Wachstum
Bis 2050 knackt das Fricktal die 100'000- Einwohner-Marke – und wächst nicht nur in den Zentren

Das Fricktal wird auch in den nächsten Jahren wachsen. Das zeigen die Bevölkerungsprognosen des Kantons. Vom Wachstum betroffen sind nicht nur die Zentrumsgemeinden – die steigenden Preise dort sorgen dafür, dass Wohnraum auch in ländlicheren Gebieten gefragter wird. Das Wachstum aber sorgt auch für Herausforderungen.

Thomas Wehrli
Drucken
Teilen
In Rheinfelden entstanden in den letzten Jahren gleich mehrere Grossüberbauungen wie der Salmenpark und das Furnierwerk.

In Rheinfelden entstanden in den letzten Jahren gleich mehrere Grossüberbauungen wie der Salmenpark und das Furnierwerk.

Gerry Thönen (12. September 2020)

Das Fricktal wächst – und es wächst schnell. Dies zeigt eine Auswertung der Bevölkerungsstatistik. In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Einwohner in den Bezirken Laufenburg und Rheinfelden von 63384 auf 81479 gestiegen. Das entspricht einem Plus von satten 28,5 Prozent.

In absoluten Zahlen war das Wachstum dabei im Bezirk Rheinfelden grösser als jenes im Bezirk Laufenburg. Im Bezirk Laufenburg lebten vor 20 Jahren 25922 Personen, Ende letzten Jahres waren es 33296 – ein Plus von 7374 Personen. Im Bezirk Rheinfelden stieg die Zahl der Einwohner im gleichen Zeitraum von 37462 auf 48183, was einem Plus von 10721 Einwohnern entspricht.

Die unterschiedlichen Zahlen erstaunen wenig, denn mit Rheinfelden, Möhlin und Kaiseraugst verfügt der Bezirk über drei Gemeinden mit sehr hoher Wachstumsdynamik. Allerdings, und das erstaunt auf den ersten Blick, ist das prozentuale Wachstum in beiden Bezirken nahezu gleich. Gerade für das eher ländliche obere Fricktal hätte man eine niedrigere Wachstumsrate erwartet.

Starke Nachfrage treibt die Preise nach oben

Woran liegt es? Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Zum einen drückt die hohe Nachfrage nach Wohnraum im unteren Fricktal – und hier insbesondere in den Gemeinden rund um Rheinfelden – den Preis für Eigentums- wie für Mietwohnungen nach oben.

Wer sich diese Preise nicht leisten kann oder nicht leisten will, weicht auf andere Gemeinden aus und nimmt für ein «besseres» Kosten-Nutzen-Verhältnis auch einen längeren Arbeitsweg in Kauf.

Aufgrund der Preis- und Angebotsstruktur für Wohnraum im unteren Fricktal ist deshalb heute auch eine Weitung des Basler Suchrayons auf das obere Fricktal feststellbar. Davon profitieren in erster Linie die Gemeinden an der Bözberg- respektive der A1-Achse, denn hier ist die Anbindung an den (öffentlichen) Verkehr – für viele ein wichtiges Argument – top.

Doch auch Gemeinden abseits dieser Achsen können profitieren, denn in den Seitentälern bietet sich gerade für Familien die Möglichkeit, sich den Traum vom Eigenheim erfüllen – und sich finanziell auch leisten zu können. Während man in Frick kaum noch ein Einfamilienhaus findet, das weniger als eine Million Franken kostet, kommt man in den Seitentälern, mit etwas Glück, deutlich günstiger davon.

Wachstumskritik erfasst Zentrumsgemeinden

Die Wachstumsdynamik hat sich in den letzten zehn Jahren gegenüber den ersten zehn Jahren in diesem Jahrtausend verlangsamt; die Wachstumsrate betrug zwischen 2000 und 2010 15,4 Prozent, in den letzten zehn Jahren lag sie bei 11,4 Prozent.

Das hängt mit dem Angebot an neuem Wohnraum zusammen, aber auch mit einer wachsenden Wachstumskritik und dadurch verzögerten oder verunmöglichten Projekten. Besonders deutlich ist diese Wachstumskritik in Möhlin zu spüren. Hier scheiterte der Gemeinderat an den Gemeindeversammlungen schon mehr als einmal mit entsprechenden Projekten.

