Laufenburg

Warum an der Fasnacht die Würste fliegen

Das Verteilen von Wurst und Wecken an Kinder ist seit langem Teil der närrischen Tradition. Reichhaltige Gerichte gehören aber schon viel länger zur fünften Jahreszeit

In Laufenburg geht es während der Fasnacht auch um die Wurst. «S’isch Fasnacht, s’isch Fasnacht, d’Buure fresse Würst», erschallt es da lautstark beim traditionellen Narrolaufen am Fasnachtsdienstag. Und gleich darauf fliegen Dutzende von Würsten und Wecken in die lauthals mitsingende Publikumsmenge am Strassenrand.

Selbst neugierige Zuschauer, die oben aus den Fenstern ihrer Häuser dem bunten Treiben zuschauen, müssen achtgeben, denn auch zu ihnen hinauf werfen die Narronen ihre Geschenke. Wer die Esswaren nicht schnell und geschickt genug auffängt, der bekommt sie quasi frei Haus ins Wohnzimmer geschleudert.

Überhaupt: Um an die Wurst zu kommen, unterstellt man im Gebiet der alemannischen Fasnacht vielerorts gleich der gesamten Berufsgruppe der Metzger notorische Knausrigkeit, gibt ihr aber zugleich die Möglichkeit, das Gegenteil zu beweisen: «Giizig, giizig isch de Metzg, und wenn de Metzg nit giizig wär, no gäb er au es Würschtli her.»

«Wie tanze die Narre»: Beim Narrolaufen in Laufenburg gibts Orangen und Würste fürs Volk.

«Wie tanze die Narre»: Beim Narrolaufen in Laufenburg gibts Orangen und Würste fürs Volk.

Video von der Fasnacht 2015.

Eine solche Provokation hat in der Regel das gewünschte Ergebnis. Das muss auch so sein, denn wie heisst es doch in verschiedenen Redensarten aus der Region: «Wer am schmutzigen Donnerstag fettes Fleisch isst, bleibt bei gutem Aussehen.» Auch die handfeste Anweisung «an der Fasnacht soll man so oft essen, wie der Hund mit dem Schwanz wedelt», lässt erkennen, dass die Fasnacht neben Ostern und Weihnachten eine Zeit des lebensfrohen und genussfreudigen Tafelns darstellte.

Beim Narrolaufen in Laufenburg fliegen Orangen, Wecken und Würste durch die Luft. Archiv/chr

Beim Narrolaufen in Laufenburg fliegen Orangen, Wecken und Würste durch die Luft. Archiv/chr

Aber nicht nur in Laufenburg, auch in Bad Säckingen gibt der Narrenpolizist als sichtbarer Ordnungshüter am ersten Faissen in aller Frühe und aus vollem Hals bekannt. «De Narresome» kriegt «Wurst und Wegge». Und so reissen sich Jung und gelegentlich auch Alt nach dem Aufstellen des Narrenbaums auf dem Marktplatz um dieses seit 1924 bestehende kulinarische Gewohnheitsrecht, für das die Narrenzunft Bad Säckingen alljährlich Geld aus ihrem Säckel nimmt.

«Fleisch, leb wohl»

Dass es zur Fasnacht früher nicht nur um eierhaltige Schmalzgebäcke, sondern auch um üppige Fleischspeisen und fette Würste ging, macht Sinn, wenn man sich vor Augen führt, dass die kirchlichen Fastenvorschriften vom Aschermittwoch an doch für immerhin 40 Tage den Konsum von Fleisch und Wurst verboten.

Eine von Papst Gregor dem Grossen im Jahr 590 eingeführte Weisung zur Fastenzeit ist in dieser Hinsicht wunderbar eindeutig: Untersagt wird in Erinnerung an den Fleischestod Jesu in erster Linie der Genuss von warmblütigen Tieren wie überhaupt die mehrmalige Sättigung am Tag. Und rund 200 Jahre später hiess es anlässlich der Synode von Paderborn (um 785) ganz ähnlich: «Wer die 40-tägige Fastenzeit aus Verachtung des Christentums nicht hält und Fleisch isst, soll sterben.» Schmalz, Butter, Eier, Käse und Milch waren als tierische Produkte ebenfalls verboten – sie galten als «flüssiges Fleisch». Schmale Kost also für einen klaren Geist und zum Wohlgefallen der Kirche. Das macht auch der gängige Begriff «Karneval» deutlich, denn im Kirchenlatein bedeutet «carnislevamen» so viel wie «Fleischwegnahme». Im zehnten Jahrhundert entwickelte sich daraus das leichter auszusprechende «carnelevare», später italienisch «carnevale». In Deutschland ist das Wort «Karneval», das scherzhaft mit «Fleisch, leb wohl» übersetzt wurde, seit 1699 bezeugt. 

Fasnacht in Laufenburg 2018:

Das vorösterliche Fleischverbot stellte demnach einen radikalen Einschnitt in das Wirtschaftsjahr dar. Damit galt die Fasnacht lange Zeit als letzter Termin vor dem Beginn der Fastenzeit, um noch einmal zu schlachten und sich den Bauch mit Fleisch oder fetten Würsten vollzuschlagen. Bei der (ländlichen) Bevölkerung war die Freude darüber gross.

Auch das adelige Damenstift Säckingen richtete seinen Speiseplan danach aus. Hier sind seit Mitte des 15. Jahrhunderts immer wieder Sonderausgaben für «gebrattn fleisch zu fassnacht» verzeichnet, meist handelte es sich dabei um Kalbfleisch. Anno 1568 speisten die Stiftsdamen ausnahmsweise «gans vnd spanfercelin» zur Fasnacht und nach 1648 stand wiederholt ein «feist schwin» auf dem Tisch.

Es geht um die Wurst

Eine weitere Form der Fleischverwertung waren die zahlreichen Bettel- oder Heischeumzüge der dörflichen und kleinstädtischen Narren, die von den (wohlhabenderen) Haushalten mit grossen Würsten, Speck und Schinken beschenkt wurden. Vom rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt her ermöglichte das Leuten mit geringem Einkommen ein bescheidenes Zubrot und bot beispielsweise Dienstboten, Handwerkern, aber auch Lehrern und Geistlichen die Möglichkeit, ja sogar die Notwendigkeit, Fehlendes auszugleichen.

Vor allem Geistliche waren aufgrund ihres geringen Gehalts, besonders vor Einführung der Kirchensteuer Ende des 19. Jahrhunderts, auf solche Lebensmittelspenden angewiesen. Ein Brauch also, der durchaus ein Gaudium war, in erster Linie aber sozialen und wirtschaftlichen Charakter hatte. Heute sind die Brauchträger, wenn überhaupt, Kinder und Jugendliche.

Und da ja eine bis heute bekannte Spruchweisheit aus dem schwäbisch-alemannischen Raum bezeugt, dass es zur «luschtig(en) Fasnachtszeit» eben «Brotwürst rägnet», nimmt man das Recht auf Wurst und Wecken auch heute noch gerne in Anspruch, selbst wenn man oft nicht mehr so genau weiss, warum.

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