Nun ist es schon ein Jahr her: Zwischen Weihnachten und Neujahr 2009 wurden auf dem Neulig oberhalb der Fricktaler Gemeinde Hellikon zwei tiefe Löcher entdeckt. Dort wo Bauer Schlienger vor kurzem noch mit schweren Maschinen durchgefahren war und sein Feld bestellt hatte, öffneten sich plötzlich zwei bis zu 20 Meter tiefe Abgründe.

Hätten sich die Krater etwas früher geöffnet, die Erntemaschine von Bauer Schlienger hätte durchaus im grösseren der beiden Krater verschwinden können. Dies stellte er damals mit leichtem Gruseln gegenüber der zahlreich angereisten Presse fest.

Die beiden Krater von Hellikon und die kleine Fricktaler Gemeinde erreichten in jenen Tagen zu Beginn des Jahres 2010 nationale, ja gar internationale Berühmtheit. Es kamen Reporter aus der ganzen Schweiz und auch aus dem angrenzenden Ausland nach Hellikon, schauten in die beiden Löcher und wollten von Bauern, Frau Gemeindeammann Hasler und Geophysiker Donié möglichst viele, möglichst spannende und möglichst sensationelle News erfahren.

Kollektives Gruseln war angesagt, denn die Erde öffnet sich ja nicht alle Tage - dachte man. Doch das Jahr sollte zeigen, dass (Erd-)Löcher doch nicht ganz so ungewöhnlich sind wie gedacht. Die Helliker Löcher jedenfalls haben die Saure-Gurken-Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr und im noch jungen Jahr 2010 interessant gemacht. Man hatte etwas, über das man sprechen konnte, das alle interessierte und beschäftigte.

Dann wurde alles anders

Am 12. Januar 2010 riss in Haiti ein Erdbeben Hunderttausende Menschen in den Tod - und die beiden Löcher oberhalb von Hellikon waren schlagartig nicht mehr interessant. Da und dort waren die neusten Entwicklungen bei der Erforschung der beiden Krater eine Schlagzeile wert, doch die grossen Schlagzeilen schrieb die Katastrophe in Haiti. Und trotzdem: Irgendwie hatte man im Laufe des Jahres immer wieder das Gefühl, überall auf der Welt sei ein bisschen Hellikon.

So öffnete sich beispielsweise im Juni in Guatemala City mitten auf einer Kreuzung plötzlich ein 60 Meter tiefer, kreisrunder Krater, der ein dreistöckiges Haus verschluckte. In Roveredo im Kanton Graubünden verschwand über Nacht ein Pferd - es war in ein etwa 6 Meter tiefes Erdloch gefallen, das sich plötzlich geöffnet hatte. Und erst kürzlich, im November, verschluckte ein 30 mal 30 Meter grosser und 20 Meter tiefer Krater in Deutschland fast ein Wohnquartier - zum Glück wurde dabei nur ein Auto in die Tiefe gerissen und niemand verletzt.

Und so zeigt sich: So speziell ist ein Erdloch doch nicht. Das munkelten die Bauern, schon einige Tage nachdem sich die Erde auf dem Neulig geöffnet hatte, hinter vorgehaltener Hand. Jeder konnte von Erdlöchern auf seinen Feldern berichten - die Löcher auf dem Neulig waren aber doch deutlich grösser.

Und heute?

Mittlerweile ist klar, wie die beiden Löcher entstanden sind: Ein Hangrutsch hat die Erde aufgerissen. Nun geht es darum, diese Löcher wieder zu schliessen - doch dies ist das nächste Rätsel. Wie soll eine kleine Gemeinde wie Hellikon, die nur mit geringen finanziellen Mitteln gesegnet ist, diese Kosten tragen? Deshalb machte man sich in Hellikon auf die Suche nach einem Sponsor, der die Sanierung der beiden Löcher bezahlen könnte. Grundsätzlich ging in der 770-Seelen-Gemeinde aber das Leben trotz zwischenzeitlichem medialem Grossaufmarsch in gewohnten Bahnen weiter. Ganz anders aber in Haiti, dem anderen Grossereignis von Anfang 2010: Nach dem Erdbeben folgten Plünderungen und seit einigen Monaten wird die Bevölkerung, die noch immer zu grossen Teilen in Zeltstädten wohnt, von der Cholera heimgesucht. Da erscheint ein Erdloch - und sei es noch so tief - plötzlich klein und unbedeutend.

Zum Jahresende, wenn man Rückschau aufs alte und Vorschau aufs neue Jahr hält, fällt auf, dass es auch im Leben einige Helliker Löcher gibt: Sie erscheinen riesig, unglaublich bedeutend und als die grosse Neuigkeit. Doch bei genauerem Betrachten stellt man fest, es gibt immer noch etwas, das riesiger, bedeutender und die noch grössere Neuigkeit ist.