteller-Familie bangt um ihre Existenz

Die Schiessbude steht zu Hause: Roger und Sandra Hauri und ihr Sohn Raul müssen mit der Zwangspause klarkommen.

Die Schiessbude steht zu Hause: Roger und Sandra Hauri und ihr Sohn Raul müssen mit der Zwangspause klarkommen.

Die Coronakrise reisst ein Loch in die Kasse der Schausteller-Familie Hauri aus Mettauertal. Sie hoffen auf baldige Lockerungen.

Sohn Raul Hauri führt herum: «Da wohnen wir drin, wenn wir an den Wochenenden auf der Chilbi sind», sagt er. «Da steht das Kinderkarussell, da die Schiessbude, der Büchsenwagen und der Fadenziehwagen», erklärt der Vierjährige fachmännisch.

Er kennt all die Jahrmarkt-Attraktionen seiner Eltern ganz genau. Doch er kann nicht verstehen, warum sie dieses Jahr alle zuhause bleiben müssen. Hat wohl mit diesem komischen Corona zu tun.

25 bis 30 Veranstaltungen – «normalerweise»

Normalerweise wären die Hauris jetzt längst auf Achse. «Kommenden Freitag wäre eigentlich der Maienzug in Aarau gewesen», berichtet Sandra Hauri – abgesagt, wie so vieles schon seit der Krise. «Normalerweise sind wir das ganze Jahr über an 25 bis 30 Veranstaltungen in der Deutschschweiz», sagt sie. «Wenn wir Glück haben, können dieses Jahr noch sechs Märkte, Messen und Feste stattfinden. Aber nur, wenn ab 1. September wieder Anlässe mit mehr als 1000 Besuchern erlaubt sind.»

Was auch noch kommen mag, es wird das Loch in der Kasse der Hauris nicht mehr füllen. 2020 haben sie innerlich längst abgehakt. Im Saisongeschäft Schaustellerei muss in den Monaten April bis November das gesamte Jahreseinkommen reingeholt werden. Das wird 2020 nicht mehr klappen, auch nicht mit der Erwerbsausfallentschädigung der SVA. Das wissen sie.

Sandra Hauri, Schaustellerin, Etzgen: «An Regentagen haben wir ein schweres Los»

Sandra Hauri, Schaustellerin, Etzgen: «An Regentagen haben wir ein schweres Los» (2017)

Dieses Video ist im Rahmen der Serie «Lüt usem Aargau» erschienen. Hier gehts zum Dossier.

Kinderlachen als der grösste Lohn

Als Anfang 2020 Corona immer mehr zum Thema wurde, wussten sie auch gleich: Das wird uns existenziell treffen. Dann kam im März der Lockdown und mit ihm das Herumsitzen zuhause im Mettauertaler Ortsteil Etzgen. Untätig zu Hause zu sitzen, immer am gleichen Ort zu sein, ist für Schausteller wohl das Schlimmste. «Man will sich gar nicht daran gewöhnen, das macht einen fast krank», sagt Sandra Hauri.

Sie wollen unterwegs sein, die Freiheit geniessen, heute hier und morgen dort sein.  Sie wollen Gute-Laune-Bringer sein, die Tradition bewahren, Kinderlachen hören – für sie sicher der grösste Lohn in einem auch ohne Corona nicht einfachen Metier.

Die Hauris sind in Etzgen verwurzelt. Die Kinder Raul und Selina (8) gehen dort zur Schule. Nur an den Wochenenden dürfen sie mit Mami Sandra zu den Volksfesten und Jahrmärkten, wo Papa Roger unter der Woche allein die Stellung hält.

Auch Sandra Hauris Eltern, Rudolf und Maya Hauri, die vor 41 Jahren ins Schaustellergewerbe eingestiegen sind, haben das so geregelt. Sandra Hauri ist in Aarau zur Schule gegangen und hat dort mit einer KV-Lehre in der Stadtverwaltung einen kaufmännischen Beruf erlernt. Roger Hauri arbeitete vor seiner Einheirat in die Schausteller-­Familie in der Versicherungsbranche. Beide sind seit elf Jahren mit «Hauri Chilbi» selbstständig und lieben es.

Blick schon auf 2021 und 2022 gerichtet

So können sie sich eine Rückkehr in ihre «bürgerlichen» Berufe nicht vorstellen. «Die Schaustellerei ist doch unsere Existenz, wir müssen weitermachen», sagt Sandra Hauri. «Niemals haben wir ans Aufgeben gedacht, auch nicht in der schlaflosesten Nacht.» So richtet der Familienbetrieb den Blick schon jetzt auf 2021 und 2022, auf hoffentlich wieder «normale» Jahre.

Meistgesehen

Artboard 1