Vor 25 Jahren, am 8. Dezember 1988, zog der Ständerat – und drei Monate später der Nationalrat – einen Schlussstrich unter das Kernkraftwerkprojekt Kaiseraugst.

Der Bund entschädigte die verhinderte Ausführung des Vorhabens mit 350 Millionen Franken – der effektive Aufwand der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG wurde auf über eine Milliarde beziffert.

Dem Parlamentsentscheid ging ein jahrzehntelanges Ringen voraus. Die Kontroverse wurde zu einer Herausforderung für den demokratischen Rechtsstaat.

Wie sind diese Ereignisse heute einzuordnen? Einen Ansatz liefert das neue Buch «Brennpunkt Kaiseraugst» von Ulrich Fischer, dem langjährigen Direktor der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG.

Mit Herzblut, aber in einer Sachlichkeit, die ihm sogar ein respektvolles Nachwort des früheren Kontrahenten Peter Scholer, Ehrenpräsident der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst, eintrug, schildert Fischer die Einflüsse der Entscheide und Nichtentscheide auf den Lauf der Dinge.

Besonders erhellend sind Hintergrund- und Nebengeräusch-Episoden, etwa aus den Verhandlungsrunden der bundesrätlichen Energiedelegation mit der Vertretung der Kernkraftwerk Kaiseraugst AG im Bundeshaus. Sie verdeutlichen, wie schwer sich die Landesregierung mit Kaiseraugst-Vorkommnissen tat.

Wurzel des Widerstandes

Den Bau des Kernkraftwerkes verhinderte unnachgiebiger Widerstand in der Region, begleitet von Protestkundgebungen und Gewaltaktionen.

Angefangen hatte alles in gutem Einvernehmen. Die Motor-Columbus AG plante hier 1963 ein ölthermisches Kraftwerk.

Doch das Fricktal befürchtete neue Luftverschmutzungen und riet zur Erstellung eines Kernkraftwerks.

Die Gemeinde Kaiseraugst besorgte die Einzonung und der Bund erteilte 1969 eine Standortbewilligung.

Er verlangte allerdings statt der Durchlaufkühlung ab Rhein eine Kühlturmanlage. Zwei 110 Meter hohe Kühltürme im Baugesuch bewirkten einen Meinungsumschwung. In einer konsultativen Abstimmung lehnte die Gemeindeversammlung 1972 diese Variante ab.

Von jetzt an stand das Projekt unter Beschuss. Die grundsätzlichen Kernenergie- und die Projektgegner formierten sich.

Sie vermochten vor allem in Basel-Stadt und Baselland eine breite Opposition zu mobilisieren.

Ein Kernkraftwerk in der dichtbesiedelten Industrieregion Nordwestschweiz sei unzumutbar, argumentierten die Nachbarkantone. Im April 1975 besetzten Demonstranten das Kernkraftwerkgelände wochenlang. Die Polizei sah sich ausserstand, das Grundstück zu räumen.

Unendliche Verzögerungen

Juristische Geplänkel sowie Hinhaltetaktiken im Hinblick auf Atom- und Energie-Initiativen und Gesetzes-Ergänzungen verzögerten die Planung um Jahre.

Nachdem Volk und Stände 1979 die erste und 1984 auch eine zweite Atom-Initiative ablehnten, sprengten Unbekannte den Informationspavillon auf dem Kernkraftwerkareal in die Luft.

Es folgten weitere Anschläge, unter anderem auf Autos von Kernenergieexponenten. Mit der Zeit tauchte die Frage auf, ob auf Kaiseraugst gescheiter zu verzichten wäre.

Die Kernkraftwerk Kaiseraugst AG verwies stets auf den steigenden Energieverbrauch, der ein weiteres KKW rechtfertige.

Der Bundesrat agierte äusserst zurückhaltend, weil er für Entschädigungsforderungen keine Lösung sah.

Die komplexe Kaiseraugst-Geschichte gipfelte darin, dass nicht die Gegner, sondern von der Kernenergie überzeugte Bürgerliche wie Georg Stucky, Christoph Blocher, Ulrich Bremi, Ernst Mühlemann und Bruno Hunziker mit einem konkreten Entschädigungsbegehren das Projekt endgültig zu Fall brachten.

Sie hofften auch, mit der Wegräumung des Zankapfels Kaiseraugst der weiteren Akzeptanz der Kernenergie einen Dienst zu erweisen.

Ulrich Fischer: Brennpunkt Kaiseraugst – das verhinderte Kernkraftwerk. Verlag Interforum Bern. 356 S. Fr. 48.–.