Wie gut abgestützt die wachstumskritischen Kreise heute sind, zeigte sich auch bei den Gemeinderatswahlen vor zwei Wochen: Mit Hans Metzger und Loris Gerometta schafften zwei Kandidaten den Sprung ins Gremium, die unkontrolliertem Wachstum gegenüber kritisch eingestellt sind. Sie wollen ein qualitatives Wachstum und verstehen darunter «eine Weiterentwicklung in den bereits bestehenden Bauzonen», wie sie selber schreiben.

Die Wachstumskritik erfasste zuerst Gemeinden im unteren Fricktal, ist aber, wie die Bevölkerungsbewegung, inzwischen ins obere Fricktal geschwappt.

Hier äussert sie sich, wenig verwunderlich, besonders akzentuiert in der Zentrumsgemeinde Frick. Das Dorf wachse zu schnell, hört man immer wieder – verbunden mit der Forderung, das Wachstum zu kontrollieren.

Das ist allerdings ein schwieriges Unterfangen, denn die Gemeinde hat primär Einfluss auf die Rahmenparameter, also beispielsweise darauf, ob ein Gebiet erschlossen wird oder nicht, kaum aber auf den Bebauungszeitpunkt. Aktuell sind in Frick Projekte in der Pipeline, die dem Dorf ein Bevölkerungswachstum von gegen 500 Einwohnern bescheren werden. Das Dorf dürfte somit in den nächsten Jahren bevölkerungsmässig um rund zehn Prozent wachsen.

Die Wachstumskritik wird mit zunehmenden Bevölkerungsdruck weiter zunehmen. Dies betrifft nicht nur die Zentrumsgemeinden, sondern zusehends auch Landgemeinden, denn auch hier haben Einwohner Angst, die Gemeinde könne das Wachstum nicht verkraften.

Immer öfter hört man auch Stimmen, die vor einem Identitätsverlust und einer zunehmenden Anonymisierung warnen.

Doch führt ein Weg am Wachstum vorbei? Kaum, denn dieses bringt den Gemeinden nicht nur zusätzliches Steuersubstrat und damit Handlungsfreiheit, sondern ist auch eine demografische Notwendigkeit. Die Bevölkerung wächst – und braucht Raum, um leben zu ­können.

Bezirk Rheinfelden wächst um 28 Prozent

Dies zeigen auch die Bevölkerungsprognosen des Kantons. Er hat im letzten Jahr ein Projektionsmodell entwickelt, das die Bevölkerungsentwicklung zwischen 2020 und 2050 abbildet.

Danach steigt die Zahl der Einwohner im Bezirk Rheinfelden bis 2050 auf knapp 62000 Einwohner, was einem Plus gegenüber heute von 28 Prozent entspricht. Der Bezirk Laufenburg zählt, stimmt die Exploration, in dreissig Jahren knapp 41000 Einwohner – das entspricht einem Plus gegenüber heute von 23,1 Prozent. Damit wird das Fricktal bis 2050 die 100'000er-Marke knacken.

Die ist Politik bereits heute gefordert. Es gilt, in den Gemeinden zu diskutieren, wie man mit dem Wachstum umgehen will und wie viel Wachstum man wie will.

Dies ist wichtig, damit das Wachstum für die Gemeindeinfrastruktur verkraftbar bleibt – und, noch wichtiger, damit es von der Bevölkerung mitgetragen wird.

Einen Wachstumssprung wird der Bezirk Laufenburg bereits in drei Monaten nehmen. Dann fusionieren Bözen, Hornussen, Effingen und Elfingen zur Gemeinde Böztal.

Während Hornussen bereits im Bezirk Laufenburg liegt, kommen die drei anderen Gemeinden aus dem Bezirk Brugg hinzu. Nimmt man die aktuellsten beim Kanton verfügbaren Zahlen, jene von Ende Juni 2021, zählte der Bezirk Laufenburg 33539 Einwohner. Mit den drei neuen Gemeinden – oder dann besser: Ortsteilen werden es 35118 Einwohner sein – ein Plus von 4,7 Prozent.

Aktuelle Nachrichten