Es ist die Zeit, in welcher der Minnesänger das Burgfräulein bezirzte, der Medicus mit Kräutern und Tinkturen die Leiden der Kranken linderte und die Ritter auf dem Schlachtfeld ihre Klingen kreuzten. Drei- bis viermal im Jahr reisen Andreas, 41, und Ela Rettig, 49, aus Zeiningen in diese Zeit zurück, wenn sie auf Mittelaltermärkten das Leben slawischer Bauern aus dem 10. Jahrhundert nachstellen.

Seit 2005, als Andreas Rettig an seinem ersten Markt teilnahm, hat ihn das Mittelalter-Fieber gepackt: «Die Mittelalter-Märkte sind Inseln der Entschleunigung. Das Handy ist im Flugmodus und wir sind nur im Notfall erreichbar», sagt er. Wenn Andreas und Ela Rettig für einige Stunden dem Stress und der Hektik des 21. Jahrhunderts entfliehen, schärfen sie gleichzeitig die Sinne für die schönen Seiten der Natur: «Wenn man vor dem Sonnenaufgang den Anblick der Nebelschwaden geniessen kann, die dicht über der Wiese vor dem menschenleeren Mittelalter-Markt liegen, fühlt man sich der Natur sehr nahe», beschreibt es Andreas Rettig.

Ein Wildschweinbraten mit Zimt

Für beide ist es wichtig, das Leben des Mittelalters so authentisch wie möglich nachzuahmen: «Wir sind slawische Bauern, weil der Aufwand, in diese Figuren zu schlüpfen, kleiner ist, als in Figuren aus dem adligen Stand», erklärt Andreas Rettig. Trotzdem ist der Aufwand nicht gering: Ela Rettig näht die Gewänder nach historischen Abbildern aus Leinen und Wolle, bastelt Lampions aus Hirschhaut, die nachts das Lager erhellen und kocht Eintöpfe, Kohl und Wildschweinbraten über einer Feuerstelle. Auch mit den Gewürzen nimmt sie es genau: «An den Wildschweinbraten mache ich viel Zimt, weil mit diesem im Mittelalter gerne gewürzt wurde», sagt sie.

Andreas Rettig ist zuständig für die Möblierung des Lagers. Betten, Tische und Stühle entwirft er selbst. «Das Equipment für unser Lager hat vor einigen Jahren noch in ein Auto gepasst. Heute brauchen wir für dieses einen Lieferwagen», sagt er und schiebt nach: «Mich motiviert es, mich immer mehr an das damalige Leben anzunähern – auch wenn es immer nur eine Annäherung bleiben wird», sagt er. Denn auf manche Annehmlichkeiten will er dann doch nicht verzichten: «Ein Kaffee am Morgen muss dann doch sein», sagt er mit spitzbübischem Grinsen.

Beide geniessen es, auf den Märkten auf Gleichgesinnte zu treffen: «Die Leidenschaft der Teilnehmer muss stimmen. Ist dies der Fall, dann wirkt der Markt authentisch und wir können voll in unseren Rollen aufgehen», sagt Ela Rettig. Jedoch gibt es immer wieder Leute, welche ihre mittelalterlichen Rollen unzureichend ausfüllen: «Gerade neue Teilnehmer, die Ritter darstellen, haben oft weder Pferd noch Gefolgschaft. Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes», sagt Andreas Rettig, der darüber schmunzeln muss.

Der Ritter zückt das Schwert

Das Aufeinandertreffen der verschiedenen Figuren führt zu so manch amüsanter Situation. So habe sich schon das eine oder andere Mal ein Ritter einen Scherz erlaubt, indem er das Schwert gegen Andreas Rettig erhoben hat. «Ich erwidere dann seinen Angriff, indem ich meine Axt zücke», sagt er und schiebt mit einem Augenzwinkern nach: «Bevor mich der Ritter mit seinem Schwert treffen würde, hätte meine Axt ihn schon erledigt.»

Doch nicht nur auf den Mittelalter-Märkten, auch in ihrem Alltag finden sich Elemente des Mittelalters wieder. So hängen mehrere Schwerter an der Wohnzimmerwand und in ihrem Garten steht Svantovit – ein vierköpfiger allwissender Gott – in Form einer 1,6 Meter hohen Holzskulptur. «So haben wir ein Stück Mittelalter immer bei uns zu Hause», sagt Ela Rettig.

An ihrer Hochzeit in einer slawischen Siedlungsanlage kamen die Gäste in mittelalterlichen Gewändern. Ein Hohepriester gab ihnen den Segen für die Ehe. «Wie es slawischer Brauch ist, schenkte mir meine Frau eine Axt, um Haus und Hof zu beschützen», erzählt Andreas Rettig. Ein weiterer Brauch sah vor, dass er die Füsse seiner Frau waschen muss und anschliessend mit dem Waschwasser die Gäste besprenkelt. Dass dies Andreas Rettig besonders amüsierte, kann sein herzhaftes Lachen nicht verhehlen.