Fricktal
Was diese Beiden haben, darauf sind manche ihrer Kollegen neidisch

Christian Scheffel und Felix Furter leben dank des Pilotprojektes «Teilbetreutes Wohnen» in den eigenen vier Wänden. Verbrachten sie ihr bisheriges Leben in Wohngruppen, geniessen sie die neue Freiheit ausdrücklich.

Marc Fischer
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Felix Furter (l.) und Christian Scheffel wohnen im Rahmen eines Pilotprojektes der Stiftung MBF alleine in Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen, die von der Stiftung gemietet werden. mf

Felix Furter (l.) und Christian Scheffel wohnen im Rahmen eines Pilotprojektes der Stiftung MBF alleine in Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen, die von der Stiftung gemietet werden. mf

Christian Scheffel (31) und Felix Furter (42) sind Piloten. Nicht bei einer Airline – sondern für die Stiftung für Menschen mit einer Behinderung im Fricktal (MBF). Im Rahmen des Pilotprojekts «Teilbetreutes Wohnen» wohnen die beiden je in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung und organisieren ihr Leben weitestgehend selbst.

Stiftung MBF: «Schritt in eine neue Richtung»

Das Pilotprojekt «Teilbetreutes Wohnen» der Stiftung MBF läuft seit 9 Monaten. Nach dem ersten Quartal 2014 soll ein Fazit gezogen werden. Laut Katharina Hinnenberger ist das Projekt ein Schritt auf dem Weg in eine neue Richtung. Mit dem «teilbetreuten Wohnen» wolle die Stiftung MBF eine Brücke zwischen der Vollzeitbetreuung in Wohngruppen und dem «begleiteten Wohnen» schlagen, wie es beispielsweise von der Pro Infirmis angeboten werde. Beim «begleiteten Wohnen» können die Menschen mit einer Behinderung nur vier Stunden pro Woche auf eine Begleitung von Betreuern zurückgreifen und es gibt keinen «Notfalldienst» durch eine Wohngruppe. Die Wohnungen für das «teilbetreute Wohnen» werden von der Stiftung MBF angemietet. Die Klienten haben sich selber um die Wohnungssuche gekümmert und auch die Stiftung MBF hat Anzeigen geschaltet. «Es war bisher jedoch recht schwierig geeignete Wohnungen zu finden und mieten zu können», führte Hinnenberger weiter aus. Wie hoch die Kosten für einen Klienten sind, der am Projekt «Teilbetreutes Wohnen» teilnimmt, kann vor Abschluss der Pilotphase nicht beziffert werden. Laut Jean-Paul Schnegg, Geschäftsleiter der Stiftung MBF, ist aber das Ziel, dass die Kosten tiefer seien als für Klienten, die in Wohngruppen wohnen. (mf)

Seit neun Monaten wohnt Christian Scheffel in seiner eigenen Wohnung in Eiken und seit November hat Felix Furter seine eigenen vier Wände in Rheinfelden. Beide sind froh und glücklich, am Pilotprojekt der Stiftung MBF teilnehmen zu können. «Ich wohnte davor rund 30 Jahre lang in Wohngruppen», sagt Furter, «und seit sicher zehn Jahren wünsche ich mir eine eigene Wohnung.»

Noch intensiver war dieser Wunsch bei Christian Scheffel. Auch er wohnte davor in Wohngruppen der Stiftung MBF an verschiedenen Orten im Fricktal. «Ich wollte endlich das machen, was ich will. Selber waschen, putzen und einkaufen», sagt er und zieht ein positives Fazit der vergangenen neun Monate. «Ich hatte auch noch nie Reklamationen von Nachbarn, ich bin ein eher ruhiger Typ.»

Freiheit und Ruhe

Und wo liegen nun die grössten Vorteile der eigenen Wohnung? «In der Freiheit», antwortet Christian Scheffel spontan. «In der Ruhe und der Rückzugsmöglichkeit», ergänzt Felix Furter. Und dann kommen nach und nach weitere Vorzüge: Besuch empfangen, Wunschmenüs kochen, Platz für die Hobbys.

Insbesondere Christian Scheffel braucht dafür Platz: Im Wohnzimmer hat sich eine beeindruckende Anzahl an Lego-Technik-Modellen angesammelt, die er nach Feierabend zusammenbaut.

Felix Furter übt sein grosses Hobby ausserhalb der Wohnung aus. Er fotografiert leidenschaftlich gerne und ist neuerdings gar als Partyfotograf für ein Webportal tätig. Dadurch ist er auch am Wochenende viel unterwegs. Dennoch hat er keine Probleme, den Haushalt zu bewältigen: «Ich arbeite nur 80 Prozent in der Kleiderbügel-Gruppe der Stiftung MBF in Stein, den freien Tag nutze ich zum Putzen und Waschen.» Anders bei Christian Scheffel. Er arbeitet Vollzeit in der Stiftung Domino in Brugg - seit dieser Woche in der Kantine. «Den Haushalt muss ich eben nach Feierabend oder am Wochenende machen.»

Auch wenn die beiden Männer ihren Alltag nun weitestgehend alleine bewältigen, sie werden weiterhin von der Stiftung MBF betreut. Rund sechs Stunden pro Woche stehen Mitarbeiter der nahegelegenen Wohngruppen zur Verfügung und bei möglichen Notfällen wären die Betreuer bald vor Ort.

Katharina Hinnenberger, Leiterin Wohnen – Ateliers bei der Stiftung MBF, hat nur lobende Worte über die Selbstständigkeit der beiden Klienten: «Sie haben schon in den Wohngruppen bewiesen, dass sie gut für sich sorgen können. Ich denke aber, dass die Kontakte zu den Betreuern positiv sind, und sei es nur, um über den Alltag und mögliche Probleme sprechen zu können.»

Felix Furter bestätigt dies und gibt zu: «Ganz alleine zu wohnen, hätten mir meine Eltern nicht erlaubt.» Obwohl: «Ich kann alles selber. Hilfe brauche ich wegen meiner Hand nur beim Nägelschneiden und Schuhebinden.» Für Letzteres aber hat er eine einfache Lösung parat. Wenn nötig frage er Menschen auf der Strasse, so Furter, es sei kein Problem, hilfsbereite Menschen zu finden.

Und wie fallen die Reaktionen der ehemaligen Wohngruppen-Kameraden aus? Herrscht kein Neid? «Sie begegnen mir schon etwas anders», hat Felix Furter gespürt. Und Katharina Hinnenberger fügt an: «Es gibt sicher viele, die den Wunsch verspüren, alleine zu wohnen. Viele haben aber auch Bedenken, ob sie dann wirklich alles alleine schaffen. Wir von der Stiftung MBF gehen die Sache bewusst langsam an und wollen aus dem Pilotprojekt noch weitere Erkenntnisse gewinnen.»