Stein

Von 100 auf 0: Wie sich Hansueli Bühler das Leben nach dem Ammann-Amt vorstellt

« Ich will nicht in ein Loch fallen»: Hansueli Bühler bereitet sich bewusst auf die Zeit nach der Politik vor. Thomas Wehrli

« Ich will nicht in ein Loch fallen»: Hansueli Bühler bereitet sich bewusst auf die Zeit nach der Politik vor. Thomas Wehrli

Ende Jahr gibt Hansueli Bühler das Ammann-Amt nach 24 Jahren ab. Er steht vor der schwierigen Frage: Was nun?

Acht Fricktaler Gemeindeammänner hören Ende Jahr auf. Für sie stellt sich die Frage: Was nun? Nicht allen fällt eine Antwort darauf leicht. Vor allem jenen nicht, deren Leben das Politisieren ist. Oder bald war.

Von 100 auf 0. Ein harter Einschnitt. Das kennt jeder, der in Pension geht. Vieles, was den Alltag strukturiert hat, bricht weg. Neues muss her. Sonst droht man zu verdorren, wie eine Blume, die nicht gegossen wird. «Oder man geht zu Hause der Frau auf den Wecker», sagt Hansueli Bühler, 69, abtretender Gemeindeammann von Stein. Beides empfiehlt sich nicht, beides schafft Dürre.

Bühler ist einer der wenigen, der dazu steht, dass ihm das Danach Sorgen macht: «Mich beschäftigt die Zeit nach der Amtszeit und ich habe auch etwas Angst davor.» Bis vor kurzem sass Bühler in mehreren Gremien, war Präsident des Planungsverbandes Fricktal Regio, war FDP-Grossrat, war Stiftungsrat. Sein Tag war oft von 7 bis 22 Uhr ausgefüllt. Und Ende Jahr: alles weg, rien ne va plus. Bühler lacht, trocken. «Es bleibt mir nur das Amt des Festzeltverantwortlichen im Turnverein.»

Er will es so. Aber eben: Es ist auch ein Aufbruch ins Irgendwo, der nicht zum Gang ins Nirgendwo werden darf.

Freundeskreis vernachlässigt

Vor allem in den letzten elf Jahren, als Bühler neben dem Ammann-Amt noch Repla-Präsident war, habe er keine Zeit gehabt, ein Hobby konsequent auszuüben, keine Zeit auch, um den Freundeskreis zu pflegen. «Oder ich meinte es zumindest.» Nun sind sie verblasst, die Hobbys, nun sind sie weg, die Freunde. Mit jedem Mal, an dem er eine Einladung ausschlug, mit jedem Mal, an dem er einem Freund sagte: «Sorry, aber Du weisst: die Gemeinde», vergrösserte sich die Distanz. «Ich habe heute zwar viele gute Kollegen», sagt Bühler. «Aber ich habe keine Freunde mehr.» Und das mit den Kollegen ist auch so eine Sache, wie viele altgediente Politiker bestätigen: Amt weg, Kollegen weg.

Die Leere droht. «Ich stemme mich mit aller Kraft dagegen, denn ich will nicht in ein Loch fallen.» Wieder lacht er. «Ich will auch nicht einer jener griesgrämigen Senioren werden, die nur noch zu Hause sitzen, vor sich hinvegetieren – und dem Umfeld auf die Nerven gehen.»

Als «Sofortmassnahme», wie er es nennt, geht Bühler nun freitags ins «Oldie-Turnen». Letzen Freitag war Premiere. «Ich musste allerdings zuerst neue Turnschuhe kaufen, denn die alten fand ich nirgends mehr.» Daneben überlegt er sich weitere Aktivitäten. «Ich brauche eine Struktur im Alltag», ist sich Bühler bewusst. Golf kann er sich vorstellen. Reisen wird einen wichtigen Platz in seinem Leben nach dem Politleben einnehmen.

Auf die Füsse getreten

Und die Freunde? Bühler verstummt, sein Blick wandert durch den Raum, scheint Halt zu suchen, findet ihn beim Bildschirmschoner, einem Foto seines Enkels. «Das ist der schwierigere Teil», sagt er dann. «Da bin ich ziemlich ratlos.» Es werde Zeit brauchen, einen neuen Freundeskreis aufzubauen oder den alten wiederzubeleben. Zumal: «Wenn man 23 Jahre Gemeindeammann ist, erweitert sich der Kreis der Leute, denen man irgendeinmal an den Karren gefahren ist oder die man enttäuscht hat, ohne dies zu wollen, ganz automatisch.» Jüngeren Amtskollegen rät Bühler denn auch zweierlei: «Man darf das liebste Hobby nicht aufgeben und muss sich stets Zeit für seine Freunde nehmen.»

Dass er dies vernachlässigt hat, bereut Bühler – als Einziges. «Ich würde die Ämter wieder übernehmen», sagt er und zieht für sich eine positive Bilanz: «Es waren interessante und spannende Jahre, die mir viel Freude bereitet haben.» Er sei vielen «hochinteressanten Menschen» begegnet, denen er ohne seine Ämter nie über den Weg gelaufen wäre.

Und, ja, er denke, dass er auch mithelfen konnte, in der Gemeinde und der Region das eine oder andere zu bewegen, das eine oder andere anzustossen. «Das erfüllt mich mit Genugtuung.» Die Erfahrung «Gemeindeammann» könne er jedem und jeder «nur wärmstens empfehlen.» Mit Freu(n)den.

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