Die junge Familie nimmt, wie viele, einen Kredit auf, der zu einem nächsten führt und am Schluss stehen sie mit über 50'000 Franken in der Kreide. Das geht gut – bis Ilir, 36, seine Stelle als Lagerist verliert. Nicht weil er einen schlechten Job gemacht hat, im Gegenteil: Sein Arbeitgeber ist stets zufrieden mit ihm. Doch die Firma streicht 150 Stellen. Wo einst Menschen arbeiteten, stehen nun Roboter.

Ilir, der wie seine Frau aus dem Kosovo stammt, findet zwar schnell temporär wieder eine Stelle und auch Fatima, 34, arbeitet. Damit sie trotzdem für ihre drei Kinder – fünf, neun und elf – da sein kann, geht sie jedes Wochenende in ein Spital putzen. Auch jetzt wieder, über Weihnachten und Neujahr. «Das ist gut so», sagt sie. 2000 Franken verdient sie pro Monat, Kinderzulage inklusive.

Die Familie ist sparsam, die Kinder hören oft, wenn sie zu Hause erzählen, was ihre Gspänli wieder alles zu Weihnachten bekommen haben, wo sie am Wochenende mit ihren Eltern waren: «Eines Tages kaufen wir das auch.» Oder: «Schon bald unternehmen wir das ebenfalls.»

Da das Geld trotz allem nicht ganz reicht, muss die Familie Sozialhilfe beantragen. «Dieser Schritt fiel uns schwer», erzählt Fatima. Denn er kratzt am Stolz, am Ego. Das Sozialamt stellt einen Finanzplan auf, schaut, dass die Familie möglichst wenig Sozialhilfegelder braucht. In der Regel reichen 200 bis 300 Franken im Monat. «Je weniger man braucht, desto besser», sagt die Leiterin des Sozialamtes.

Denn die Sozialhilfegelder müssen zurückbezahlt werden. «Die Familie arbeitete super mit», sagt die Leiterin des Sozialamtes. Das sei nicht selbstverständlich. Sie spart, wo sie kann. Denn sie will möglichst schnell wieder raus aus der Sozialhilfe, raus auch aus der Schuldenfalle, in der sie steckt.

Nur einen grossen Wunsch haben die Eltern, einen «Luxus» würden sie gerne haben. Nicht für sich. Für die Kinder: «Wir möchten, dass unsere Kinder Nachhilfeunterricht nehmen können», sagt Fatima beim Treffen vor einem Jahr zur AZ. Denn sie sollen dereinst einen besseren Start ins Leben haben, einen «ohne finanzielle Sorgen», sagt Ilir. Und das heisst: einen Start mit einer soliden Ausbildung. Ilir und Fatima hatten diese Chance nicht. Ilir kam 1999 während des Kosovokrieges als Familiennachzug in die Schweiz. Fatima lernte er fünf Jahre später kennen, als er im Kosovo auf Verwandtenbesuch war.

Nach Erscheinen des Artikels geschieht ein kleines Weihnachtswunder, wie es zum Glück noch immer ab und an vorkommt: Ein AZ-Leser, der namentlich nicht genannt sein will, steht unvermittelt im Büro und übergibt ein Couvert mit 1100 Franken. 100 Franken seien für Weihnachtsgeschenke, sagt er, der Rest für den Nachhilfeunterricht. Zusammen mit dem Sozialamt stellt die AZ sicher, dass das Geld wirklich für Nachhilfeunterricht eingesetzt wird.

Ein Jahr später. Fatima steht unter der Tür, lacht. Sie sieht zufriedener aus als vor einem Jahr, entspannter. Ja, es gehe der Familie gut, sagt sie. Ilir ist nicht zu Hause – «er hat wieder einen richtigen Job», freut sich Fatima. Ilir arbeitet seit einem halben Jahr bei einem Transportunternehmen als Chauffeur. «Wir sind so glücklich.»

