Gansingen

Warum dieser Imker auf möglichst viele Läuse hofft

© Thomas Wehrli

Thomas Senn bereitet seine Bienen auf das neue Flugjahr vor – und hofft auf viele Tannenläuse. Denn nur so gibt es den besten Waldhonig.

Thomas Senn ist in seinem Element. Der 74-jährige Imker öffnet einen seiner Bienenkästen, nimmt eine Wabe heraus, wirft einen prüfenden Blick darauf, nickt, zeigt auf eine der Bienen mit einem blauen Punkt. «Die Königin.» Auf der Wabe krabbeln derweil Hunderte anderer Bienen herum, unbepunktet.

Die Bienen von Thomas Senn haben derzeit volles Programm. «Die Königin legt im Frühling bis zu 2000 Eier pro Tag», erzählt der pensionierte Lehrer, der seit 1979 imkert. Sein Vater hat ihn einst in die Kunst des Imkerns eingeführt – und durch Fortbildungskurse sind die Bienen, in die er pro Woche unzählige Stunden investiert, seine Leidenschaft geworden. «Mein Job nach dem Job», sagt er schmunzelnd.

Bis Mitte Juni werden die Völker, die im Winter rund 8000 Bienen zählen, auf über 50 000 Bienen anwachsen. «Eine Explosion», umschreibt es Senn, oder wohl eher: eine Implosion. Auf die 23 Völker, die Senn rund um Gansingen gestellt hat, hochgerechnet, heisst das: gut eine Million Arbeiterinnen. Zehn Prozent sind derzeit unterwegs, um Honig zu produzieren und Pollen zu sammeln. «Im Schnitt gibt es an die 500 Kilo Honig im Jahr», sagt Senn. In ganz guten Jahren, wie es 2013 war, können es auch mal 1000 Kilo sein.

In der Winterruhe gestört

Wie das Honigjahr 2016 wird, lasse sich noch nicht sagen. «Der milde Winter hat dafür gesorgt, dass etliche Völker auch in der kühleren Jahreszeit gebrütet haben», erzählt Senn. Das sei «suboptimal», gerade auch, weil sie im Winter Ruhe haben und sich nicht mit der Brut beschäftigen sollten – und weil sich ein warmer Winter auf das Auftreten der Varroamilben auswirkt. In den bald 40 Jahren, in denen Senn imkert, hat sich ihm eine Faustregel oft bestätigt: «Brüten die Bienen im Winter, gibt es ein varroareiches Jahr.»

Thomas Senn versucht, den Befall der Völker neben chemischen Mitteln – er setzt Ameisen- und Oxalsäure ein – auch mit dem sogenannten Drohnenschnitt möglichst gering zu halten. Er bemerkt den Blick des Journalisten, der irgendwo zwischen stutzig und fragend mäandert, lacht und fügt hinzu: «Die Drohnenbrut dauert 24 Tage, jene der Bienen nur 21 Tage.»

Da es die Varroamilben aufgrund der längeren Brutzeit bevorzugt auf die Drohnenbrut abgesehen haben – gänzlich unimkerisch formuliert: Die Milben lieben die Drohnen heiss – hängt Senn zu Beginn der Brutzeit drahtlose Rahmen in den Stock. Die Königin legt die unbefruchteten Drohneneier in diesen Rahmen. Da würden die männlichen Bienen schlüpfen. Senn nimmt diese speziellen Rahmen zwei- bis dreimal heraus und vernichtet die Brut – und mit ihr «einen grossen Teil der Milben». Gänzlich milbenfrei, das ist sich Senn bewusst, bekommt man einen Stock nie.

Während Senn an den Bienenkästen herumhantiert, fliegen nur wenige Bienen herum – und auch diese mit angezogener Handbremse. «Es ist zu kalt zum Fliegen», erklärt Senn. Bei einer Aussentemperatur von unter zwölf Grad läuft, flugtechnisch, kaum etwas. «Die Kälte ist nicht gut, denn derzeit sind viele Pflanzen in der Blüte.»

Das Nicht-Fliegen bedeutet zweierlei: Erstens werden die Blüten weniger bestäubt, was zu geringeren Erträgen bei Kirschen und anderen April-Blühern führen kann.

Wichtige Daten per Computer

Zweitens fressen die Bienen das Gesammelte selber wieder auf, da sie hungrig sind – und jeden Tag viele hundert neue hungrige Mäuler hinzukommen. Später, zu Hause im Büro, fährt Senn den Computer hoch, geht auf eine Seite, welche die Messungen aus dem Bienenstock Nummer 26 darstellt. Tagestemperaturen, Luftfeuchtigkeit und das Gewicht des Stockes. In den letzten Tagen häufen sich die roten Einträge, die eine Gewichtsabnahme darstellen – weil die Bienen ihre Vorräte futtern.

Senn hofft, dass es bald wieder wärmer wird. Denn das Trachtangebot, also die nektarspendenden Blüten, «ist gut und wartet nur darauf, beflogen zu werden». Derzeit blüht auch der Raps. Die senfgelben Felder sind eine ergiebige Nektarquelle.

Und auf noch etwas hofft der pensionierte Lehrer: «Auf möglichst viele Läuse.» – «Läuse?», tönt es ungläubig zurück. Senn setzt ein spitzbübisches Grinsen auf. Ja, erklärt er, denn Blattläuse ernähren sich vom Saft aus den Siebröhren von Weisstannen. Sie scheiden dabei den sogenannten Honigtau aus, den die Bienen sammeln und einlagern. «Daraus entsteht bester Waldhonig und meist in guten Mengen.»

Auch Unterkühlte stechen

Thomas Senn schliesst den Bienenkasten, steigt in seinen roten Berlingo. Auf der Rückfahrt, zwischen Bienen-Anekdoten und Honig-Geschichten, bekommt der Schreibende schmerzlich zu spüren: Auch unterkühlte Bienen können stechen.

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