Das Gewerbe entlang der Grenze ist gefordert. Neben dem Online-Handel, der in allen Regionen an Marktanteilen gewinnt, sorgt hier der starke Franken – und damit die Einkäufe im nahen Ausland – für Kopfzerbrechen. Dies zeigt eine Umfrage der az unter Fricktaler Gewerbevereinen zu den Chancen und Risiken im 2017.

Vor allem der Detailhandel spüre den starken Franken, sagt Fritz Gloor, Präsident des Gewerbevereins Rheinfelden. Johannes Oehler vom Handwerker- und Gewerbeverein Stein spricht sogar von einer «massiven» Belastung des Detailhandels durch die Grenz-Einkäufe. Für Albert Zuber, Präsident des Gewerbevereins Magden, wird sich an dieser Situation vorerst auch nichts ändern. «Wir können uns nur abheben mit unserem Know-how, der Serviceleistung und engagiertem Marketing.»

Franziska Bircher, Präsidentin von Gewerbe Region Frick-Laufenburg, sieht zumindest ein Licht am Grenz-Horizont: Das Thema sei nicht mehr so markant präsent wie bei der Aufhebung des Mindestkurses, sagt sie. Ihr macht – wie ihren Kollegen – etwas anderes mehr Sorgen: der Online-Handel. «Die Zunahme ist deutlich spürbar.»

Der Einkauf in Deutschland, ob direkt vor Ort oder per Online-Versand, zieht ein weiteres Phänomen nach sich: «Vermehrt sollen importierte Geräte angeschlossen und installiert werden», sagt Oehler. Einerseits stelle sich hier das Problem einer fehlenden Zertifizierung. «Ohne diese können die Geräte nicht eingebaut werden.» Anderseits bestehe ein Garantieproblem.

Gerade im Online-Handel sehen viele der befragten Gewerbevereine aber auch eine Chance, frei nach dem Motto: Ich mache mir den Feind zum Freund. «Auch kleine Läden müssen ein ‹zweites Geschäft› eröffnen über den Online-Handel», ist Fritz Gloor überzeugt. «Es gibt auch die Möglichkeit, dass sich alle vernetzen und zusammen auftreten.» Ähnlich tönt es von Franziska Bircher: «Man muss Wege finden, diesen Trend für seinen Bereich zu nutzen.»

Albert Zuber sieht in der «grossen Freiheit» des Online-Handels zugleich auch eine «Geissel» der Gesellschaft. «Nicht alles, was online verkauft wird, ist gut, wertvoll, dienlich, nötig.» Sondern verursache auch Ärger, Unmut, Stress, Kosten und Zeitverlust.

Unterschiedlich sehen die Gewerbevereine das eben angelaufene 2017. «Keine grossen Änderungen» gegenüber dem Vorjahr erwartet Fritz Gloor. Für Franziska Bircher werden die Unternehmungen in diesem Jahr noch mehr gefordert sein. «Die Auflagen und Anforderungen werden zunehmen.»

Nischen und Qualität

Einigkeit besteht bei den Chancen, die das einheimische Gewerbe hat: «Nischen suchen», umschreibt Johannes Oehler einen Ansatz. «Sich mit Qualität, Service und Dienstleistungen vor Ort gegenüber dem Online-Handel und Grenz-Einkäufen abheben», nennt Franziska Bircher einen zweiten. «Kundenfreundlichkeit und innovative Produkte», führt Fritz Gloor ins Feld.

Die Hauptherausforderung stellt für Albert Zuber «der Mensch» dar. «Mitarbeiter zu finden, Wertschätzung abgeben zu können und gute Begegnungen haben zu können.» Ähnlich tönt es von Johannes Oehler. Er sieht die Mitarbeiterrekrutierung, die Ausbildung und «immer noch steigende Lohnkosten» als Pièce de résistance an.

Für Franziska Bircher gilt es, genügend motiviertes Fachpersonal zu finden und dem Preisdruck standzuhalten. Kurz und knapp bringt es Fritz Gloor auf den Punkt: «Den Kunden zu gewinnen und zu behalten, mit persönlicher und fachlicher Kompetenz.»

Als Gefahr für das Gewerbe sieht Johannes Oehler das Klumpenrisiko im Bereich Pharma und Life Sciences. «Wenn hier ein ‹Grosser› wegzieht, dann spüren das auch alle KMU in der Region.» Er hofft denn auch, dass der Pharma-Bereich «weiter brummt».

Die sich öffnende Schere von sinkenden Marktpreisen und höheren Lohnkosten verstärkt für Franziska Bircher den Preisdruck. Zusammen mit dem Rückgang der Arbeitsvolumen «werden Personalabbau, Aufgabe von Geschäften oder Fusionen Folgen sein», glaubt sie.

Für Albert Zuber ist die ganz grosse Gefahr die grassierende Ich-Bezogenheit in der Gesellschaft. Nur aus dieser Ich-Perspektive entstünden Krisen und Gefahren. Sein Wunsch: «Das ‹Wir› sollte im Vordergrund stehen. Vermehrt auch unter den verschiedenen Gewerbevereinen, besonders im unteren Fricktal.»