Quizfrage: Wo lebt Schriftsteller Christian Haller?

Der Weg zur Antwort vor 20 Jahren: Studier, studier, Lexikon konsultier, nichts. Prüfender Blick ins Bücherregal, ein Strahlen, ein Griff, sein Roman «Strandgut» könnte die Antwort an den Strand des Wissens spülen.

Der Weg zur Antwort heute: Griff zum Handy, Google-Suche, Zugriff auf Wikipedia, das «gegenwärtig meistbenutzte Online-Nachschlagewerk» (Wikipedia über Wikipedia).

Längst gehört ein Eintrag in der «freien Enzyklopädie» zum guten Ton, ja, ist ein Gradmesser für Relevanz. Wer keinen Eintrag hat, muss sich gewahr werden, dass er doch nicht so «in» ist, wie er das gerne hätte. (Tipp: Selbst ist der Wikipedianer.)

Geschichte als Schwerpunkt

Als relevant können unter obiger Definition alle Fricktaler Gemeinden eingestuft werden: Jede der 32 Kommunen verfügt heute über eine eigene Seite. Die az hat alle Einträge unter die Lupe genommen und dabei 14 Makroaufnahmen gemacht:

Alle Texte sind solide, klar strukturiert und meist stark auf die Dorfgeschichte fokussiert. Die neuere Geschichte ist bei den meisten Gemeinden ausgeblendet. Es scheint vielfach, also ob die Zeit um 1900 stehengeblieben sein. Einzig die Zahl der Einwohner (2013) und Betriebe (2008) ist überall aktuell.

Die ausführlichsten Dorfbeschreibungen bieten Möhlin und Rheinfelden. Dahinter folgen, rein umfangmässig betrachtet, Kaiseraugst und Laufenburg.

Unter die Haut gehen insbesondere jene Episoden, die aus dem (vergangenen) Leben erzählen, etwa die tragische Geschichte aus Hellikon. Hier stürzte bei der Weihnachtsfeier 1875 in der Schule das Treppenhaus ein; 76 Personen, meist Kinder, kamen ums Leben.

In den Dorfgeschichten verbirgt sich manch ein neckisches Detail. Zeiningen sollte 1869 50 000 Franken an den Bau der Bözbergbahn zahlen; als die Linienführung nachträglich geändert wurde, verweigerte die Gemeinde den Betrag.

Der Schreibstil ist nüchtern (was so sein muss), bisweilen allerdings etwas arg trocken. Die Artikel wirken bisweilen zu «entpersonalisiert».

Superlative haben in einer Enzyklopädie wenig verloren. Daran halten sich die Autoren auch mehrheitlich; nur bei der Verkehrsanbindung floss dem einen oder anderen schon einmal ein «ausgezeichnet» aus den Fingern. In Rheinfelden etwa (hier stimmts) oder in Stein (hier hätte ein «sehr gut» durchaus gereicht).

Die Lage der Gemeinde und ihre Verkehrsanbindung werden nicht selten etwas besser dargestellt, als sie sind. Wie man die Strecke von Schupfart nach Zürich in 30 Minuten schaffen soll, bleibt ein Rätsel – es sei denn, man chartert auf dem nahen Flugplatz einen Flieger. Der Routenplaner von Google rechnet mit 56 Minuten (ohne Verkehr 45 Minuten).

Updates fehlen

Die Formulierungen treffen es nicht immer ganz. Die Sulzer jedenfalls dürften wenig Freude daran haben, dass die (gleichberechtigte) Fusion mit Laufenburg als «Eingemeindung» dargestellt wird. Auch die Formulierung unter Eiken, die Gemeinde sei «verkehrsmässig erschlossen», ist nicht wirklich aussagekräftig.

Aktuelle Entwicklungen werden, abgesehen von statistischen Daten, selten abgebildet. So fehlt beispielsweise ein Verweis auf die Fusionsverhandlungen der vier Gemeinden im mittleren Fricktal.

Updates fehlen oft. Bei Laufenburg beispielsweise wird zwar erwähnt, dass Swissgrid ihren Sitz im Städtchen hat; dass das Unternehmen 2017 wegziehen wird, steht nirgends. In Kaisten wird die Kirche als Sehenswürdigkeit präsentiert; dass sich ein Besuch derzeit wenig lohnt, da die Kirche renoviert wird, erfährt der Leser indes nicht.

Die Fehlerquote ist klein. Ein Fehler – man kann auch sagen: einen Wunschtraum findet man bei Laufenburg: «Im Volleyball ist die Stadt mit Volley Smash05 Laufenburg-Kaisten in der Nationalliga A vertreten.» Tempi passati.

Wer eifrig Gemeindeseiten wälzt, wähnt sich schnell einmal im Film «Und täglich grüsst das Murmeltier». Viele Formulierungen – wie: «Die Versammlung der Stimmberechtigten, die Gemeindeversammlung, übt die Legislativgewalt aus. Ausführende Behörde ist der fünfköpfige Gemeinderat» – sind auf allen Seiten identisch.

Sich freuen dürfen sich die Gemeinderäte von Rheinfelden und Möhlin – sie sind die einzigen aus dem Fricktal, die namentlich erwähnt werden.

Der doppelte Rakitić

So eine Sache ist es mit den «Persönlichkeiten» (eine eigene Rubrik). Da gibt es die richtig Wichtigen: Albert I. von Habsburg (Rheinfelden) mag man dazu zählen, Erwin Rehmann (Laufenburg) auch oder alt Bundesrat Joseph Deiss (zumindest Ehrenbürger von Zeihen).

Da gibt es die Doppelten: Fritz-René Müller schafft es auf einen Eintrag unter Möhlin und Rheinfelden – wobei bei beiden vergessen geht, dass der christkatholische Bischof inzwischen emeritiert ist. Verfolgt fühlt man sich auch von Fussballstar Ivan Rakitić; er taucht ebenfalls unter Möhlin und Rheinfelden auf.

Da gibt es die Ungleichbehandelten: Regierungsrat Alex Hürzeler wird auf der Seite von Oeschgen erwähnt; seinen Amtskollegen Roland Brogli sucht man unter Zeiningen vergebens.

Da gibt es die «Wieso da?»-Abgebildeten: Während man Nationalrat Maximilian Reimann in Gipf-Oberfrick erwarten würde (wo er nicht auftaucht), entdeckt man ihn unter den Laufenburger Persönlichkeiten. Des Rätsels Lösung findet sich auf der Website des Nationalrates: Er besuchte in Laufenburg einen Teil der Primarschule.

Die Überraschenden: Einen «Kakteenhändler und -sammler» erwartet man nicht unbedingt in der Rubrik «Persönlichkeiten». In Wittnau ist es mit Werner Uebelmann der Fall. Er hat auch einen eigenen Wikipedia-Eintrag – hier sucht man den Wittnau-Stachel allerdings vergebens. Unerwartet ist auch der Eintrag unter Mumpf: Hier taucht die französische Schauspielerin Rachel auf – sie wurde 1821 in der Gemeinde geboren.

Summa summarum bieten die Wikipedia-Einträge einen kompakten, unaufgeregten Zugang, um sich eine erste Übersicht über eine Gemeinde zu verschaffen. Sie blicken an die Gemeinden heran, aber kaum je in sie hinein.

Ach ja: Laufenburg. So lautet die Antwort auf die Hallersche Quizfrage.