Es ist eine mutige, manche sagen: übermütige Idee: Die Arbeitsgemeinschaft Pro Wiba will, dass zwischen Winterthur und Basel wieder Schnellzüge dem Rhein entlang fahren. So wie es bis 1990 war.

Damals war die Linie Stein-Laufenburg-Koblenz noch für den Personenverkehr geöffnet; heute verkehren zwischen Laufenburg und Koblenz nur noch Güterzüge. Die Schnellzüge wurden 1990 abgehängt, die Bummlerzüge 1994.

Unterstützung erhält die Strecken-Revival-Idee nun auch von politischer Seite. SP-Nationalrat Thomas Hardegger (ZH) hat im Nationalrat eine entsprechende Anfrage an den Bundesrat eingereicht. «Angesichts der bereits bestehenden Erschliessung der Ortschaften entlang der Linie mit den S-Bahnen könnte eine Interregio-Linie von Winterthur nach Basel mit Halten in Bülach, Koblenz und allenfalls zwei bis drei weiteren Halten die beiden Städte mit einer Fahrzeit von weniger als 60 Minuten verbinden», findet er.

Hardegger will vom Bundesrat wissen, ob er sich bei der Entwicklung des Intercity- und Interregio-Netzes Überlegungen in diese Richtung mache und was eine Reaktivierung der Linie kosten würde.

Verschiedene Faktoren nötig

Auf Nachfrage der AZ räumt Hardegger ein, dass für eine Reaktivierung verschiedene Faktoren erfüllt sein müssten – und dies aktuell nicht sind. So müssten seiner Ansicht nach die Städte dies ebenfalls wollen und die SBB bereit sein, ein Projekt «unvoreingenommen zu prüfen». Zudem dürften die Investitionskosten nicht zu hoch sein.

Wo diese zwei, drei zusätzlichen Halte wären, lässt Hardegger offen. Das hänge zum einen davon ab, welche Orte sich dafür starkmachen, zum anderen, von welchen Orten sich der Anbieter – Hardegger nennt neben den SBB auch Thurbo oder die SOB – die grösste Nachfrage erhofft. «Insgesamt sollte einfach die Fahrzeit unter eine Stunde kommen, damit es eine Alternative für die bestehenden IC-Linien wird.» In welchem Takt der Zug fahren müsste, ist für Hardegger eine Frage der Wirtschaftlichkeit – und deshalb ebenfalls Sache des Anbieters.

«Es war ein grosser Fehler, die Linie aufzugeben»

In der Region kommt die Idee gut an – vor allem entlang der Bahnstrecke. So etwa bei Peter Weber, Gemeindepräsident von Mettauertal. Er ist von der Idee begeistert. Denn er ist nach wie vor überzeugt: «Es war ein grosser Fehler, die Linie aufzugeben.» Man habe so eine ganze Region vom öffentlichen Verkehr (öV) abgehängt. Weber unterstützt deshalb Projekte «voll und ganz», welche die Linie zurückbringen.

Er erhofft sich davon zum einen neue wirtschaftliche Impulse für die Region, zum anderen einen Attraktivitätsgewinn als Wohnregion. «Je besser der öV ist, desto eher kommen die Leute», sagt er. Gleichzeitig werde aber beim öV gerade in den Randregionen gespart. Also kommen weniger Leute und der öV wird weiter ausgedünnt. Die Situation fängt für Weber am besten eine Redewendung ein: «Die Katze beisst sich da selber in den Schwanz.»

Strassen entlasten

Wo der Zug halten sollte, hält Weber für sekundär. «Hauptsache, er fährt.» Das findet auch Herbert Weiss, Stadtammann von Laufenburg. Er unterstütze die Idee, sagt er. Die Bahnlinie sei auch schon im Stadtrat thematisiert worden.

Weiss geht es neben dem zusätzlichen Angebot vor allem darum, den Strassenverkehr einzudämmen. «Der Individualverkehr auf der Rheinstrecke hat in den letzten Jahren stark zugenommen», hat er beobachtet. «Eine Zugverbindung könnte hier Entlastung bringen.» Wo der Zug halten sollte, will er ebenfalls nicht beurteilen. Wichtig sei jedoch, dass die Verbindung effizient sei. «Wenn man zwei Stunden von Basel nach Winterthur braucht, bringt es nichts.»

Von Winterthur nach Basel in 60 Minuten

Wie gross der Zeitgewinn ist, ist offen. Der ehemalige Winterthurer FDP-Gemeinderat und Wiba-Promotor Pierre-François Bocion rechnete im «Tages-Anzeiger» vor, dass man via Rheinstrecke in rund 60 Minuten von Winterthur aus in Basel wäre. Dagegen benötigt die aktuell schnellste Verbindung 81 Minuten

Einen Zeitgewinn sieht auch Werner Müller, CVP-Grossrat und als solcher Mitglied der Verkehrskommission, als Bedingung, damit die Reaktivierung einen Sinn macht. Zudem müsste «mindestens der Stundentakt» eingeführt werden, findet er und erhält darin Unterstützung von Herbert Weiss. Denn «sonst ist das Angebot zu wenig attraktiv, um auf den öV umzusteigen».

Konkurrenz für Halbstundentakt?

Wichtig findet Müller, das Projekt mit anderen öV-Vorhaben zu koordinieren. Eines ist der Halbstundentakt auf der S1-Linie zwischen Stein und Laufenburg. Für diesen haben die Fricktaler Grossräte – gegen den Willen der Regierung – im Mai im Grossrat eine Mehrheit gefunden. Zum anderen steht auf deutscher Seite die Elektrifizierung der Hochrheinbahn bevor, an der sich die Schweiz beteiligt. Gerade hier sieht Müller auch einen Stolperstein. «Es ist fraglich, ob es wirklich beide Projekte braucht.»

Die beiden Projekte sind für GLP-Grossrat und Verkehrsspezialist Roland Agustoni der Hauptgrund, warum er der Wiedereröffnung der Rheinstrecke eher skeptisch gegenübersteht. Man müsse Schritt für Schritt vorgehen, findet er. Und im ersten Schritt sei nun der Halbstundentakt zwischen Stein und Laufenburg zu realisieren. Trotz dem grossrätlichen Auftrag an die Regierung, diesen umzusetzen, warnt Agustoni: «Die Umsetzung ist noch nicht im Trockenen.»

Für ihn hat deshalb die Rheinstrecke keine Priorität. «Es ist ein schöner Wunsch, den man diskutieren kann, wenn der Halbstundentakt umgesetzt ist», sagt er. Allerdings sieht er auch dann «keinen grossen Nutzen», es sei denn, der Zug halte wirklich an allen Stationen. «Dann wäre er für Pendler interessant.» Nur eben: Dann dauert die Fahrt von Basel nach Winterthur lange – und der von Bocion erhoffte Effekt wäre futsch. Oder wie es Weber in Sachen Attraktivität formulierte: Dann beisst sich die Katze wieder in den Schwanz.