Knaben, die aussehen wollen, wie Justin Bieber, Mädchen, die sich an Vorbildern aus Hollywoods Glitzerwelt orientieren: An diese Jugendlichen richtet sich die Pro-Juventute-Kampagne «Echtes Leben». Und eine erste Bilanz von Pro Juventute zeigt, dass die Kampagne und der damit verbundene Slogan «Viele Ideale haben nichts mit dem echten Leben zu tun» Themen anspricht, welche die Jugendlichen beschäftigen.

In den letzten drei Monaten haben sich durchschnittlich vier Jugendliche täglich mit Problemen aus den Bereichen «Aussehen/Körper» und «Selbstwertgefühl» bei der Notrufnummer 147 gemeldet. Acht Prozent mehr als im Vergleichszeitraum im Vorjahr, wie Pro Juventute in einem Communiqué schreibt.

Verbreitete Problematik

Auch Daniela Dietrich, weiss, dass die Themen Aussehen und Selbstwertgefühl die Jugendlichen beschäftigen. Dietrich ist Bereichsleiterin des Schulsozialdienstes, der in den Bezirken Rheinfelden und Laufenburg an 21 Schulhäusern in 14 Gemeinden tätig ist. Ein frappanter Anstieg in den letzten Monaten ist ihr allerdings nicht aufgefallen, wie sie gegenüber der az erklärt, «aber in den letzten drei, vier Jahren ist der Anstieg deutlich.» Und die Probleme sind weit verbreitet: «In allen 21 Schulhäusern tauchen die Fragen immer wieder auf», so Dietrich.

Sie hat festgestellt, dass Mädchen mit Migrationshintergrund vergleichsweise häufiger betroffen sind und Schönheitsidealen nacheifern. «Möglicherweise liegt dies darin begründet, dass Mädchen in gewissen Familien um Ansehen kämpfen und versuchen, das über das Aussehen zu erreichen.»

Neben den Vorbildern aus der Model-Welt, denen laut Daniela Dietrich derzeit noch vor allem Mädchen nacheifern, spielen auch die verschiedenen Social-Media-Kanäle eine Rolle. «Auf Facebook werden nur die schönen Erlebnisse gepostet und meist machen nur die gut aussehenden Jugendlichen Selfies und stellen sie ins Internet», führt Dietrich aus. «Die anderen Jugendlichen fragen sich dann: ‹Warum bin ich nicht so? Was mache ich falsch?›» Dabei entspreche das auf den ersten Blick perfekte Leben nicht der Realität. «Aber die negativen Dinge werden einfach nicht hochgeladen und der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht.»

Daniela Dietrich betont aber auch, dass nicht immer das Aussehen für Selbstzweifel verantwortlich sei. «Gerade in der Oberstufe sorgen schlechte Noten, schlechte Beurteilungen nach Schnupperlehren oder Absagen auf Bewerbungen für ein schlechtes Selbstwertgefühl.»

Und was rät Daniela Dietrich den Teenagern, die mit ihren Problemen zu ihr kommen? «Es geht immer wieder darum, den Jugendlichen zu zeigen, dass es nichts nützt, sich zu verstellen, um anderen zu gefallen.» Für Mädchen bietet Daniela Dietrich in Kaiseraugst, wo sie tätig ist, zudem auch spezielle Workshops an, in denen sie lernen, sich selber zu akzeptieren.

Problemfeld digitale Medien

Neben den Problemfeldern Aussehen und Selbstwertgefühl nimmt derzeit die Nutzung der digitalen Medien viel Raum in der Alltagsarbeit des Schulsozialdienstes ein. An der Kreisschule Unteres Fricktal beispielsweise ist «Cybermobbing», also das Belästigen und Beleidigen eines anderen mit elektronischen Kommunikationsmitteln, das Jahresthema. Derzeit entwerfen die Schülerinnen und Schüler der Schule laut Daniela Dietrich Präventionsplakate, die für das Thema Cybermobbing sensibilisieren sollen.