Sozialhilfegelder zurückbezahlt

Seither zahlt die Familie die bezogenen Sozialhilfegelder zurück. Monat für Monat, so viel, wie es geht. «Gestern war ich zum letzten Mal auf dem Sozialamt», sagt Fatima nicht ohne Stolz. Die Familie hat alle Sozialhilfebezüge zurückbezahlt, bestätigt die Leiterin des Sozialamtes. Fatima blickt sich in der einfach eingerichteten Wohnung um, nickt. «Jetzt sind wir finanziell wieder selbstständig. Das ist ein gutes Gefühl.»

Ein grosser Wermutstropfen allerdings bleibt: der Kredit. Denn das Kreditunternehmen hat, nachdem die Familie die monatlichen Raten nicht mehr bezahlen konnte, die Betreibung eingeleitet. Mit dem Wegfall der Sozialleistungen muss nun der Kredit Monat für Monat abgestottert werden. Die Löhne der beiden gehen somit direkt zum Betreibungsamt. Ausbezahlt bekommen sie das Existenzminimum.

Fatima will dennoch nicht klagen. «An der Situation sind wir zum Teil ja selber schuld. Das müssen wir nun halt ausbaden.» Nur eines ist ihr wichtig: Dass die Kinder, vor allem die beiden schulpflichtigen, nicht darunter leiden. Sie hätten dank dem Nachhilfeunterricht «riesige Fortschritte» gemacht, sagt Fatima.

Am Anfang schickte sie beide Töchter in die Nachhilfe. Doch schnell zeigte sich: So reichen die 1000 Franken kein halbes Jahr. Denn eine Stunde kostet 12 Franken und bei je zwei Stunden pro Woche verschlingt die Nachhilfe 200 Franken im Monat.

«Schweren Herzens», wie Fatima sagt, habe sie mit ihrem Mann dann entschieden, dass nur noch die ältere Tochter, die jetzt in der fünften Klasse ist, in den Nachhilfeunterricht geht. «Sie hat es nötiger», sagt Fatima. Denn ihr kann sie selber weniger helfen als der jüngeren Tochter. Vor allem im Deutsch sei sie keine grosse Hilfe, weiss Fatima, lacht. «Aber zumindest in Mathe bin ich stark.» Sie schaue gut auf ihre Töchter, bestätigt die Leiterin des Sozialamtes.

Die 1000 Franken sind inzwischen aufgebraucht. «Mein grösster Wunsch ist es, dass beide Kinder die Lernhilfe bekommen, die wir ihnen nicht geben können», sagt Fatima, blickt verlegen zu Boden. «Superschön wäre es, wenn sie sogar drei- oder viermal pro Woche in die Nachhilfe gehen könnten. Beide.»

Dass es sich lohnt, zeigt sich an den Leistungen der älteren Tochter. Die Lehrer sind mit ihr vollauf zufrieden. «Wenn sie so weitermacht, kann sie sogar an die Bezirksschule», sagt die Leiterin des Sozialdienstes.

Fatima ist stolz auf ihre Kinder, das spürt man deutlich. «Mir ist es wichtig, dass sie möglichst unbeschwert aufwachsen können.» Da stecke lieber sie und ihr Mann einmal mehr zurück. Etwa, damit die Töchter Sport treiben können.

«Wer weiss», sagt Fatima bei der Verabschiedung mit einem schüchternen Lächeln auf dem Gesicht. «Wer weiss, vielleicht wiederholt sich das Weihnachtswunder ja.» Wir stehen schon unter der Türe, da sagt Fatima: «Warten Sie», geht ins Wohnzimmer und kommt mit einem Päckchen zurück. «Das wollen Ihnen die Kinder schenken.»

Zurück im Büro packe ich die beiden in Papierservietten eingepackten Geschenke aus. Einen Weihnachtselch und einen selbst gebastelten Kerzenuntersatz. Im Begleitbrief steht: «Hallo. Danke für deine Unterstützung. Du hast uns sehr geholfen. Wir sind sehr dankbar.»